Die Macht der Hormone

Ausgabe 2018.02

Sie bestimmen, wie wir uns fühlen und ob wir gut schlafen. Sie lassen uns wachsen und irgendwann altern. Sie haben Einfluss auf unser Gewicht, unsere Stimmung und unser Liebesleben. Hormone steuern nahezu jeden unserer Lebensbereiche. GESÜNDER LEBEN zeigt, wie Sie Ihren Hormonhaushalt selbst positiv beeinflussen können.


Foto: iStock-Deagreez

Das sind wohl wieder die Hormone.“ Nicht selten werden vor allem Frauen mit diesem Spruch konfrontiert – vor allem, um Stimmungsschwankungen biologisch zu erklären. Die chemischen Botenstoffe haben jedoch nicht nur Einfluss auf unser Gefühlsleben, sondern auf nahezu all unsere Lebensbereiche – und das bei Männern und Frauen. Die Botenstoffe, die uns fest im Griff zu haben scheinen, entstehen in Drüsen, die über den ganzen Körper verteilt sind. So werden die weiblichen Geschlechtshormone in den Eierstöcken und die männlichen in den Hoden produziert, das Stresshormon Adrenalin entstammt aus der Nebenniere, die Bauchspeicheldrüse steuert Insulin bei, dessen Aufgabe es ist, den Blutzuckerspiegel in Schach zu halten, während die Schilddrüse gleich mehrere Hormone wie etwa Thyroxin produziert. Unser Gehirn nützt diese chemischen Botenstoffe, um Befehle weiterzugeben – etwa an die Organe, die den Stoffwechsel steuern, an den Kreislauf oder die Muskeln. Zur Verteilung wird das Verbindungsnetz des Körpers genützt: Die Hormone gelangen über das Blut an die Zielzellen, an deren Rezeptoren sie andocken. „Schaltzentrale des Hormonsystems ist unser Gehirn. Es steuert das komplexe System und überwacht das Level der einzelnen Hormone in unserem Blut“, erklärt Dr. Christian Matthai, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe mit dem Schwerpunkt Endokrinologie. „Die Hirnanhangdrüse überprüft ständig, ob die einzelnen Botenstoffe in ausreichender Menge vorhanden sind. Stellt sie einen Überschuss oder Mangel fest, veranlasst sie die Drüsen, neue Botenstoffe herzustellen oder die Produktion zu drosseln.“

So unterstützen Sie Ihr Hormonsystem

Der individuelle Lebensstil beeinflusst unseren Hormonhaushalt. Dr. Christian Matthai erklärt, was wir selbst tun können, um unseren Hormon-Level in Balance zu halten.

Ruhephasen: „Wer ständig unter Strom steht, wird früher oder später mit Hormonstörungen konfrontiert sein“, erklärt Dr. Matthai. Was uns dann vor allem Schwierigkeiten macht: ein erhöhter Cortisol-Spiegel. Wechseln sich Stress- und Ruhephasen kontinuierlich ab, entstehen keine Probleme. Bei dauerhaftem, lang anhaltendem Stress ohne Entspannungsphasen kommt es aber zu einer massiven Erhöhung des Cortisol-Levels, was zur Folge hat, das andere wichtige Prozesse des Körpers wie etwa die Verdauung runtergefahren werden. Wichtig: Da das Stresshormon vor allem in der ersten Nachthälfte abgebaut wird, ist der Schlaf vor Mitternacht optimal.

Genügend Schlaf. „Während wir schlafen, reguliert sich das Hormonsystem. Schlafstörungen oder eine zu kurze Nachtruhe sorgt für Ungleichgewicht im Hormonhaushalt“, so der Arzt.

Gesunde Ernährung. Spezielle Lebensmittel unterstützen den Körper dabei, Hormone zu produzieren und auszubalancieren. So wirken sich beispielsweise Fenchel und Kohl positiv auf die Östrogenproduktion aus, Eigelb enthält wichtige Nährstoffe für die Schilddrüsenhormone, während die Alge Spirulina hormonausgleichende Nährstoffe wie Kalzium und Magnesium liefert.

Viel Bewegung. Viele Hormone werden vor allem bei intensiver Bewegung und sportlicher Betätigung ausgeschüttet – beispielsweise das Wachstumshormon Somatotropin, auch HGH (human growth hormone) genannt. Regelmäßige Ausdauer-Bewegung kurbelt auch die Produktion der Glückshormone Endorphin und Serotonin an.

