Montag, 27. Mai 2019

Dick & unbeliebt

Ausgabe 10/2012
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Immer mehr Menschen kämpfen gegen krankhaftes Übergewicht, trotzdem sind die Vorurteile gegen „die Dicken“ ständig präsent, und Betroffene leiden oft schwer darunter. Was kann man tun?

Foto: iStock - daneger
Versuchen Sie doch einmal, in den nächsten Minuten nicht an zarte Milchschokolade zu denken! Und? Wetten, dass es nicht klappt? Dass im Gegenteil diese Köstlichkeit besonders intensiv in Ihrem Hirn herumspuken wird? Das ist ganz normal und stellt einen sogenannten ironischen Prozess dar, der beim Versuch der Gedankenunterdrückung auftritt: Psychologen wissen, dass das Objekt oder das Verhalten, das man in Gedanken zu vermeiden versucht, sich besonders leicht in den Vordergrund drängt. Ebenso ergeht es unzähligen Menschen, die verzweifelt gegen ihr Übergewicht ankämpfen, tagtäglich vergeblich versuchen, sich selbst zu verbieten, an Schnitzel, Pommes, Schokolade und Co zu denken.

Völlernde Dicke? Dennoch: Die Vorurteile gegen „die Dicken“, die an ihrem Schicksal selbst schuld seien, treiben schillernde Blüten, und Betroffene leiden oft schwer. „In den Köpfen der Menschen unserer Gesellschaft herrscht das Bild vor, dass ,Dicksein‘ mit Völlerei zu tun hat, und wenn man dann einen übergewichtigen Menschen beim Verzehr von süßen oder fetten Speisen beobachten kann, denkt man schnell: ,Der- oder diejenige bräuchte doch einfach (!!!) nur weniger zu essen und sich mehr zu bewegen, und das Problem wäre beseitigt.‘ Dem ist aber nicht so“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger, die die Probleme übergewichtiger Menschen seit vielen Jahren wissenschaftlich untersucht und die „ironischen Prozesse“, die sich in unseren  Köpfen abspielen, kennt. „Im Kampf gegen das verhasste Übergewicht wollen unzählige Menschen genau das tun, was man von ihnen erwartet: sich stärker kontrollieren, doch je mehr sie sich Schnitzel und Co verbieten, desto mehr haben sie dies vor ihrem inneren Auge, erzeugen – wie wir an unserem Institut nachweisen konnten – auch mehr Hunger signalisierenden Speichel und erliegen schließlich der Versuchung viel häufiger als beabsichtigt.“ Die Expertin weiß auch, dass das allseits empfohlene Mehr an Bewegung für Betroffene oft gar nicht zu realisieren ist: „Man stelle sich nur vor, 130 Kilogramm oder oft auch mehr beim Sport mit sich tragen zu müssen. Hinzu kommt dabei der Spott der Umwelt: Dicke werden bestaunt, bespöttelt und ausgelacht – nicht nur im Sport, sondern auch bei vielen anderen Gelegenheiten.“

Bis zur sozialen Isolation. „Krankhaftes Übergewicht kann bis zur völligen sozialen Isolation führen“, sagt auch Prim. Univ.-Prof. Dr. Mag. Alexander Klaus, Vorstand der Abteilung für Chirurgie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien, wo man Betroffene im Rahmen eines interdisziplinären Konzepts in allen Belangen ihrer Erkrankung betreut. Der Experte weiß: „Die Vorurteile gegenüber Übergewichtigen sind oft so massiv, dass die Betroffenen seelische Probleme entwickeln. Nicht selten kommt es mit dem Rückzug zu einer weiteren Gewichtszunahme. Denn was als einzige Kompensation bleibt, ist Essen und Trinken.“ Dass dem so ist, wissen fast alle Betroffenen. „Rund 30 Prozent von ihnen haben oder entwickeln zusätzlich eine sogenannte Binge-Eating-Disorder: Das heißt, sie essen sehr große Mengen, die man normalerweise nicht auf einmal zu sich nehmen kann. Sie essen oft, bis sie sich schlecht fühlen. Rund sieben Prozent der Betroffenen erbrechen anschließend – das heißt, sie haben eine Bulimie. Und das Fatale ist, dass dabei das Sättigungsgefühl verloren geht“, sagt Ardelt-Gattinger.

