Der Krampf mit den Adern

Ausgabe 06/2012
Etwa die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher leidet unter Venenbeschwerden. Vor allem im Sommer sorgen Krampfadern für Schmerzen – und sind nicht besonders hübsch anzusehen.

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Leiden Sie unter Venenbeschwerden? Dann sind Sie nicht allein: Etwa die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung  ist davon betroffen, und das sind bei Weitem nicht nur ältere Menschen. Venenleiden betreffen bei entsprechender Veranlagung schon junge Leute, und auch Menschen, die in stehenden oder sitzenden Berufen arbeiten, sich wenig bewegen und/oder übergewichtig sind, tragen ein erhöhtes Risiko. Zudem begünstigen Schwangerschaft und die Einnahme der Pille die Entstehung der ungeliebten Krampfadern.

Komplexes Venensystem. Das menschliche Venensystem ist übrigens hochkomplex. Alle Venen zusammengerechnet – von der kleinsten Verästelung bis zur großen Vene, die direkt zum Herzen führt – haben eine Länge von mehr als 160 Kilometern! Ihre Hauptaufgabe besteht darin, das sauerstoffarme und von Nährstoffen entladene Blut in den Organen, Muskeln, Haut und Knochen zu sammeln und zum Herzen zurückzutransportieren. Diesen Blutfluss regulieren die Venenklappen, doch wenn diese anlagebedingt fehlen oder durch eine Venenerkrankung zerstört werden, kommt es zu einem Blutrückfluss in Richtung Füße mit verschiedenen krankhaften Auswirkungen. „Venenklappen sind dort am wichtigsten, wo kleinere Venen in größere einmünden. Wenn an diesen strategisch wichtigen Stellen die Mündungsklappen nicht schließen, kommt es zu einer massiven Druckerhöhung in der gesamten Vene. Wenn beispielsweise die Mündungsklappen an der großen Vene im Bein nicht dicht sind, entsteht ein Blutrückfluss aus der tiefen Oberschenkel- und Beckenvene. Dieser Vorgang ist verantwortlich für die Entstehung eines Krampfadernleidens dieser oberflächlichen Stammvene“, erklärt der Gefäßspezialist und Facharzt für Innere Medizin, Univ.-Prof. Dr. Erich Minar.

So beugen Sie Krampfadern vor!
  • Machen Sie regelmäßig Bewegung; vor allem Radfahren, Laufen, Gehen und l Schwimmen empfehlen sich!
  • Verzichten Sie weitgehend auf hohe Absätze und vermeiden Sie langes Stehen l und Sitzen.
  • Lagern Sie wann immer es geht die Beine hoch.
  • Gönnen Sie Ihren Beinen immer wieder kalte Duschen.
  • Tragen Sie keine zu enge Kleidung.
  • Vermeiden Sie warme Bäder und langes Sonnenbaden.
  • Wenn Sie zu einer Risikogruppe gehören, gehen Sie regelmäßig zur Kontrolluntersuchung beim Gefäßspezialisten.


Krampfaderntypen. Die häufigste Form der Krampfadern ist mit über 70 Prozent der Fälle die primäre Varikosis. Ihre Ursache ist eine angeborene Venenwandschwäche und sie resultiert entweder in oberflächlichen, medizinisch unbedeutenden Verästelungen (z. B. Besenreiser), sogenannten retikulären Varizen, bei denen die Nebenäste der Hauptvenen betroffen sind, oder Stammvarizen, bei denen eine „undichte“ Klappe in einer Hauptvene das Blut zurückfließen lässt, wodurch sich die Vene erweitert. Die „sekundäre Varikosis“ entsteht nicht anlagebedingt, sondern infolge von Verlegungen oder Verstopfungen (Thrombosen) der tiefen Venen.

Warnzeichen für Krampfadern. Die wichtigsten und häufigsten Anzeichen für ein Krampfadernleiden sind schwere, müde Beine (vor allem in der warmen Jahreszeit), ein Spannungsgefühl in den Beinen und geschwollene Unterschenkel und Knöchel (besonders abends). Typischerweise nehmen die Beschwerden bei längerem Stehen oder Sitzen und bei Wärme zu. „Werden Krampfadern zu lange nicht behandelt, kann es zu Venenentzündungen, Ekzemen und im schlimmsten Fall zu Beingeschwüren kommen“, warnt Minar. „Eine Krampfader kann manchmal auch durch kleinste Verletzungen platzen, und es kann dadurch relativ schnell zu hohem Blutverlust kommen. Ist das geschehen, so sollte das auf jeden Fall ein Anlass sein, die Krampfadern behandeln zu lassen.“  



Vielfältige Behandlungsmöglichkeiten. Eigentlich sollte man schon bei ersten Anzeichen den Facharzt aufsuchen und die Venen untersuchen lassen, denn die Behandlung von Krampfadern ist oft relativ einfach und befreit nachhaltig von einem lästigen und gesundheitsgefährdenden Leiden. Die älteste und effektivste Methode zur Behandlung venöser Erkrankungen ist die Kompressionstherapie mit Verbänden, Strümpfen oder Strumpfhosen. „Durch den Kompressionsstrumpf oder -verband wird von außen auf das Körpergewebe Druck ausgeübt, wodurch die Venenklappen wieder funktionstüchtig werden und venöse Stauungen vermieden werden können“, erklärt Minar. Die Bestellung und Anpassung dieser Strümpfe, die es heute übrigens schon in vielen modischen Farben und Ausführungen gibt, sollte man aber nur über den Fachhandel abwickeln, und der Sitz des jeweiligen Strumpfes muss vom verordnenden Arzt überprüft werden. Ob Ihr Venenproblem mit einer Kompressionstherapie gelöst werden kann, muss natürlich der Arzt entscheiden, denn nicht alle Betroffenen kommen dafür in Frage. Minar: „Patienten mit arteriellen Durchblutungsstörungen oder Herzinsuffizienz ist die Kompressionsbehandlung nicht zu empfehlen. Für sie ist die Behandlung mit Medikamenten eine Alternative.“

