Dienstag, 24. September 2019

Die Macht der Hormone - Frühlingsgefühle

Ausgabe 2018.02
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Frühlingsgefühle. So ausgeklügelt das Zusammenspiel der Botenstoffe ist, so weitreichend ist auch ihr Einfluss auf unser Leben. Eine Assoziation, die vielen bei Hormonen als Erstes einfällt, ist unser Liebes- und Sexualleben. Nicht ohne Grund, denn: Schon bei der ersten Verliebtheit haben die Botenstoffe ihre Finger im Spiel. Sind wir frisch verliebt, klopft das Herz beim Anblick der geliebten Person. Dafür verantwortlich ist ein steigender Adrenalin-Spiegel. Der Dopamin-Spiegel steigt in der ersten Verliebtheitsphase an, der Botenstoff aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn. Das „Kuschelhormon“ Oxytocin wiederum sorgt dafür, dass diese Glücksgefühle an diese eine Person gekoppelt sind. Auch unser Sexualleben käme ohne Hormone nicht in Gang. „Dabei sind die männlichen Sexualhormone für Frauen genauso wichtig wie die weiblichen Progesteron und Östrogen“, erklärt Matthai. „Testosteron und DHEA halten die Lust nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen hoch. Ist der Anteil der beiden Hormone zu gering, leidet die Libido und die Stimmung sinkt, da Testosteron auch als wichtiger Serotonin-Transmitter fungiert.“ Auch Östrogen steigert das Verlangen, sein Spiegel steigt bei Frauen rund um den Eisprung – eine Maßnahme der Natur, um die Fortpflanzung abzusichern.

Problembereich Schilddrüse. Ob Stimmungslage, Gewicht, Stoffwechsel oder Herz-Kreislauf-System – Hormone, die in der Schilddrüse produziert werden, wirken nahezu überall in unserem Körper. Deshalb hat ein Ungleichgewicht dieser Botenstoffe oft mehrfache negative Folgen. Ein Problem, das vor allem bei Frauen häufig vorkommt: „Jede achte Frau leidet an einer Schilddrüsenfunktionsstörung“, erläutert der Arzt. Hormone wie Thyroxin oder Triiodthyronin werden dann in zu hohem bzw. zu geringem Ausmaß produziert. „Am häufigsten verbreitet ist die Schilddrüsenunterfunktion. Die Folge dieser Mangelversorgung: Verschiedene Stoffwechselprozesse laufen verlangsamt ab, was oft zu einer Gewichtszunahme führt, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nimmt ab, man fühlt sich ausgelaugt, müde, friert häufig.“ Produziert die Drüse zu viele Hormone, macht sich das hingegen mit Gewichtsverlust, innerer Unruhe, Schlaflosigkeit und vermehrtem Schwitzen bemerkbar. Ein Gang zum Arzt lohnt sich: Wird aufgrund solcher Symptome eine Fehlfunktion der Schilddrüse festgestellt, kann diese mit einer Hormontherapie ausgeglichen werden.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Auch bei unserer Stimmungslage haben Hormone ihre Finger im Spiel. Mit Serotonin, Endorphin und Dopamin hält unser Hormonsystem ein Trio parat, das einem wahren Glückscocktail gleichkommt. Ein Mangel der genannten Botenstoffe führt hingegen dazu, dass wir uns traurig und niedergeschlagen oder depressiv fühlen. Die gute Nachricht: Zu einem gewissen Teil können wir unseren Glückshaushalt selbst beeinflussen, etwa durch genügend Bewegung, Entspannung und Sport. „Vor allem durch Ausdauersportarten mit rhythmischen Bewegungsabläufen wie Schwimmen oder Laufen wird Dopamin ausgeschüttet und die Produktion von Serotonin und Endorphin im Gehirn gefördert“, erklärt der Mediziner.

Das mach ich doch im Schlaf! Hormone bestimmen auch unseren Tagesablauf. So wird etwa Cortisol, das auch als Stresshormon bekannt ist, vermehrt in den frühen Morgenstunden produziert, um uns fit für den Tag zu machen. Die Schlafenszeit wird hingegen durch das Hormon Melatonin eingeleitet. „Häufig ist die Ursache einer hormonellen Störung im Schlafverhalten begründet“, erläutert Matthai. „Wer schlecht oder zu kurz schläft, beeinflusst dadurch den Hormonhaushalt, denn viele Botenstoffe entstehen während unserer Nachtruhe.“ So wird Cortisol in der ersten Nachthälfte abgebaut, wodurch wir zu Ruhe kommen. Das Wachstumshormon Somatotropin wird hauptsächlich in der Tiefschlafphase ausgeschüttet.