Wer wirklich dick werden will, muss eine Diät machen. Klaus erklärt: „Zahlreiche Hormone sind mitverantwortlich für die Empfindungen ,Hunger‘ und ,Sättigung‘, aber wir wissen noch nicht genau, wie sie zusammenspielen und warum sich manche Menschen nie satt fühlen.“ Ebenso ist heute zwar bekannt, dass Kinder von Übergewichtigen ein deutlich höheres Risiko haben, selbst übergewichtig zu werden, doch welche Rolle die Genetik bei Adipositas genau spielt, ist noch nicht exakt erforscht. Sicher ist hingegen, dass kaum ein Übergewichtiger bloß „selbst schuld“ an seinem Dilemma ist, denn bei dieser Erkrankung greifen zahlreiche Einflussfaktoren ineinander, und dazu zählen ganz prominent auch Essgewohnheiten, die sich jahrzehntelang immer mehr in Richtung „schnell, kalorienreich und ungesund“ entwickelten. Es nimmt also nicht wunder, dass mehr als zehn Prozent der Bevölkerung in unseren Breiten krankhaft übergewichtig sind. Viele Betroffene versuchen zunächst, dem Problem mit Diäten beizukommen. Aber: „Wer wirklich dick werden will, muss eine Diät machen“, resümieren Diätenerfahrene oft zynisch, und tatsächlich ist es ein häufig zu beobachtendes Phänomen, dass sich das Gewicht bei mehrfach durchgeführten Diäten wie ein Jojo auf und ab bewegen kann, wobei das Endgewicht oft höher ist als das Ausgangsgewicht.

Spott schon für die Jüngsten. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die Psychologin Elisabeth Ardelt-Gattinger: „Zwar gilt ein dicker Säugling auch in unserer Kultur noch fälschlich als ein Symbol hoher Gesundheit, doch die dann folgende Diskriminierung der ,Dicken‘ beginnt schon im Kindergarten: Bereits ein kleiner, sichtbarer Bauch über dem Hosenbund bringt die Kinder dazu zu spötteln, und das vor allem bei Mädchen.“

Dicke sind unbeliebt. Zusätzliches trauriges Fazit der Expertin aus ihren Untersuchungen an über 4000 Kindern: „Wenn man Kinder fragt, ob sie lieber einen dicken Freund, einen Freund mit einer Geh- oder sonstigen Behinderung hätten, so werden die Dicken immer als Letzte gereiht.“ Ein echter Spießrutenlauf für Betroffene sind laut der Expertin übrigens Besuche im Schwimmbad und andere Freizeitaktivitäten, bei denen das überschüssige Fett eindeutig sichtbar wird. Und: Nicht nur die Gleichaltrigen, auch die Sporttrainer haben ihre Vorurteile, ziehen aufgrund von Äußerlichkeiten ihre Rückschlüsse und machen sich nicht die Mühe, zu überprüfen, auf welchen Gebieten diese Kinder eigentlich Bewegungstalente sind, und das sind sie mitunter definitiv. Die Stigmatisierung setzt sich im Erwachsenenalter fort, wobei besonders Frauen betroffen sind. „Adipösen Männern schreibt man noch immer eher Wohlhabenheit und andere derartige Attribute zu, bei Frauen ist man auf das dünne Schönheitsideal fixiert: Bei ihnen beginnt die ,starke gesellschaftliche Ablehnung‘ bereits bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 35 (siehe dazu Kasten), bei Männern erst ab einem BMI von 40“, so Ardelt-Gattinger.

Dick und dumm? Besonders schlimm: Dicke Menschen werden oft auch für dümmer, unbegabter oder hemmungslos und unkontrolliert gehalten. „Wenn so von einer einzelnen Einschränkung auf die Gesamtheit des Menschen geschlossen wird, so schmerzt das wirklich sehr“, sagt die Psychologin, die auch weiß, dass es extrem schwer ist, den gesellschaftlich fix verhafteten Vorurteilen effizient zu begegnen. Wir leben nun einmal in einer Welt, in der ein nahezu anorektisches Schönheitsideal gilt, dem auch alle nacheifern. Da ist für Dicke einfach kein Platz. Am ehesten können sie ihn laut der Expertin in Selbsthilfegruppen bei Gleichgesinnten finden. Auch Selbstbehauptungstrainings seien eine gewisse Hilfe, um die allgemeinen Vorurteile besser bewältigen zu können. Und: „Verbündete suchen ist ebenfalls eine gute Strategie, denn wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass Menschen alleine sich oft nicht zur Wehr setzen können.“


Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Dick & unbeliebt
Seite 2 Mit professioneller Hilfe wieder schlank werden

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