Der stille Krebs

Ausgabe 2013/05

Marianne Kohn, Wiens „Königin der Nacht“, hat ihn besiegt – den „stillen Killer“ Eierstockkrebs. Wenn überhaupt, macht er sich nämlich meist (viel) zu spät bemerkbar. Dabei kann, sofern früh entdeckt und entsprechend behandelt, etwa die Hälfte der Patientinnen geheilt werden.


Foto: Can Stock Photo Inc. - Leaf

Wie alle sechs Monate stattete Marianne Kohn auch im April 2009 ihrem Gynäkologen einen Besuch ab und ging als gesunde Frau nach Hause. Im November desselben Jahres entdeckte man bei einer Ultraschalluntersuchung, dass einer ihrer Eierstöcke von einem Tumor befallen war, der daraufhin operativ entfernt wurde. Bei der dabei entnommenen Gewebeprobe stellte sich jedoch heraus, dass es sich um ein bösartiges Karzinom handelte, und so mussten bei einem weiteren Eingriff Eierstöcke und Gebärmutter entfernt werden. „Als krebsfreie Patientin wurde ich entlassen, aber ohne Chemotherapie. Dass es eine solche braucht, um alle Krebszellen abzutöten, war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst“, erinnert sich die Inhaberin der legendären Loos Bar im ersten Wiener Gemeindebezirk. Und so kam es zum wohl größten Albtraum eines jeden Krebspatienten: Innerhalb von eineinhalb Jahren entwickelte sich ein Rezidiv, also ein Tumor an eben jener Stelle, an der sich schon der Eierstockkrebs breitgemacht hatte. Nun wandte sich Kohn an Univ.-Prof. Dr. Alexander Reinthaller, FA für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie stellvertretender Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde Wien. Dieser nahm einen weiteren, über mehrere Stunden dauernden Eingriff vor und ordnete im Anschluss eine Chemotherapie an. „Ich habe die Chemo nie als meinen Feind angesehen, sondern immer nur als heilende und daher notwendige Maßnahme“, erinnert sich Kohn. „Man muss einfach akzeptieren, dass man derart müde ist, dass einem fast schlecht wird. Oder dass man Durchfall bekommt. Oder dass einem die Haare ausfallen. Ich habe mir gleich eine Glatze rasieren lassen und ganz viele unterschiedliche Perücken gekauft, bin mit Highheels herumgelaufen und habe es in der Loos Bar jedem erzählt, bevor mich einer gefragt hat, was los ist.“

8. Mai: Welttag Eierstockkrebs

GESÜNDER LEBEN empfiehlt folgende beiden Veranstaltungen:

  • „Eierstock darf keine stille Krankheit bleiben“Veranstaltung der Frauenklinik Innsbruck,
    8. Mai, ab 15 Uhr, Hotel Grauer Bär
  • Salzburger Frauentag,Infoveranstaltung der Frauenklinik Salzburg und der Österr. Krebshilfe Salzburg,
    7. Mai, ab 18 Uhr, Paracelsus Private Medical University

