Freitag, 20. September 2019

Der Zwang: mein ständiger Begleiter

Ausgabe 2015.09
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Die Zwangsstörung ist die vierthäufigste psychiatrische Erkrankung in Österreich. Die Betroffenen streben mit ihren Handlungen verzweifelt in einer für sie unberechenbar erlebten Welt nach Sicherheit. Und leiden nur noch mehr.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - exopixel

Johannes kommt zu unserem Gespräch knapp 30 Minuten zu spät. „Tut mir leid“, entschuldigt er sich. Er wirkt ein bisschen gestresst, müde, ausgelaugt. „Heute ist mal wieder einer von solchen Tagen.“ Einer von solchen Tagen, das heißt bei Johannes: Stundenlang vorm Herd sitzen und immer wieder die Herdplatte kontrollieren, um sich zu vergewissern, dass die Wohnung nicht Feuer fängt, wenn er sie verlässt. Oder den Lichtschalter mehrmals ein- und ausschalten. Ein solcher Tag beinhaltet auch, genauestens zu kontrollieren, ob am Schreibtisch und im Badezimmer jedes Utensil – sei es das Buch, der Kugelschreiber, die Zahnbürste oder der Rasierer – genau auf seinem Platz steht. Millimetergenau. Apropos Kugelschreiber: Die müssen alle „ausgeschaltet“ sein. Immer. Räumt er den Geschirrspüler aus, muss das Geschirr genauestens nachpoliert werden, um auch ja keinen Fleck aufzuweisen. Die verschiedenfarbigen Teller, die Johannes besitzt, müssen in einer bestimmten Reihenfolge in den Kasten geräumt werden. Immer, nicht nur an „solchen Tagen“. Und manchmal, wenn’s besonders schlimm ist, verspürt Johannes auch den Drang, sich mehrmals die Hände zu waschen. Mindestens drei Minuten lang, bis zu zwanzig Mal am Tag. Plötzlich versteht man, warum Johannes zum Termin zu spät kam.

Zwang zur Ordnung. „Ich bin der Zwang in Person“, lacht Johannes tapfer, während er die Serviette vor sich gedankenverloren zu einem fein säuberlichen Dreieck faltet und dabei immer wieder die Ecken glatt streicht. Johannes lacht zwar, sein Alltag ist mitunter aber von wenig Humor bestimmt: Sein Drang, bestimmte Dinge immer wieder tun zu müssen, kostet nicht nur Kraft und Energie, sondern ist auch zeitraubend, die berufliche Arbeit, die der Freiberufler von zu Hause aus erledigen kann, dauert oft bis in die Nacht hinein. Johannes leidet an einer Zwangsstörung. Es handelt sich bei ihm um eine komplexe Kombination aus Kontroll- und Ordnungszwang, mitunter kommt auch ein Waschzwang hinzu. Johannes ist froh, nicht in einem Büro zu arbeiten. „Das wäre für mich sehr schwierig.“ Schwierig gestalten sich auch seine zwischenmenschlichen Beziehungen: Viele Freunde, aber auch Verwandte können sein Verhalten nicht verstehen. In der letzten Beziehung waren die Zwangsrituale „ein großes Thema“, so Johannes, aber nicht der Grund, wieso sie in die Brüche gegangen ist. Zurzeit ist der 33-Jährige Single.

Weitverbreitet. Johannes ist mit seinem Problem bei Weitem nicht allein. Etwa 2,5 Prozent der österreichischen Bevölkerung leiden zeit ihres Lebens mindestens einmal an einer Art von Zwangsstörung, womit diese die vierthäufigste psychiatrische Erkrankung hierzulande darstellt. Laut WHO zählt die Zwangsstörung hinsichtlich Dauer der Erkrankung und Schwere der Beeinträchtigungen zu den 10 wichtigsten Erkrankungen weltweit, wobei Männer und Frauen gleichauf betroffen sind. Die Erkrankung beginnt meist in der Kindheit (zum Beispiel das Gehen auf einer Linie oder das Auslassen jedes zweiten Kopfpflastersteins) oder in den Jugendjahren, das durchschnittliche Erkrankungsalter beträgt 20 Jahre. Bei 85 % der Betroffenen sind die Symptome vor dem 35. Lebensjahr voll ausgeprägt.

Vom Tick zur Störung. Ab wann aber spricht man von einer Zwangserkrankung? Schließlich kennen wir alle die kleinen Ticks und Spleens, die uns durch den stressigen Alltag bringen, sei es das Nägelbeißen, das Fingerknacken, der Räusperzwang oder das mehrmalige Kontrollieren, ob die Kaffeemaschine und der Herd ausgeschaltet sind und die Wohnungstür verschlossen ist. „Von einer Zwangsstörung ist dann die Rede, wenn die Handlungen ungewollt, aber bei vollem Bewusstsein und gegen den eignen Widerstand geschehen; es zu einer extremen Steigerung solcher Handlungen kommt, die sehr zeitraubend werden und mit großem Leidensdruck und oft auch körperlichen Beschwerden verbunden sind und sich belastend auf den Umgang mit anderen Menschen, auf Freizeitgestaltung und Berufstätigkeit auswirken“, erklärt Dr. Ulrike Demal, Klinische Psychologin am AKH Wien. „Sie dienen dazu, Angst oder Unbehagen zu reduzieren oder gefürchteten Ereignissen vorzubeugen.“ In den meisten Fällen gehen Zwangshandlungen mit Zwangsgedanken einher, also immer wiederkehrende und anhaltende Gedanken, Impulse oder Vorstellungen, die zumindest zeitweilig als aufdringlich und ungewollt empfunden werden und die oft große Angst hervorrufen. „Zwangsgedanken sind meist in den Bereichen von Religion, Gewalt, Sauberkeit, Ordnung oder Sexualität verwurzelt. So wird der Betroffene zum Beispiel von den Vorstellungen geplagt, sein Kind zu verletzen.“ Entscheidend ist, dass diese Gedanken als unangenehm und als eigene Gedanken, nicht als fremde Stimmen wahrgenommen werden. „Genau das verunsichert die Patienten: Ich will keinen verletzten – aber wieso habe ich solche Bilder im Kopf? Habe ich versteckte schreckliche Wünsche? Das ist eine große psychische Belastung.“ Auch Johannes sind Zwangsgedanken nicht fremd. Schreckliche Bilder lassen ihn dann nicht zur Ruhe kommen. „In solchen Phasen habe ich das Gefühl, einfach nicht mit dem Denken aufhören zu können“, versucht Johannes die innere Zerrissenheit zu beschreiben. „Manchmal glaube ich, mein Kopf explodiert. Oder dass ich verrückt werde.“ Johannes schließt dann seine Augen, stellt sich ein Stopp-Schild vor und sagt laut HALT!, um die Gedanken eindämmen zu können. „Das funktioniert mittlerweile ganz gut.“ Zwangshandlungen können auch eine Folge von Ablenkung sein, so Demal: „Sie sind mitunter der Versuch des Nicht-Denkens.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Der Zwang: mein ständiger Begleiter
Seite 2 Das Schicksal kontrollieren

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