Samstag, 16. Februar 2019

Der Kampf ums Atmen

Ausgabe 2016.12-2017.01
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Die Lungenerkrankung COPD gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in Österreich. Trotzdem wird die Diagnose häufig immer noch zu spät gestellt. Alles, was Sie über COPD wissen müssen.


Foto: Can Stock Photo Inc. (Dusan, ia_64, AntonioGuillem)

Wir alle ringen immer mal wieder nach Luft und haben das Gefühl, nicht mehr atmen zu können: Wenn wir uns im Fitnessstudio verausgabt haben zum Beispiel, wenn wir nach einer kilometerlangen Wanderung endlich am Ziel angekommen sind oder nach stundenlangem Joggen erschöpft auf die Wohnzimmercouch fallen. Ja sogar eine unerwartete schlechte Nachricht kann uns im wahrsten Sinne den Atem verschlagen. Das ist nicht ungewöhnlich. Stellen Sie sich nun aber vor, schon kleinste Betätigungen wie das Duschen, das Anziehen der Socken oder das Zubereiten einer kleinen Jause versetzt Sie in Atemnot, vom Erklimmen von einigen wenigen Stufen ganz zu schweigen. Unvorstellbar, oder? Nicht für rund 400.000 Österreicherinnen und Österreicher, die an der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit COPD leiden. Circa 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung über 40 Jahre ist von der Erkrankung betroffen, die Anzahl der Männer und Frauen ist dabei in etwa ausgeglichen. „COPD gehört mittlerweile zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in Österreich“, betont Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Lungenfacharzt am Wiener Otto-Wagner-Spital.

Verlust der Lungenfunktion. 80 Prozent der COPD-Patienten sind langjährige Raucher, aber auch andere Schadstoffe in der Atemluft, wie zum Beispiel Feinstaubbelastung, können zur Erkrankung führen. Auch Passivrauchen erhöht das Risiko, an COPD zu erkranken. Werden diese Schadstoffe eingeatmet, entsteht eine Entzündung der Bronchien. „Diese Entzündung führt wiederum zu einer Schwellung der Bronchien und zu einer vermehrten Schleimproduktion“, erklärt Valipour. „Die Schwellung beginnt bei den kleinsten der kleinsten Atemwege, betrifft aber nach und nach auch die größeren Atemwege und führt schließlich zu einer Verengung der Bronchien.“ Die Folge: Die elastischen Fasern, die es in der Lunge gibt, werden zerstört und die Lunge verliert über Jahre hinweg an Funktion und Elastizität. „Die Lunge kann mit fortschreitender Erkrankung nicht mehr gut Sauerstoff aufnehmen, der Betroffene tut sich schwer mit dem Ein-, vor allem aber mit dem Ausatmen“, so der Experte. In vielen Fällen ist es aufgrund der Zerstörung der kleinsten Atemwege sowie der Lungenbläschen auch möglich, dass ein sogenanntes Lungenemphysem entsteht, also eine irreversible Überblähung der Lunge, bei der ihre normale schwammige Struktur verloren geht und stattdessen leere Hohlräume entstehen.

Frühsymptome ernst nehmen. Die Hauptsymptome der COPD sind wochen- oder monatelanger Husten sowie Auswurf. Da jedoch auch harmlose Infekte durch diese Symptome bestimmt werden und die Beschwerden einer COPD besonders in den Anfangsstadien sehr unspezifisch sind, wird die Krankheit oftmals erst sehr spät diagnostiziert – oder gar nicht, denn die Dunkelziffer von nicht diagnostizierten COPD-Betroffenen in Österreich schätzen Experten auf rund 800.000. „Gerade bei einer COPD ist es von großer Bedeutung, so früh wie möglich mit einer richtigen Therapie zu beginnen!“, betont Valipour. Wann also sollte man eine Abklärung von COPD ins Auge fassen? Dazu der Lungenfacharzt: „Ist man Raucher und älter als 40 Jahre, hat man häufig eine Bronchitis und/oder leidet man bei verschiedener Art von Belastung unter Atemnot bzw. verspürt ein Druckgefühl im Brustkorb, sollte auf jeden Fall an eine COPD gedacht werden. Speziell dafür entwickelte Fragebögen zur Beurteilung von COPD-Beschwerden helfen bei der Früherkennung und bei der Schweregradeinteilung.“ Nehmen Sie die Frühsymptome ernst und sprechen Sie Ihren Arzt des Vertrauens von selbst darauf an – denn auch wenn das Bewusstsein für COPD unter praktischen Ärzten bereits gestiegen ist, so kommt es trotzdem immer wieder vor, dass der Hausarzt nicht (genügend) mit dem Krankheitsbild vertraut ist. Zudem gibt es in vielen Arztpraxen Infobroschüren, die umfassend und leicht verständlich über die Erkrankung aufklären.

Progressiv fortschreitend. Die Diagnose wird in der Regel beim Lungenfacharzt mittels eines Lungenfunktion-Tests gestellt. COPD ist eine progressiv fortschreitende Krankheit, die zwar nicht heilbar ist, deren Verlauf aber mit der rechtzeitigen und richtigen Therapie hinausgezögert werden kann. „Das Ausmaß des Lungenfunktionsverlustes sowie das Ausmaß der Verschlechterung ist durchaus positiv beeinflussbar“, betont Valipour, der gleichzeitig auch zu bedenken gibt, dass der Verlauf einer COPD sehr individuell ist: „Es gibt Betroffene, die über sehr viele Jahre im selben Stadium bleiben, andere Patienten wiederum verlieren Jahr für Jahr an Lungenfunktion.“ Prinzipiell unterscheidet man bei der COPD vier verschiedene Lungenfunktionsstadien: Beim ersten und niedrigsten Stadium beträgt die Lungenfunktion mehr als 80 Prozent, in Stadium zwei zwischen 50 und 80 Prozent, in Stadium 3 zwischen 30 und 50 Prozent und im vierten und höchsten Stadium weniger als 30 Prozent. Der Schweregrad der Erkrankung hängt nach heutigem Wissensstand, so der Experte, jedoch nicht nur von der Funktion der Lunge, sondern auch von anderen wichtigen Faktoren ab. So ist beispielsweise das Ausmaß der Beschwerden wichtig: Leidet man bereits bei leichter Belastung unter Atemnot? Wie sehr ist der Husten ausgeprägt und wird dieser von Auswurf begleitet? „Maßgebend ist zudem auch, ob bzw. wie oft der Patient von sogenannten COPD-Attacken geplagt wird, die in vielen Fällen so dramatisch wie ein Herzinfarkt sein können“, so Valipour. Diese Attacken werden in den meisten Fällen von Infekten ausgelöst und führen zu einer akuten Verkrampfung der Bronchien. Der Betroffene bekommt plötzlich sehr schlecht Luft, auch Auswurf und andere Infektanzeichen sind nicht selten. „Diese Attacken können zu einem Spitalsaufenthalt führen. In solch einem Fall verschlechtert sich die Lunge zusätzlich und die Wahrscheinlichkeit, dass die Krankheit rascher voranschreitet, steigt.“ Bis zu 60 Prozent der Stadium-3- und 4-Patienten leiden an diesen COPD-Attacken, die jedoch ebenso mit der richtigen Therapie hinausgezögert oder gar verhindert werden können.

Übersicht zu diesem Artikel:
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