Dienstag, 21. Mai 2019

Dicke Kinder – kranke Kinder

Ausgabe 2017.03

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben honigsüßen Durchfluss. Klingt nett, ist es aber nicht, denn dahinter versteckt sich die Stoffwechsel­erkrankung Diabetes. Warum das so ist und wie Sie Ihr Kind schützen können, lesen Sie hier.


Foto: © Can Stock Photo - lunamarina

An sich sind meist ältere Menschen von der Zuckerkrankheit – wie Diabetes mellitus umgangssprachlich oft bezeichnet wird – betroffen. Zumindest war das bis vor einigen Jahren noch der Fall. Mittlerweile aber leiden vermehrt auch Kinder und Jugendliche unter Diabetes, wobei man zwischen Typ I und Typ II unterscheiden muss, wie Dr. Kurt Widhalm, FA für Kinder- und Jugendheilkunde, Humangenetiker sowie Professor für Ernährungsmedizin im Rudolfinerhaus in Wien, betont. Beim Typ-I-Diabetes handelt es sich um eine Autoim-munerkrankung, die auf einen Insulinmangel zurückzuführen ist. Dieser Mangel wiederum entsteht dadurch, dass die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse durch körpereigene Abwehrstoffe (sog. Antikörper) zerstört werden. Laut der Österreichischen Diabetes Gesellschaft leiden rund 30.000 Österreicher an Typ-I-Diabetes, davon etwa 3.000 Kinder und Jugendliche – Tendenz steigend. Alarmierender jedoch ist die Tatsache, dass die Zahl jener Kinder und Jugendlichen zunimmt – und zwar dramatisch! –, die unter Diabetes Typ II leidet. „Bei dieser Art handelt es sich um eine Insulinresistenz des Körpers. Das Insulin ist zwar vorhanden, kann aber an seinem Bestimmungsort, den Zellen, nicht richtig wirken. Die Ursache dafür ist fast immer Übergewicht“, so der Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin. Rund ein Prozent der übergewichtigen Jugendlichen sind bereits an Diabetes Typ II erkrankt.

Keine leichte Diagnose. Das Problem ist allerdings, dass Diabetes gar nicht so leicht zu diagnostizieren ist – speziell Typ II. Beim Typ-I-Diabetiker treten nämlich zum Teil massive Symptome auf: von häufigem Wasserlassen, starkem Durst, geringem Appetit und in der Folge Gewichtsabnahme über Abgeschlagenheit und Müdigkeit bis zu Mundtrockenheit oder gar Sehstörungen. Ein Typ-II-Diabetes bleibt indes mitunter lange unentdeckt, da die Betroffenen so gut wie keine Beschwerden haben. „Darüber hinaus braucht es für die Diagnose des Typ-II-Diabetes auf jeden Fall einen Glukosetoleranztest“, erklärt Widhalm. Dieser ist zwar nicht schwierig durchzuführen, jedoch durchaus aufwendig: Der Patient kommt frühmorgens ohne Frühstück in die Praxis, damit der Blutzucker erst einmal in nüchternem Zustand gemessen werden kann. Daraufhin wird dem Patienten Glukose zugeführt – vereinfacht gesagt muss er „Zuckerwasser“ trinken. Zwei Stunden später wird wieder der Blutzucker gemessen: Liegt dieser über 140 mg/dl spricht man von Prä-Diabetes, also einer gestörten Glukosetoleranz und somit einer Vorstufe von Diabetes. Von Diabetes mellitus ist ab einem Wert von über 200 mg/dl die Rede.  