Stimulation des Geistes. „Meditation, Yoga oder autogenes Training eignen sich gerade in einer stressreichen, schnelllebigen Zeit wie der unseren dazu, abschalten zu können und Stresshormone abzubauen“, erläutert Matthai.


Frühlingsgefühle. So ausgeklügelt das Zusammenspiel der Botenstoffe ist, so weitreichend ist auch ihr Einfluss auf unser Leben. Eine Assoziation, die vielen bei Hormonen als Erstes einfällt, ist unser Liebes- und Sexualleben. Nicht ohne Grund, denn: Schon bei der ersten Verliebtheit haben die Botenstoffe ihre Finger im Spiel. Sind wir frisch verliebt, klopft das Herz beim Anblick der geliebten Person. Dafür verantwortlich ist ein steigender Adrenalin-Spiegel. Der Dopamin-Spiegel steigt in der ersten Verliebtheitsphase an, der Botenstoff aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn. Das „Kuschelhormon“ Oxytocin wiederum sorgt dafür, dass diese Glücksgefühle an diese eine Person gekoppelt sind. Auch unser Sexualleben käme ohne Hormone nicht in Gang. „Dabei sind die männlichen Sexualhormone für Frauen genauso wichtig wie die weiblichen Progesteron und Östrogen“, erklärt Matthai. „Testosteron und DHEA halten die Lust nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen hoch. Ist der Anteil der beiden Hormone zu gering, leidet die Libido und die Stimmung sinkt, da Testosteron auch als wichtiger Serotonin-Transmitter fungiert.“ Auch Östrogen steigert das Verlangen, sein Spiegel steigt bei Frauen rund um den Eisprung – eine Maßnahme der Natur, um die Fortpflanzung abzusichern.

Problembereich Schilddrüse. Ob Stimmungslage, Gewicht, Stoffwechsel oder Herz-Kreislauf-System – Hormone, die in der Schilddrüse produziert werden, wirken nahezu überall in unserem Körper. Deshalb hat ein Ungleichgewicht dieser Botenstoffe oft mehrfache negative Folgen. Ein Problem, das vor allem bei Frauen häufig vorkommt: „Jede achte Frau leidet an einer Schilddrüsenfunktionsstörung“, erläutert der Arzt. Hormone wie Thyroxin oder Triiodthyronin werden dann in zu hohem bzw. zu geringem Ausmaß produziert. „Am häufigsten verbreitet ist die Schilddrüsenunterfunktion. Die Folge dieser Mangelversorgung: Verschiedene Stoffwechselprozesse laufen verlangsamt ab, was oft zu einer Gewichtszunahme führt, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nimmt ab, man fühlt sich ausgelaugt, müde, friert häufig.“ Produziert die Drüse zu viele Hormone, macht sich das hingegen mit Gewichtsverlust, innerer Unruhe, Schlaflosigkeit und vermehrtem Schwitzen bemerkbar. Ein Gang zum Arzt lohnt sich: Wird aufgrund solcher Symptome eine Fehlfunktion der Schilddrüse festgestellt, kann diese mit einer Hormontherapie ausgeglichen werden.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Auch bei unserer Stimmungslage haben Hormone ihre Finger im Spiel. Mit Serotonin, Endorphin und Dopamin hält unser Hormonsystem ein Trio parat, das einem wahren Glückscocktail gleichkommt. Ein Mangel der genannten Botenstoffe führt hingegen dazu, dass wir uns traurig und niedergeschlagen oder depressiv fühlen. Die gute Nachricht: Zu einem gewissen Teil können wir unseren Glückshaushalt selbst beeinflussen, etwa durch genügend Bewegung, Entspannung und Sport. „Vor allem durch Ausdauersportarten mit rhythmischen Bewegungsabläufen wie Schwimmen oder Laufen wird Dopamin ausgeschüttet und die Produktion von Serotonin und Endorphin im Gehirn gefördert“, erklärt der Mediziner.

