Dick durch Medikamente

Ausgabe 2019.05

Einige Medikamente – etwa Psychopharmaka, Betablocker, aber auch Schmerzmittel –  können zu einer unerwünschten Gewichtszunahme führen. GESÜNDER LEBEN erklärt, um welche Arzneimittel es sich handelt und was Sie dagegen tun können.


Foto: © iStock-AndreaObzerova

Nicht immer ist das schmackhafte Wiener Schnitzerl oder der innere Schweinehund, der uns Tag für Tag die Lust auf Sport vermiest, daran schuld, wenn die Waage mal wieder zu viele Kilos anzeigt: Auch zahlreiche Medikamente weisen diese Nebenwirkung auf. „Von einer unerwünschten Gewichtszunahme spricht man, wenn über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ungewollt mehr als zwei Kilogramm Körpergewicht pro Monat zugenommen wird“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin. Der Experte betont: „Wichtig ist zu unterscheiden, welche Substanz zugenommen hat: Muskulatur, Fett oder Wasser? Bei Medikamenten handelt es sich in den meisten Fällen um Fett-, aber auch um Wasserablagerungen.“

Diese Medikamente/Wirkstoffe können dick machen!
  • Kortison bzw. Glukokortikoide
  • Psychopharmaka (v. a. Neuroleptika, Antidepressiva)
  • Betablocker
  • Insulin sowie andere Diabetes-Medikamente
  • Medikamente bei Schilddrüsenüberfunktion
  • Antihistaminika
  • Medikamente gegen Migräne
  • entzündungshemmende Schmerzmittel
  • Hormonpräparate
  • Dopaminagonisten
  • Medikamente gegen Epilepsie

Quelle: gesundheit.de

Kortison
Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit Gewichtszunahme durch Medikamente befassen, das Thema ist also medizinisch gut erforscht. Bekannt ist zum Beispiel und vor allem, dass der Wirkstoff Kortison das Gewicht steigen lässt – „und zwar innerhalb kurzer Zeit“, so Widhalm. Zum einen wirkt Kortison appetitanregend, wodurch es folglich zu einer größeren Fettablagerung kommt. Gleichzeitig aber senkt Kortison auch den Energieverbrauch, da der Körper zum einen nicht mehr gegen eine Entzündung ankämpfen muss, zum anderen – bei einer langfristigen Anwendung – an Muskelmasse abbaut. Experte Widhalm nennt noch einen weiteren Grund, wieso die Kilos im Rahmen einer Kortisontherapie in die Höhe schnellen: „Oftmals kommt es zu Wassereinlagerungen, sprich: Ödemen, die sich zum Beispiel durch ein aufgedunsenes Gesicht, das berühmte ‚Rheuma-Gesicht’, äußern.“ Eine (kleine) Entwarnung: Wird Kortison (oder kortisonähnliche Wirkstoffe, sogenannte Glukokortikoide) als Spray oder Salbe angewandt, beispielsweise bei Asthma oder Hauterkrankungen, ist das Risiko einer Gewichtszunahme um vieles geringer.

Psychopharmaka
Die zweite große Medikamentengruppe, bei denen es häufig zu vermehrten Kilos kommt, sind Psychopharmaka, allen voran Neuroleptika, Antidepressiva sowie einige Serotonin-Aufnahmehemmer. Auch beim Wirkstoff Lithium, das bei manischen Depressionen eingesetzt wird, ist Gewichtszunahme eine häufig beobachtete Nebenwirkung. „Die Mechanismen, wieso Psychopharmaka zu Gewichtszunahme führen, sind bis heute nicht gänzlich geklärt“, so der Ernährungsmediziner. „Als gesichert gilt, dass der Appetit gesteigert, jedoch die Beeinflussung des Regulationszentrums zugleich geschwächt wird. Das heißt, dass Patienten ihren Heißhunger schwer unter Kontrolle haben und sich beim Essen nur bedingt zurückhalten können.“


 

Betablocker, Insulin und Schilddrüsenhormone
Auch Personen, die aufgrund von Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder einer Herzschwäche mit Betablockern therapiert werden, klagen nicht selten über weniger Energie. Die Folge: weniger Bewegung, die Kilos steigen. „Eine Gewichtszunahme bei Betablockern ist allerdings nur gering“, beruhigt Widhalm. Auch eine Therapie mit dem Hormon Insulin, die bei Diabetes Typ 2 zur Anwendung kommt, kann zu einer raschen Gewichtszunahme aufgrund von Fetteinlagerungen führen – „vor allem dann, wenn Diabetiker therapeutisch schlecht eingestellt sind“, so Widhalm. „Dies ist in der Regel aber selten der Fall.“ Ebenso können Medikamente, die bei einer Schilddrüsenüberfunktion eingesetzt werden (sogenannte Thyreostatika), eine Gewichtssteigerung zur Folge haben: „Bei einer Schilddrüsenüberfunktion arbeitet der Stoffwechsel auf einem höheren Niveau, der Organismus verbraucht also mehr Energie“, erläutert der Experte. „Reguliert man die Schilddrüsenfunktion durch Medikamente herab, sinkt auch der Energieverbrauch, weshalb man leichter an Gewicht zunimmt.“

Gegenmaßnahmen
Bei einer Gewichtszunahme handelt es sich zwar nicht per se um eine gefährliche Krankheit, sollte aber wegen möglicher Komplikationen (erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, metabolisches Syndrom etc.) ernst genommen werden. „Auch die psychische Belastung bei unerwünschter Gewichtszunahme ist nicht zu unterschätzen!“, gibt Widhalm zu bedenken. Aus diesem Grund appelliert er an alle Ärzte, bereits zu Therapiebeginn die Patienten über diese mögliche Nebenwirkung aufzuklären und wirksame Gegenmaßnahmen zu besprechen: Darunter fallen zum Beispiel vermehrte Bewegung oder eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten. „Die goldene Regel lautet: Wird zu viel Energie zu sich genommen, als erforderlich ist, kommt es zur Gewichtszunahme.“ Auch ein Medikamentenwechsel beziehungsweise eine Änderung der Dosierung können nützliche Maßnahmen sein, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Bei Ödemen können Entwässerungsmittel helfen. „Besprechen Sie diese Möglichkeiten unbedingt mit Ihrem Arzt, bevor Sie sich dafür entscheiden!“, betont Widhalm nachdrücklich, der abschließend rät: „Generell sollte im Rahmen jeder medikamentösen Therapie das Gewicht genau kontrolliert werden.“

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