Stiller Killer. Freilich muss jede Frau ihren eigenen Weg finden, wie sie mit dieser Krankheit am besten umgeht. Und wahrscheinlich sind nur die wenigsten so stark wie Marianne Kohn, die sehr wohl auch dann und wann von Ängsten heimgesucht wurde. Fakt ist: Etwa 700 Österreicherinnen und weltweit über 220.000 Frauen erhalten jährlich die Diagnose „Eierstockkrebs“. Bei rund 500 führt die Krankheit hierzulande jedes Jahr zum Tod, weltweit sind es zirka 140.000. Damit macht Eierstockkrebs, der wie zum Beispiel Brustkrebs oder Gebärmutterhalskrebs zu den gynäkologischen Tumoren zählt, rund vier Prozent der Tumoren bei Frauen aus – die gute Nachricht: Tendenz sinkend. Laut Reinthaller liegt das unter anderem daran, dass heutzutage immer öfter etwa Zysten am Eierstock operiert werden: „Dadurch ist es in manchen Fällen möglich, den Tumor schon in einem frühen Stadium zu entdecken, was die Heilungschancen selbstverständlich erhöht.“ Apropos: Etwa 40 Prozent der Patientinnen überleben nach der Diagnosestellung länger als fünf Jahre. Eierstockkrebs wird in Fachkreisen auch als „stiller Killer“ bezeichnet, da man entweder gar nichts spürt – wie das bei Marianne Kohn der Fall war – oder weil es sich um unspezifische Symptome handelt: Unterleibs- und Rückenschmerzen, vermehrter Harndrang, Verdauungsstörungen, Völlegefühl oder Appetitverlust, Zunahme des Bauchumfangs genauso wie eine ungewollte Gewichtsabnahme, allgemeine Schwäche, eine unregelmäßige Periode oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. All diese Anzeichen können auch durch andere Krankheiten verursacht werden, beruhigt Univ.-Prof. Dr. Christian Marth, FA in Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie Leiter der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Innsbruck: „Trotzdem empfehlen wir, die Symptome ernst zu nehmen und frühzeitig abklären zu lassen, ob es sich eventuell um Eierstockkrebs handelt. Viel zu oft erfolgt die Diagnose nämlich sehr spät.“ Angst soll hier natürlich keine geschürt werden, sehr wohl aber gilt es, diese Krankheit vermehrt im Bewusstsein aller Frauen zu verankern.

Wenn’s in der Familie liegt. Prinzipiell liegt der Altersgipfel der betroffenen Frauen zwischen 60 und 65 Jahren. Es sind also vor allem Frauen betroffen, die die Wechseljahre hinter sich haben. Und laut Statistik Austria liegt das Risiko, vor dem 75. Lebensjahr an Eierstockkrebs zu sterben, schon seit fast 20 Jahren unter einem Prozent. Laut Marth sei mittlerweile auch bekannt, dass häufige Eisprünge das Risiko erhöhen: „Die einfachste Maßnahme, die Anzahl der Eisprünge zu senken, ist natürlich eine Schwangerschaft. Die zweite Möglichkeit ist die Einnahme der Pille. Dadurch kommt es zwar zu einer Blutung, nicht jedoch zum Eisprung in der Mitte des Zyklus. Studien haben ergeben, dass die Einnahme der Pille das Risiko um bis zu 50 Prozent senken kann, wenn diese länger als ein Jahr genommen wird.“ Ferner spielt beim Eierstockkrebs die genetische Prädisposition eine nicht zu verachtende Rolle: Bei etwa zehn Prozent liegt ein gehäuftes familiäres Auftreten von Eierstock- und/oder Brustkrebs bzw. anderen Tumoren vor. Diesen Frauen kann die Medizin weitere vorbeugende Maßnahmen anbieten: „Eine Hormongabe sorgt etwa dafür, dass Frauen nicht frühzeitig in die Wechseljahre kommen. Eine weitere lebensverlängernde Maßnahme stellt aber auch die Entfernung der Eierstöcke und anderer gynäkologischer Organe mittels Knopflochchirurgie dar – natürlich erst, nachdem die Familienplanung beendet ist“, so Christian Marth. Übrigens: An größeren medizinischen Einrichtungen, wie der Unikliniken Wien und Innsbruck, gibt es eigene Beratungsstellen, die sich mit derart familiär bedingten Krebsarten beschäftigen.

Kinderwunsch intakt. Wenngleich die meisten in einem Alter erkranken, in dem sie keine Kinder mehr bekommen können, nehmen fertilitätserhaltende Therapien einen hohen Stellenwert ein. Einerseits weil leider auch jüngere Frauen daran erkranken, gerade wenn es sich um familiär bedingten Eierstockkrebs handelt. Andererseits weil der Trend dahin geht, dass Frauen immer später Kinder bekommen. Wichtig dabei: Je früher die Erkrankung entdeckt wird, desto eher besteht die Chance, dass nur einer der beiden Eierstöcke betroffen ist. „Natürlich führen wir im Rahmen des Eingriffs eine chirurgische Überprüfung des gesamten Zustandes durch, schauen uns die Lymphknoten an und entnehmen Gewebeproben. Allerdings werden nur der betroffene Eierstock und Eileiter operativ entfernt, während der andere Eierstock und Eileiter sowie die Gebärmutter erhalten bleiben“, erklärt Alexander Reinthaller. Auch die im Anschluss durchgeführte Chemotherapie führt in der Regel zu keiner bleibenden Schädigung des Eierstocks.


