Donnerstag, 19. September 2019

Die Geheimnisse unserer Augen

Ausgabe 2014.02

Das Auge ist unser Tor zur Welt. Und es sieht quasi auch in unser Inneres. So können Augenprobleme auf ganz unterschiedliche Krankheiten hinweisen – von Migräne bis hin zu einem Schlaganfall.


Foto: Can Stock Photo Inc. - bds

Peter T., ein Manager, sucht seine Augenärztin auf. Seit zwei Tagen leidet er an unscharfem und verschwommenem Sehen. Er kommt direkt vom Flughafen und hat wenig Zeit. Die Augenärztin stellt bei Herrn T. extrem trockene Augen fest und verabreicht befeuchtende Augentropfen – kurz danach ist sein Sehvermögen wieder komplett hergestellt. Ein anderer Fall: Helga A., eine „Kopfschmerzpatientin“,  leidet schon längere Zeit an unklarem „Blitzen“ vor den Augen. Da ihre Mutter und Schwester Migräne haben, führt sie ihre Beschwerden ebenfalls darauf zurück. In Beruf und Familie stark eingespannt, nimmt sie sich nicht die Zeit für einen Augenarztbesuch. Tage vergehen – das „Blitzen“ hört nicht auf. Nach einer Woche bemerkt sie im Blickfeld des rechten Auges einen dunklen „Vorhang“, der sich immer weiter senkt. Endlich sucht sie die Augenärztin auf. Die niederschmetternde Diagnose: Netzhautablösung.

Augen auf! Dr. Sophie Kellner-Rechberger, Fachärztin für Augenheilkunde und Optometrie im Facharztzentrum Votivpark, 1090 Wien, kennt viele solche Fälle aus ihrer Praxis. „Die Herausforderung besteht darin, harmlose von schwerwiegenden Ursachen zu unterscheiden. Krankheitssymptome präsentieren sich oft sehr ähnlich“, erklärt sie. „Der Augenarzt muss auch entscheiden, ob eine Zuweisung zu weiteren Spezialisten notwendig ist oder nicht.“ Eine Sehstörung sollte auf jeden Fall ernst genommen werden. Bei Krankheiten wie dem Glaukom („grüner Star“) kann das Ausbleiben einer rechtzeitigen Behandlung bis hin zur Erblindung führen. Ein Glaukom entsteht durch eine krankhafte Erhöhung des Augeninnendrucks. Diese schädigt den Sehnerv, was zu irreversiblen Gesichtsfeldausfällen führt. Das Heimtückische daran: Die Erhöhung des Augendrucks geht meistens schmerzlos vonstatten – die Patienten bemerken es zu spät. Symptome wie „Schleier sehen“, unscharfes Sehen, Gesichtsfeldausfälle oder Störungen des Farbensehens sind bereits Zeichen einer fortgeschrittenen Schädigung des Sehnervs. „Aus diesem Grund sollten alle Patienten spätestens ab dem vierzigsten Lebensjahr einmal im Jahr beim Augenarzt ihren Augendruck messen lassen – dies ist eine völlig schmerzlose, wichtige Vorsorgemaßnahme“, appelliert die Augenärztin.

Trockenes Auge. Harmlos, aber oft schwierig zu identifizieren ist eine Keratokonjunktivitis sicca („Trockenes Auge“), die tückischerweise zu ähnlichen Symptomen führen kann. Dieses – bei Bildschirmarbeit und bei trockenem Raumklima häufig vorkommende – Syndrom ist eine der häufigsten Augenkrankheiten. Es handelt sich hierbei um eine Benetzungsstörung der Augenoberfläche. Mit entsprechenden Augentropfen ist sie meist gut zu therapieren. Dennoch muss der Facharzt bei den typischen Symptomen wie Trockenheits- und Fremdkörpergefühl, Augenbrennen, Rötung und Sehstörungen eine ernsthafte Erkrankung ausschließen. Hinter einem roten Auge“kann sich auch eine Iritis verbergen. Darunter versteht man eine entzündliche Erkrankung der Iris (Regenbogenhaut). Diese wird häufig durch eine Infektion an einer anderen Stelle des Körpers verursacht und ist quasi die immunologische Antwort auf die Auseinandersetzung des Körpers mit den Keimen. Weiters kann eine Iritis bei Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis, entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen oder chronischen Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) auftreten und geht in diesem Fall oft mit starker, schmerzhafter Rötung des Auges und einer deutlichen Sehminderung einher.