Verödung – rascher Eingriff, der wirkt. Einen kleinen Eingriff zur Ausschaltung von Besenreisern und kleinen Seitenast-Krampfadern stellt die Verödung dar. Minar: „Dabei wird mit einer feinen Nadel eine Verödungsflüssigkeit in die Krampfader gespritzt, um eine künstliche Entzündung zu erzeugen. Durch das Zusammendrücken der Vene mittels eines kleinen Tupfers verkleben die Venenwände und die Vene wird dauerhaft verschlossen. Danach ist eine konsequente Kompressionsbehandlung wichtig.“

Therapie starker Krampfadern. Bei starken Krampfadern (der sogenannten Stammvarikose) war früher eine Beseitigung nur durch eine Operation möglich. Dabei wird eine flexible Spezialsonde in die krankhaft erweiterte Vene eingeführt, bis zu deren Ende vorgeschoben und dort wieder ausgeleitet. Die Varize wird dann oben und unten durchtrennt, auf der Sonde fixiert und herausgezogen (= Stripping). Minar: „Die Stripping-Operation ist in Vollnarkose, Teilnarkose oder auch in Lokalanästhesie durchführbar, sie kann ambulant oder stationär erfolgen. Nach dem Eingriff ist für drei bis sechs Wochen eine Kompression mit elastischen Binden oder Kompressionsstrumpf zu empfehlen.“
In den letzten Jahren haben sich aber auch mehrere Ansätze zu alternativen, so- genanten minimal-invasiven endovaskulären Verfahren entwickelt. Allen gemeinsam ist der Versuch, durch Punktion der Vene ohne Hautschnitt und Notwendigkeit zur Allgemein- oder Epiduralanästhesie („Kreuzstich“) in einem ambulanten Eingriff ohne relevante Narbenbildung und Rekonvaleszenz zumindest gleich gute (Langzeit-) Ergebnisse zu erzielen wie die Chirurgie. Heute werden vor allem drei verschiedene solcher Verfahren als Therapieoption neben der Chirurgie angewendet – welche davon für den Patienten in Frage kommt, muss ein erfahrener Spezialist entscheiden.

Krampfadern in der Schwangerschaft
In der Schwangerschaft treten Krampfadern oder allgemeine Probleme mit den Beinen relativ häufig auf. Zu den bekannten Risikofaktoren für ein Krampfadernleiden kommen in dieser Zeit weitere erschwerend hinzu:

  • Die Hormonumstellung bewirkt auch eine Gefäßerweiterung.
  • Vor allem im Stehen kommt es zu einem Blutandrang in den Venen.
  • Die Geschwindigkeit des venösen Rückflusses nimmt ab.
  • Bereits früh in der Schwangerschaft nimmt das Blutvolumen um fast 20 l Prozent zu. Die Gebärmutter drückt auf eine Beckenvene.
  • Im Verlauf der Schwangerschaft nimmt der Druck in den Beinvenen im l Liegen und im Stehen zu und beträgt oft ein Vielfaches des normalen Drucks vor der Schwangerschaft.
  • Schon zu Beginn der zweiten Schwangerschaftshälfte wird im Liegen und besonders im Stehen ein großer Druck auf die Bauchvene ausgeübt. Dies führt sowohl zu einer Abnahme des venösen Blutrückflusses als auch zu einem Rückstau in die Beine.


Medikamente gegen Venenleiden. Mitunter kann die Behandlung von Venenleiden aber auch mit Medikamenten erfolgen. „Diese Arzneimittel – etwa mit dem Wirkstoff Oxerutin oder Rosskastaniensamenextrakt – stärken die innere Auskleidung der Vene: Die venösen Gefäße werden für den Austritt von Flüssigkeit in das Gewebe weniger durchlässig“, erklärt Minar. „Flüssigkeitseinlagerungen, die für das Spannungs- und Schweregefühl verantwortlich sind, werden vermindert und die Versorgung des Gewebes verbessert.“ Diese Medikamente sind pflanzlicher Herkunft und bergen nur geringe Risiken hinsichtlich Neben- und Wechselwirkungen. Ebenfalls klar positiv: Die Kombination von Kompression und Medikament hat einen doppelt so starken Effekt wie jede Therapieform für sich alleine.

Ihre Beine – Ihr Leben.  Die Behandlung von Krampfadern ist – es sei nochmals gesagt – grundsätzlich nicht nur aus kosmetischen Gründen ratsam. Damit es gar nicht erst so weit kommt, das Problem medizinisch behandeln lassen zu müssen, haben wir für Sie einige Tipps gesammelt, was man zur Vorbeugung tun kann. Achten Sie also auf Ihre Beine – sie tragen Sie im Laufe Ihres Lebens bis zu 160.000 Kilometer durch die Welt!

Zusätzlich zu den allgemeinen Empfehlungen sollten Schwangere:
  • nicht zu tief sitzen und harte Stuhlkanten vermeiden (Beine auch nicht übereinanderschlagen).
  • am Arbeitsplatz oder bei langem Sitzen (z. B. im Flugzeug, Theater) die Beine häufig aktiv bewegen und immer wieder für kurze Zeit aufstehen.
  • konsequent Kompressionsstrümpfe (bzw. zur Prophylaxe Stützstrümpfe) tragen.
  • 4 bis 6 Wochen nach der Schwangerschaft sollten Sie Kompressionsstrümpfe tragen, da zu dieser Zeit eine Unterstützung des venösen Rückflusses besonders wichtig ist.

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