Mittwoch, 18. September 2019

Die Vielfalt der Natur als Apotheke

Ausgabe 05.2015

Die Natur ist eine Schatzkammer für Arzneimittel. Viele unserer Medikamente werden aus pflanzlichen oder tierischen Wirkstoffen gewonnen. Das große Artensterben bedroht somit auch unsere Gesundheit. Was können wir tun?


Foto: © Can Stock Photo Inc. - AlisPhoto

Es ist noch nicht lange her, da war man nicht nur in Ärztenkreisen, sondern auch unter Laien der Meinung, dass die Natur in der Medizin nichts zu suchen habe – oder dass man sie zumindest nicht benötige. „Im vergangenen Jahrhundert konnte die synthetische Chemie große Erfolge verbuchen“, blickt Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Kubelka, Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (www.phytotherapie.at) im Gespräch mit GESÜNDER LEBEN zurück. „Die weit verbreitete Meinung lautete, dass Heilpflanzen obsolet seien, da man genügend synthetische Medikamente zur Verfügung hatte. Man darf nicht vergessen, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts auch eine große Anzahl wirksamer Antibiotika verfügbar wurde.“ Ab den 1960er-Jahren – und wohl auch im Zuge der Flower-Power-Bewegung – kam eine „grüne Welle“ auf, so der Experte, die „zuerst nur als Modeerscheinung abgetan wurde, aber bis heute anhält. Immer mehr Mediziner und vor allem immer mehr Patienten interessieren sich inzwischen wieder verstärkt für pflanzliche Arzneimittel.“ Der Grundgedanke dahinter ist klar: großes Wirksamkeitsspektrum bei gleichzeitig wenig Nebenwirkungen. Beinahe in jeder österreichischen Haushaltsapotheke finden sich Salbei- und Brennnesseltee, Johanniskrautöl oder Ringelblumensalbe.

Artensterben „Schon seit Jahrtausenden ist die Natur unser Lieferant für Arzneien zur Bekämpfung von Krankheiten“, betont Kubelka. Heute, so der Experte weiter, werden viele Medikamente meist entweder aus Pflanzen gewonnen oder den „natürlichen Vorbildern“ wie Bestandteilen in Pflanzen, Tieren oder Mikroben nachempfunden. Das aktuelle Wiederentdecken von Heilpflanzen kommt gerade noch rechtzeitig – oder vielleicht auch schon zu spät: Denn der Verlust der biologischen Vielfalt ist laut Experten eines der schwerwiegendsten Probleme und Gefahren der Gegenwart. Unter dem Begriff „biologische Vielfalt“ (oder „Biodiversität“) versteht man die Vielfalt des Lebens auf der Erde und ihre Zusammenhänge in ihrer gesamten Bandbreite. Zu dieser Lebensvielfalt gehören alle Lebewesen und Arten, Ökosysteme und Landschaften sowie Tierrassen und Pflanzensorten. Aufgrund des steilen Anstiegs der Weltbevölkerung und der damit verbundenen Umweltbelastungen schreitet das Artensterben bedrohlich rasch voran: Wissenschafter betonen, dass die heutigen Bedingungen den Rückgang der biologischen Vielfalt zum Teil um ein 100-faches oder gar um ein 1.000-faches beschleunigen. Um diese Zusammenhänge der breiten Öffentlichkeit näherzubringen, hat der Umweltdachverband gemeinsam mit dem BMLFUW die Initiative „Biodiversität & Gesundheit“ gestartet. Mathilde Stallegger, Biodiversitätsexpertin im Umweltdachverband, meint dazu: „Mit der Einrichtung der  Plattform möchten wir vor allem vernetzen und politische Handlungsfelder für Biodiversität und Gesundheit definieren.“

Forschungen gehen weiter. Besonders die Pflanzenvielfalt ist für unsere Gesundheit von großer Bedeutung. Weltweit gibt es, nach Schätzungen, zwischen 300.000 und 500.000 Arten höherentwickelter Pflanzen, davon werden rund 70.000 zur Behandlung von Krankheiten verwendet. In Österreich zählt man circa 3.400 Pflanzenarten, wovon 500 Arten in der Volksmedizin verwendet werden. „Österreich kann stolz auf seine Heilpflanzen-Vielfalt sein“, ist Kubelka überzeugt. Aktuell gibt es österreichweit mehrere universitäre Forschungsprojekte, die sich der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) bzw. den Phytopharmaka (pflanzliche Arzneimittel) verschrieben haben. Kubelka: „Man ist nach wie vor bestrebt, reine Wirkstoffe aus Pflanzen zu gewinnen und deren Wirkungen zu erforschen!“

Wussten Sie, dass …

Die wichtigsten heimischen Heilpflanzen im Überblick

Johanniskraut die beliebteste Heilpflanze der Österreicher ist und zur „Arzneipflanze 2015“ gewählt wurde? Aus den Blüten wird Rotöl hergestellt und bei Brandwunden, Prellungen, Quetschungen, aber auch bei rheumatischen Beschwerden verwendet. Als Tee hilft die Pflanze bei Nervosität, Unruhe und depressiven Verstimmungen.
… die in Niederösterreich wachsende und vom Aussterben bedrohte Große Kuhschelle in der Homöopathie besonders bei Frauen eingesetzt wird, da sie gegen Migräne und Menstruationsbeschwerden hilft?
… die Wirkung des Holunders schon seit der Steinzeit bekannt ist und bei Erkältungen, Rheuma oder Hautkrankheiten eingesetzt wird?
Arnika, die für ihre antibakterielle, entzündungshemmende und krampflösende Wirkung bekannt ist, einst über ganz Europas verbreitet war, aktuell aber zu den bedrohten Pflanzenarten gehört?
Bärlauch vor allem in Ostösterreich wächst und nicht nur in der Küche beliebt ist, sondern auch vorbeugend gegen Arteriosklerose-Beschwerden hilft?
… aus der Sommerlinde der Lindenblütentee hergestellt wird, der schweißtreibend ist und bei leicht fieberhaften Erkältungen, Hustenreiz oder Halsschmerzen hilft?
Lungenkraut gegen Husten, Bronchitis und Pickel eingesetzt wird?
Salbei eine wahre Wunderpflanze ist, die schweißhemmend, blutstillend, desinfizierend, entzündungshemmend im Mund- und Rachenraum, krampflösend sowie pilzabtötend wirkt und sich auch positiv auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken kann?
Schafgarbe eine blutreinigende, blutstillende, gefäßtonisierende sowie krampflösende Wirkung besitzt?
Fenchel bereits seit Jahrtausenden als Heilmittel bei Husten und Blähungen Verwendung findet?
Der Umweltdachverband haftet nicht für die Wirksamkeit oder etwaige Nebenwirkungen der hier beschriebenen Arzneipflanzen.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Projektes „Biodiversität & Gesundheit“ des Umweltdachverbandes. Dieses soll Synergien zwischen Erhalt der biologischen Vielfalt und Gesundheitsförderung schaffen und unterstützt die Erreichung der Ziele der neuen Biodiversitäts-Strategie Österreich 2020+. http://natur-vielfalt.at/gesundheit/blog/

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