Das mach ich doch im Schlaf! Hormone bestimmen auch unseren Tagesablauf. So wird etwa Cortisol, das auch als Stresshormon bekannt ist, vermehrt in den frühen Morgenstunden produziert, um uns fit für den Tag zu machen. Die Schlafenszeit wird hingegen durch das Hormon Melatonin eingeleitet. „Häufig ist die Ursache einer hormonellen Störung im Schlafverhalten begründet“, erläutert Matthai. „Wer schlecht oder zu kurz schläft, beeinflusst dadurch den Hormonhaushalt, denn viele Botenstoffe entstehen während unserer Nachtruhe.“ So wird Cortisol in der ersten Nachthälfte abgebaut, wodurch wir zu Ruhe kommen. Das Wachstumshormon Somatotropin wird hauptsächlich in der Tiefschlafphase ausgeschüttet.

Figurkiller Hormone. Sie ernähren sich gesund, machen ausreichend Bewegung und achten auf Kalorien – doch die Kilos schwinden nicht von den Hüften? Das kann hormonelle Ursachen haben. Nicht nur die bereits erwähnte Schilddrüsenunterfunktion macht Abnehmen zu einer Mission impossible, auch die Botenstoffe Leptin, Ghrelin und Peptid YY sind ein Trio, das uns kurzfristigen Gewichtsverlust schwer macht. Während Ersteres für das Sättigungsgefühl zuständig ist, regelt Ghrelin unser Hungergefühl. Peptid YY schließlich soll den Appetit zwischen den Mahlzeiten unterdrücken. Ein Ungleichgewicht dieser Hormone entsteht vor allem bei Radikaldiäten – die Funktion ist ein Erbe der Evolution: Der Körper reagierte mit dem Zusammenspiel dieser Botenstoffe auf Hungersnöte und sorgte damit dafür, dass unsere Ahnen längere Hungerphasen ohne zu großen Gewichtsverlust überstehen konnten.

Alles nur eine Phase. „Es gibt kaum Lebensbereiche oder -phasen, die nicht in irgendeiner Form von Hormonen beeinflusst sind“, erläutert Matthai. Dennoch sind bestimmte Lebensphasen besonders vom Zusammenspiel der Botenstoffe geprägt. „Zum ersten Mal spüren wir die Auswirkung von Hormonen in der Pubertät so richtig. Die Eierstöcke und Hoden werden dann besonders aktiv, um vermehrt Geschlechtshormone zu produzieren. Die drastische Umstellung des Hormonhaushalts führt dazu, dass sich Teenager überfordert fühlen.“ Diese Phase sei gefühlsmäßig mit der hormonellen Umstellung nach einer Schwangerschaft vergleichbar, so der Arzt: „Viele Frauen haben nach der Geburt Probleme mit der großen hormonellen Veränderung. Im schlimmsten Fall führt dies zur Wochenbettdepression.“ Diese postnatale Depression lässt sich jedoch ebenfalls gut medikamentös behandeln. Zum zweiten Mal groß ins Spiel kommen Hormone in den Wechseljahren. Der Abfall der Geschlechtshormone wirkt sich vor allem bei Frauen aus. „Männer sind zwar auch davon betroffen, bei ihnen fallen die Hormone aber kontinuierlicher und über einen längeren Zeitraum ab als bei Frauen.“ Während für rund ein Drittel aller Frauen dieser Übergang von der reproduktiven zur unfruchtbaren Phase problemlos verläuft und ein Drittel über leichte Beschwerden klagt, leidet ein Drittel massiv unter der Umstellung. „Das geht vor allem mit Hitzewallungen und Schlafstörungen einher“, so der Mediziner. Probleme, die mit einer Hormonersatztherapie leicht in den Griff zu bekommen sind. Angst müsse man davor nicht haben, so Matthai. „Jahrelang galt die Annahme, dass durch eine solche Therapie das Krebsrisiko erhöht werde. Mittlerweile ist das Gegenteil bewiesen und niemand muss aufgrund von massiven Wechseljahrs-Beschwerden unnötig leiden.“

Wann zum Arzt? Sind Hormone aus dem Gleichgewicht, äußert sich dies nicht in Schmerzen oder spontanen drastischen Veränderungen. Es gibt jedoch Alarmsignale, die Sie ernst nehmen sollten. „Bei Frauen sind Zyklusstörungen ein erster Hinweis“, so der Arzt. „Gewichtszu- oder -abnahme, Haarausfall oder vermehrtes Haarwachstum, Frieren oder erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Hitze, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen können ebenfalls auf ein hormonelles Ungleichgewicht hinweisen.“ Stellen Sie diese Symptome über einen längeren Zeitraum fest, kann ein Gang zum Arzt Gewissheit bringen.

© Gesünder Leben Verlags GsmbH.