Migräne, die ins Auge geht. Bei manchen Erkrankungen liegt die Ursache für die Sehstörung außerhalb des Auges, dann wird die Diagnosestellung besonders schwierig. So kann z. B. ein Zervikalsyndrom – Beschwerden des Hals-Nacken-Bereichs durch Fehlhaltung oder Muskelverspannung – mit Sehstörungen einhergehen. Auch mehrere neurologische Erkrankungen wie Migräne können eine Augenkrankheit „vortäuschen“. Rund 10 Prozent der Bevölkerung leiden unter Migräne – Frauen etwa dreimal so häufig wie Männer. Sie ist durch einen periodisch wiederkehrenden, anfallsartigen Kopfschmerz gekennzeichnet. Dieser kann von zusätzlichen Symptomen begleitet sein. Bei manchen Patienten geht einem Migräneanfall eine sogenannte Migräneaura voraus. Darunter versteht man optische Wahrnehmungsstörungen wie das Sehen von Flimmern oder Lichtblitzen, Verlust des räumlichen Sehens, Unschärfe bis hin zu einem kompletten halbseitigen Visusverlust. Typisch ist das Sehen von Flimmerskotomen, d. h. eine langsam einsetzende und wieder abklingende Wahrnehmung wandernder, gezackter Figuren. Die Aura ist vorübergehend und dauert in der Regel wenige Minuten bis hin zu einer Stunde, in seltenen Fällen länger. Nach Abklingen der Migräneattacke bildet sie sich vollkommen wieder zurück. „Ähnliche Symptome können jedoch auch bei einem drohenden Gefäßverschluss oder einem Aneurysma im Gehirn auftreten“, warnt Kellner-Rechberger. „Aus diesem Grund darf die Diagnose ,Migräne‘ nach eingehender augenärztlicher Untersuchung mit unauffälligem Augenbefund nur von einem Facharzt für Neurologie gestellt werden und darf keinesfalls eine ‚Selbstdiagnose‘ sein.“  

Wenn es plötzlich blitzt. Flimmerskotome der Migräne müssen von den typischen „Blitzen“ bei Entstehung eines Netzhautdefekts abgegrenzt werden. Besonders nach einem Schlag auf das Auge kann es zu kleineren Netzhautschäden kommen – Menschen mit starker Kurzsichtigkeit sind besonders gefährdet. Das Sehen von „Blitzen“ sollte sowohl für den Augenarzt als auch für jeden Patienten ein absolutes Warnsignal sein. „Eine Netzhautuntersuchung bei erweiterten Pupillen ist dann ehebaldigst notwendig“, so die Augenärztin. „Kleine Netzhautschäden können mit einer Lasertherapie gut behandelt werden. Diese ist kaum schmerzhaft und es ist dafür keine Narkose notwendig. Werden sie verschleppt, droht jedoch eine Netzhautablösung, die nur operativ behandelt werden kann und ohne Therapie zur Erblindung führen kann.“ Die an- und abschwellende Dynamik der Flimmerskotome bei Migräne und deren langsames Einsetzen und Abklingen sind ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zum Schlaganfall. Dieser ist durch einen plötzlich einsetzenden Gesichtsfeldausfall gekennzeichnet. Betroffene sehen in manchen Bereichen ihres Gesichtsfeldes gar nichts mehr, oder die Umwelt wird abgedunkelt, grau, verschwommen oder verzerrt wahrgenommen. Ob und wie sich ein Schlaganfall auf das Sehen auswirkt, hängt davon ab, welcher Teil des Gehirns geschädigt ist. Häufig fehlt auf beiden Augen das halbe Gesichtsfeld (Hemianopsie). Auch Doppelbilder sind häufig; in diesem Fall ist jener Teil des Gehirns geschädigt, der für die Augenbewegungen zuständig ist.

Interdisziplinäre Herausforderung. „Wie man an diesen Beispielen sieht, ist eine Zusammenarbeit der einzelnen Fachgruppen essenziell, um zu einer richtigen Diagnose zu gelangen“, so Kellner-Rechberger, die im Wiener Facharztzentrum Votivpark ordiniert, in dem sofort interdisziplinär gearbeitet und abgeklärt werden kann. „Genaue Anamnese, gute Zuweisungen und Kenntnis potenzieller Risikofaktoren geben nützliche Hinweise. Besteht Verdacht auf eine schwere Erkrankung wie einen Schlaganfall, wird der Augenfacharzt möglichst rasch an eine Klinik zuweisen. Dort kann die Begutachtung durch einen Neurologen, Internisten oder Neurochirurgen sowie eine eventuell notwendige Bildgebung (CT, MRT) am schnellsten organisiert werden.“

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