Figurkiller Hormone. Sie ernähren sich gesund, machen ausreichend Bewegung und achten auf Kalorien – doch die Kilos schwinden nicht von den Hüften? Das kann hormonelle Ursachen haben. Nicht nur die bereits erwähnte Schilddrüsenunterfunktion macht Abnehmen zu einer Mission impossible, auch die Botenstoffe Leptin, Ghrelin und Peptid YY sind ein Trio, das uns kurzfristigen Gewichtsverlust schwer macht. Während Ersteres für das Sättigungsgefühl zuständig ist, regelt Ghrelin unser Hungergefühl. Peptid YY schließlich soll den Appetit zwischen den Mahlzeiten unterdrücken. Ein Ungleichgewicht dieser Hormone entsteht vor allem bei Radikaldiäten – die Funktion ist ein Erbe der Evolution: Der Körper reagierte mit dem Zusammenspiel dieser Botenstoffe auf Hungersnöte und sorgte damit dafür, dass unsere Ahnen längere Hungerphasen ohne zu großen Gewichtsverlust überstehen konnten.

Alles nur eine Phase. „Es gibt kaum Lebensbereiche oder -phasen, die nicht in irgendeiner Form von Hormonen beeinflusst sind“, erläutert Matthai. Dennoch sind bestimmte Lebensphasen besonders vom Zusammenspiel der Botenstoffe geprägt. „Zum ersten Mal spüren wir die Auswirkung von Hormonen in der Pubertät so richtig. Die Eierstöcke und Hoden werden dann besonders aktiv, um vermehrt Geschlechtshormone zu produzieren. Die drastische Umstellung des Hormonhaushalts führt dazu, dass sich Teenager überfordert fühlen.“ Diese Phase sei gefühlsmäßig mit der hormonellen Umstellung nach einer Schwangerschaft vergleichbar, so der Arzt: „Viele Frauen haben nach der Geburt Probleme mit der großen hormonellen Veränderung. Im schlimmsten Fall führt dies zur Wochenbettdepression.“ Diese postnatale Depression lässt sich jedoch ebenfalls gut medikamentös behandeln. Zum zweiten Mal groß ins Spiel kommen Hormone in den Wechseljahren. Der Abfall der Geschlechtshormone wirkt sich vor allem bei Frauen aus. „Männer sind zwar auch davon betroffen, bei ihnen fallen die Hormone aber kontinuierlicher und über einen längeren Zeitraum ab als bei Frauen.“ Während für rund ein Drittel aller Frauen dieser Übergang von der reproduktiven zur unfruchtbaren Phase problemlos verläuft und ein Drittel über leichte Beschwerden klagt, leidet ein Drittel massiv unter der Umstellung. „Das geht vor allem mit Hitzewallungen und Schlafstörungen einher“, so der Mediziner. Probleme, die mit einer Hormonersatztherapie leicht in den Griff zu bekommen sind. Angst müsse man davor nicht haben, so Matthai. „Jahrelang galt die Annahme, dass durch eine solche Therapie das Krebsrisiko erhöht werde. Mittlerweile ist das Gegenteil bewiesen und niemand muss aufgrund von massiven Wechseljahrs-Beschwerden unnötig leiden.“

Wann zum Arzt? Sind Hormone aus dem Gleichgewicht, äußert sich dies nicht in Schmerzen oder spontanen drastischen Veränderungen. Es gibt jedoch Alarmsignale, die Sie ernst nehmen sollten. „Bei Frauen sind Zyklusstörungen ein erster Hinweis“, so der Arzt. „Gewichtszu- oder -abnahme, Haarausfall oder vermehrtes Haarwachstum, Frieren oder erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Hitze, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen können ebenfalls auf ein hormonelles Ungleichgewicht hinweisen.“ Stellen Sie diese Symptome über einen längeren Zeitraum fest, kann ein Gang zum Arzt Gewissheit bringen.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Die Macht der Hormone
Seite 2 Frühlingsgefühle

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