 

Selbsthilfegruppen

Hier finden Sie Rat und Hilfe:

Es braucht Erfahrung. Laut Reinthaller und Marth handelt es sich um eine der schwierigsten Operationen, und nicht zuletzt aus diesem Grund sollte die Behandlung an einer dafür spezialisierten Einrichtung durchgeführt werden. Selbstverständlich hängt der Erfolg von vielen Faktoren ab, unter anderem von Tumormerkmalen oder der Patientin selbst, aber eben auch von der Qualität der Behandlung. Marth: „Um eine solche Operation und eine anschließende Chemotherapie durchzuführen, braucht es Erfahrung. Wir operieren in Innsbruck bis zu 80 Patientinnen pro Jahr, und es gelingt uns bei etwa 80 Prozent der Patientinnen, den Tumor vollständig zu entfernen. Dabei arbeiten wir im Team mit anderen Disziplinen zusammen, schließlich hat dieser Krebs leider die Tendenz, sich sehr früh in der Bauchhöhle auszubreiten. Somit müssen oft auch Knoten auf dem Bauchfell, auf der Leber usw. entfernt werden.“ In Österreich sind die MedUni Wien und die Uniklinik Innsbruck die beiden einzigen durch die European Society of Gynaecological Oncology akkreditierten Zentren. Um etwa Nebenwirkungen der Chemotherapie zu verringern, werden supportive Therapien eingesetzt: „Neben Medikamenten gegen Übelkeit oder solchen, die das Blutbild verbessern, kommen auch Psychopharmaka zum Einsatz. Diese berühmten ‚Sunshine Pills‘ werden natürlich nur in Kombination mit einer Gesprächstherapie verschrieben“, weiß Reinthaller. An der MedUni Wien gibt es übrigens mehrere Psychoonkologen, die sich mit den psychischen und sozialen Folgen und Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung auseinandersetzen. Genauso kann moderates körperliches Training zwei- bis dreimal die Woche zum Beispiel das Müdigkeitssyndrom positiv beeinflussen und die kognitive Leistung verbessern. Überdies hat die eigentliche, möglichst evidenzbasierte Komplementärmedizin, laut Reinthaller durchaus ihre Berechtigung.

Selbsthilfegruppe Ovarcome. Bei Marianne Kohn liegt der letzte Eingriff nun zwei Jahre zurück. Gut gehe es ihr, „trotzdem schlottern die Knie, wenn ich einmal im Jahr in die Röhre muss. Außerdem schaue ich alle paar Monate bei Alexander Reinthaller vorbei, der mittlerweile ein sehr guter Freund geworden ist“, erzählt die Ikone des Wiener Nachtlebens, deren Erkrankung übrigens nicht familiär bedingt war – für sie ganz besonders wichtig, schließlich hat sie eine Tochter und zwei Enkeltöchter. Ihre 67 Jahre merkt man Kohn nicht an: Sie geht jeden Tag mit ihren Hunden spazieren, verbringt die Abende in der Loos Bar – auch wenn es sie etwa am Wochenende schon ab und an aufs Land zieht –, und zusammen mit Dr. Paul Speiser, Gynäkologe in Wien und gesamtklinischer Oberarzt der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am AKH Wien, hat sie die Selbsthilfegruppe „Ovarcome“ gegründet – eine Plattform für Eierstockkrebs. Anderen Betroffenen zu helfen und sie im Kampf gegen diese schreckliche Krankheit zu unterstützen ist Kohn ein Anliegen, immerhin hat sie am eigenen Leib erfahren, wie sehr Krebs einen verändert: „Ein Vorteil ist Krebs nicht, aber daneben wird alles andere banal.

© Gesünder Leben Verlags GsmbH.