Die gute Nachricht. In vielen Fällen ist Typ-II-Diabetes bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen heilbar. Doch gilt: Je früher dagegengesteuert wird, umso besser. Umgekehrt warnt Prof. Widhalm: „Je länger man zuwartet, desto eher kann sich die Erkrankung manifestieren und fixieren.“ Insbesondere wenn Diabetes in der Familie liegt, ist es sinnvoll und ratsam, mit dem Arzt des Vertrauens oder einem Ernährungsberater darüber zu sprechen. „Denn“, so der Experte weiter, „in solchen Fällen ist das Risiko vier- bis fünfmal so hoch, dass bei einem übergewichtigen Kind oder Jugendlichen Diabetes auftritt.“ Allein: Ab wann gelten Kinder oder Jugendliche überhaupt als übergewichtig? Wie auch bei Erwachsenen kann der Body-Mass-Index (BMI) herangezogen werden. Da dieser allerdings alters- und geschlechtsabhängig ist, müssen im Kindes- und Jugendalter sogenannte BMI-Referenzkurven verwendet werden. Somit spricht man bei einer BMI-Perzentile (Perzentile = eine Maßeinheit, wo ein Kind/Jugendlicher im Vergleich zu anderen Kindern/Jugendlichen steht) von 90 bis 97 von Übergewicht, von 97 bis 99,5 von Adipositas und ab 99,5 von extremer bzw. morbider Adipositas.  Was hier sehr theoretisch klingt, ist im Grunde mit dem freien Augen zu sehen. Bei einem sechsjährigen Kind kann man nicht mehr von Babyspeck reden und schon gar nicht bei Jugendlichen. Und jene Eltern, die sich trotzdem nicht sicher sind, können zum Beispiel die Haut am Rücken ihres Kindes zwischen zwei Finger nehmen. „Ist diese dicker als ein Finger, so hat sich schon einiges an Fett angesammelt und es sollten rasch Gegenmaßnahmen in Gang gesetzt werden“, so Dr. Widhalm, der aus Erfahrung weiß, dass vor allem krankhaftes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen gar nicht so selten ist, wie man vielleicht denken möchte: „Während die Prävalenz von übergewichtigen Kindern in den Bundesländern zum Teil sogar eingebremst werden konnte, zeigten etwa routinemäßige Untersuchen in Wiener Schulen, dass ein bis zwei Prozent bereits unter extremer Adipositas leiden.“

Prävention ist die beste Medizin. Damit es gar nicht erst so weit kommt, sollten Eltern zusammen mit ihren Kindern auf einen gesunden Lebensstil achten. Dabei müsse man sich gar nicht an irgendwelche Ernährungspyramiden oder sonstige Tabellen halten, so Widhalm: „Viel Obst und Gemüse, wenig Fett; Fleisch nur zwei- dreimal in der Woche. Kinder und Jugendliche brauchen außerdem vor allem polymere Kohlenhydrate, die beispielsweise in Vollkornprodukten oder auch Erdäpfeln stecken.“ Entscheidend ist überdies, dass man prüft, was die Kinder eigentlich trinken, denn laut Prof. Widhalm decken die 13- bis 17 Jährigen ihren Energiebedarf heute bis zu 20 Prozent mit gezuckerten Getränken. Das Wissen allein zaubert freilich kein gesundes Gewicht auf die Waage und es ist auch nicht nur das Schulbuffet dafür verantwortlich, wenn Kinder und Jugendliche an Übergewicht leiden. Der Experte rät daher, dass Eltern mit ihren Kindern einkaufen gehen, dass man miteinander zum Markt geht, wo man verschiedene Gemüse- und Obstsorten entdecken kann. Gehen Sie spielerisch vor, ansonsten hat Ihr Kind das Gefühl, dass ihm etwas aufgezwungen wird. Ergreifen Sie die Initiative, kochen Sie mit Ihrem Kind, essen Sie gemeinsam und reden Sie über gesunde Ernährung. Machen Sie zusammen Sport oder gehen Sie am Wochenende gemeinsam in die Natur. Denn Fakt ist: Die Behandlung von Übergewicht ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen alles andere als leicht. Und in den meisten Fällen braucht es dafür einen Coach, der eine umfassende Ernährungsanamnese durchführt, dabei die gesamte Familie einbezieht und auch Bewegung bzw. Sport evaluiert. „Das kann der Haus-, Schul- oder Kinderarzt sein oder ein Ernährungsberater. Auf jeden Fall sollte das Kind oder der Jugendliche Vertrauen zu der Person haben. Und wichtig ist außerdem, dass beide Elternteile mitmachen bzw. dass im Grunde die ganze Familie eine Ernährungsschulung bzw. eine Ernährungsumstellung macht. Davon können alle profitieren“, ist Kurt Widhalm überzeugt.

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