Montag, 17. Juni 2019

Dick & ausgegrenzt

Ausgabe 09/2010
Erschreckend viele Kinder in Österreich sind übergewichtig, die Folgen fatal. Aus der „Seuche des 21. Jahrhunderts“ resultieren Gesundheitsrisiken, psychische wie soziale Probleme.

Foto: Lisa Valder - istockphoto.com
Jedes dritte Kind in unserem Land bringt viel zu viel auf die Waage oder ist auf dem „besten“ Weg dorthin. Vereinzelt sehen sich Experten sogar mit Jugendlichen mit einem Körpergewicht bis zu 160 Kilogramm konfrontiert. Spätestens dann spricht man von Adipositas – krankhafter Fettleibigkeit. Faktum ist, dass es heute in Europa etwa zehnmal so viele dicke Kinder gibt wie 1970. „Ohne Frage hängt diese Entwicklung auch mit der zunehmenden Verfügbarkeit von ,ungesunden‘ Nahrungsmitteln zusammen. Ich warne aber davor, ausschließlich Hamburger und Süßigkeiten für die zusätzlichen Kilos unserer Kinder verantwortlich zu machen“, sagt Kinderarzt und Stoffwechselexperte Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm von der Medizinischen Universität Wien. De facto sei das Problem weit vielschichtiger.

Kontraproduktiver Lebensstil
Vor allem wir Erwachsenen geben oft ein denkbar schlechtes Vorbild ab. In vielen Familien wird nicht mehr richtig gekocht, geschweige denn, werden gemeinsame Mahlzeiten eingenommen. Auch kommen stattdessen immer häufiger Fertigprodukte auf den Tisch, und es gibt kaum noch Eltern, die gemeinsam mit ihren Sprösslingen bewusst einkaufen gehen.

„Davon abgesehen ist unser moderner Lebenswandel mit seiner charakteristischen Bewegungsarmut ein entscheidendes Kriterium“, erklärt Spezialist Widhalm. „Die Freizeit und das Wochenende wird oft vor dem PC oder Fernseher verbracht, zudem werden Kinder immer öfter mit dem Auto oder Bus zur Schule gefahren. Dabei würden so einfache Maßnahmen wie Treppensteigen, ein, zwei Busstationen zu Fuß gehen und Ähnliches schon sehr viel bringen.“

Unabsehbare Folgen
Die alarmierende Entwicklung dieses Gesellschaftsphänomens hat weitreichende Konsequenzen: Übergewichtige Kinder werden in der Regel nicht nur zu übergewichtigen Erwachsenen, sondern leiden auch auf vielen anderen Ebenen. Viele entwickeln Depressionen, haben erhöhte Blutzuckerwerte und/oder bekommen frühzeitig Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Davon abgesehen ist es eine bekannte Tatsache, dass, wer dick ist, oft auch ausgegrenzt wird. „Diese Kinder haben oft massive Probleme, Freunde zu finden. Die soziale Ächtung reicht hin bis zu Schwierigkeiten, später am Arbeitsmarkt unterzukommen“, warnt Widhalm.

Übergewicht ist aber nicht nur ein Problem für den Einzelnen, sondern auch eines der gesamten Gesellschaft. So hat die Europäische Ministerkonferenz bekannt gegeben, dass bereits sechs Prozent der Ausgaben des Gesundheitswesens in der EU auf Adipositas und Übergewicht zurückzuführen sind.

Erkennen und vorbeugen
Was aber gilt es angesichts dieser dramatischen Lage zu tun? Übergewichtige Kinder in Spezialambulanzen oder Abspeckcamps zu strengen Diäten zu vergattern
ist nicht der Weisheit letzter Schluss. „Damit ist es nämlich bei Weitem nicht getan“, betont Prof. Widhalm. „Was wir brauchen, ist ein ganzes Maßnahmenbündel. Besonders wichtig ist die Prävention. Wir sollten Kinder nicht erst dann behandeln, wenn sie bereits zu dick sind, denn wir wissen aus Studien, dass Übergewicht, wenn es einmal da ist, schwer wieder loszubekommen ist.“ Zudem weiß man heute auch, dass Kinder, deren Eltern zu viel wiegen, mit überdurchschnittlich hoher Wahrscheinlichkeit selbst einmal zu viele Kilos anfuttern. Widhalm: „Hier könnte der Haus- bzw. Kinderarzt Risikokinder bereits erkennen und rechtzeitig gegensteuern. Das dauert wenige Minuten und ist sehr effizient. Ein Blick auf die Eltern und eine regelmäßige Gewichtskontrolle des Kindes reichen schon.“ Ist ein Risiko für kindliches Übergewicht festgestellt, empfiehlt der Experte als ersten Schritt eine intensive Ernährungsschulung sowie Anleitungen zur Verhaltensmodifikation, was freilich viel Geduld und Engagement seitens der Ärzte, Psychologen und Diätologen erfordert, aber es ist machbar.

Die Politik ist gefordert
Was man – und hier ist vor allem die Politik gefragt – noch tun kann, führt etwa ein Manifest der Weltgesundheitsorganisation WHO an: kostenloses Obst in der Schule, erschwingliche Preise für gesündere Lebensmittel, Schaffung von Einkaufsmöglichkeiten ebensolcher am Arbeitsplatz und in Gegenden sozioökonomischer Verelendung, Einrichtung von bevorrechtigten Radwegen, Ermunterung von Kindern, zu Fuß zur Schule zu gehen, bessere Straßenbeleuchtung, Förderung des Treppensteigens und Verringerung des Fernsehkonsums. Widhalm, der seit Jahren vor den Gesundheitsgefahren für übergewichtige Kinder warnt, abschließend: „Wenn es uns auf politischer Ebene gelingt, nur einige dieser Maßnahmen konsequent umzusetzen, dann sind wir auf dem richtigen Weg.“

Übergewicht: Ist Ihr Kind gefährdet?

Teil 1: Antworten Sie mit Ja oder Nein
  • Sind Sie selbst übergewichtig?
  • Ist Ihr Partner übergewichtig?
  • Sind ältere Geschwister bereits übergewichtig?
  • Verbringt Ihr Kind die Freizeit gern vor dem Fernseher/Computer?
  • Greifen Sie bzw. Ihr Kind häufig zu Fertiggerichten?
  • Nascht Ihr Kind gerne?
Je mehr Fragen Sie mit Ja beantworten, desto höher ist das Risiko für Ihr Kind.

Teil 2: Antworten Sie mit Ja oder Nein

  • Gehen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind einkaufen?
  • Kochen Sie zu Hause selbst?
  • Achten Sie auf die Zutaten?
  • Geht Ihr Kind zu Fuß in die Schule?
  • Treibt Ihr Kind in der Schule/Freizeit regelmäßig Sport?
  • Lassen Sie regelmäßig das Gewicht Ihres Kindes beim Arzt kontrollieren?
Je mehr Fragen Sie mit Nein beantworten, desto höher ist das Risiko für Ihr Kind.

Sprechen Sie mit Ihrem Haus- oder Kinderarzt, wenn Ihr Kind eine offenkundige Tendenz zu Übergewicht zeigt.

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