Donnerstag, 27. Februar 2020

Der harte Kampf gegen den Krebs

Ausgabe 2020.02
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Die Therapien bei Krebserkrankungen werden immer effektiver, frei von Nebenwirkungen sind sie jedoch nach wie vor nicht. Doch welche unerwünschten Effekte gibt es? Und was können Patienten dagegen tun?


Foto: © iStock - KatarzynaBialasiewicz

Krebs ist nach wie vor eine Schockdiagnose, die das Leben grundlegend und nachhaltig verändert. Für viele Betroffene steht die Frage nach der Überlebenschance genauso wie die Angst vor den Nebenwirkungen der Behandlung im Fokus. „Krebspatienten profitieren zwar von immer effektiveren Therapieverfahren, allerdings sind diese nach wie vor und häufig mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski, Leiter des Vienna Cancer Centers von Krankenanstaltenverbund und MedUniWien. Der über Österreichs Grenzen hinaus bekannte Tumor-Spezialist möchte aber beruhigen: „Uns ist es in den vergangenen Jahren gelungen, viele der gefürchteten Nebenwirkungen in den Griff zu bekommen. Zudem muss klar gesagt werden: Nebenwirkungen einer Krebstherapie dürfen nicht über einen Kamm geschert werden. Sie hängen von der Krebsform, der Art der Behandlung, der Dosierung des jeweiligen Wirkstoffs sowie vom allgemeinen gesundheitlichen Zustand des Patienten ab.“ Zudem sei es „ganz normal“, so Zielinski weiter, dass jeder Mensch auf Medikamente per se unterschiedlich reagiert.

Differenzierte Behandlungen
Aktuell gibt es in der Onkologie drei verschiedene Therapieformen: die Chemotherapie, die vergleichsweise junge Immuntherapie sowie die – ebenfalls erst in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnene – gezielte Therapie. „Die Chemotherapie gehört zwar immer noch zum Standard der Krebsbehandlung, kommt aber zunehmend ins Out“, so Zielinski. „Die Indikationen für eine Chemotherapie nehmen immer mehr ab, da diese im Vergleich zur Immuntherapie und zur gezielten Therapie weniger differenziert wirksam ist. Bei den neuen Therapien weiß man genau, wo der molekulare Defekt in der Tumorzelle liegt und wie man diesen attackieren kann. Damit ist uns ein wichtiger Sprung in Richtung differenzierter Behandlung gelungen.“ Allein 2018 zählte man in der Medizin 15 verschiedene Indikationen für eine Immuntherapie, unter anderem: schwarzer Hautkrebs, Lungen-, Nieren-, Blasen-, Magen- und Speiseröhrenkrebs sowie in selten Fällen Darmkrebs. Auch bei einer bestimmten Form des Brustkrebses kann die Immuntherapie angewandt werden.

Chemotherapie
Bei einer Chemotherapie wird ungezielt sich schnell teilendes Gewebe blockiert – nicht nur Krebszellen, sondern auch gesunde körpereigene Zellen. Dadurch kommt es im Laufe der Behandlung zu einer Reihe von Nebenwirkungen. Die gefährlichste ist eine Schädigung des Knochenmarks, erläutert Zielinski: „Wenn ein solches Problem auftritt, kommt es meist nach dem ersten Behandlungszyklus zu einem Absinken der weißen Blutkörperchen, was mit einem Fieberzustand einhergeht. Vor allem alte Menschen und Patienten mit einem schlechten Allgemeinzustand sind davon betroffen.“ Vorbeugend behandelt wird streng nach einem Schema der europäischen Onkologiegesellschaft: Mittel der Wahl ist G-CSF, ein Peptidhormon, das die Bildung von Granulozyten anregt. Aufgrund der Knochenmark-Schädigung kann es auch zu einer Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen), einer erhöhten Blutungsneigung sowie zu Blutarmut kommen. „Gegen die zwei letztgenannten Nebenwirkungen verabreichen wir Medikamente, gegen die Thrombozytopenie können wir leider noch nichts tun, außer die fehlenden Blutplättchen durch Blutderivate von Spendern zu ersetzen.“ Je nach Substanzklassen können weitere Nebenwirkungen auftreten, unter anderem: Durchfall, Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall, Schleimhautschäden, Hand-Fuß-Syndrom (Rötungen, Bläschen sowie offene Stellen an Händen und Füßen), sich verfärbende oder sich ablösende Finger- und Zehennägel, Funktionsstörungen von Organen sowie sensible oder schmerzhafte Polyneuropathien (Nervenschädigungen) an den Extremitäten. Vor allem gegen Übelkeit, aber auch bei Mundschleimhautentzündungen und Schmerzen kann das aus der Hanfpflanze gewonnene Cannabidiol (CBD) Linderung verschaffen.

Nebenwirkungen meist kurzfristig
„Die Polyneuropathie ist das aktuell komplexeste Problem mancher Chemotherapien“, betont Zielinski. „Viele Patienten leiden sehr darunter.“ Meist klingen diese Gefühlsstörungen nach ein bis zwei Jahren wieder ab, mitunter können sie bestehen bleiben. Behandelt wird mit Medikamenten und Physiotherapie, Kälte sollte vermieden werden. Obwohl mit Chemotherapie am öftesten assoziiert, muss Haarausfall nicht zwingend auftreten (Achtung: Perücken werden nur für Frauen von der Krankenkasse bezahlt!), auch Übelkeit „können wir mittlerweile beinahe zur Gänze medikamentös beherrschen“, beruhigt der Experte. Die berühmt-berüchtigte bleierne Müdigkeit und Erschöpfung (sogenannte Fatigue) hängt weniger mit der Behandlung zusammen, „sondern ist viel- mehr Tumor-assoziiert. Beispielsweise klagen Betroffene eines Pankreaskarzinoms besonders häufig über Fatigue.“ Generell ist der Großteil der Nebenwirkungen einer Chemotherapie kurzfristig und gut zu behandeln, bei Problemen mit der Schleimhaut im Mund-, Rachen- und Halsbereich sollte eine Ernährungsexpertin zurate gezogen werden. Kommt es zu Hautschäden, ist auf eine spezielle Hautpflege zu achten (rückfettende Cremes, milde Duschgele, geringe Sonnenbestrahlung etc.); unter Umständen sind Antibiotika notwendig. Zu den Langzeit- beziehungsweise Spätfolgen können neben der Polyneuropathie Unfruchtbarkeit, Beeinträchtigung der Nieren- oder Lungenfunktion, Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörung sowie ein erhöhtes Gefäßerkrankungsrisiko gehören.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Der harte Kampf gegen den Krebs
Seite 2 Immuntherapie

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