Freitag, 22. Februar 2019

Der Fall mit den Bandscheiben

Ausgabe 2013/10

Die meisten Bandscheibenvorfälle müssen nicht operiert werden. Ist jedoch – wie bei medianen Bandscheibenvorfällen – das Rückenmark in Gefahr, ist eine Operation unumgänglich.


Foto: Can Stock Photo Inc. - heckmannoleg

Die 33-jährige Patientin, Turnusärztin und Hobbysportlerin Lisa G., litt schon seit längerer Zeit an Nackenschmerzen und war bei mehreren Orthopäden in Behandlung. Sie nahm an einem speziellen Trainingsprogramm teil und ließ sich regelmäßig behandeln. Als sie ein Taubheitsgefühl im rechten Arm verspürte, konsultierte sie einen Facharzt in einer auf Orthopädie spezialisierten Klinik. Er verschrieb Schmerzmittel. Am nächsten Tag verspürte sie beim Haarewaschen erstmals einen stromschlagähnlichen Schmerz im Rücken, der bei jeder schnellen Rückbeugung des Kopfes auftrat. Daher suchte sie am nächsten Tag wieder die Klinik auf. Zu diesem Zeitpunkt bestanden schon erste Lähmungen der Finger und des rechten Armes. Der nächste Facharzt beruhigte. Es könne ein kleiner Bandscheibenvorfall sein, die meisten würden jedoch sowieso nicht operiert, und eine Magnetresonanztomografie war nicht möglich, da das Institut des privaten Spitals am Feiertag geschlossen war. Also verschrieb er ein weiteres starkes Schmerzmittel und schickte die Patientin nach Hause.

Umgehende Operation notwendig. Doch Lisa G. fuhr nicht nach Hause. Sehr beunruhigt suchte sie die Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien-Landstraße auf. In der Notaufnahme wurde der diensthabende Arzt der neurochirugischen Abteilung, Priv.-Doz. Dr. Camillo Sherif, benachrichtigt. Dieser schickte sie nach eingehender Untersuchung sofort zur Magnetresonanztomografie. Dort bestätigte sich sein Verdacht: Ein großer medianer Bandscheibenvorfall hatte das Rückenmark der Patientin bedrohlich gequetscht. Sie musste umgehend operiert werden. „Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Taubheitsgefühl bereits auf die Beine ausgebreitet“, erinnert sich Lisa G. heute. „Ich konnte mit geschlossenen Augen nicht mehr gerade gehen.“ Bei dem „Stromschlag“ handelte es sich um das Lhermitte-Zeichen – ein neurologisches Alarmzeichen, das bei Bedrängung des Rückenmarks entsteht. Kurz nach der Diagnose wurde Lisa G. bereits operiert.

Entstehung eines Bandscheibenvorfalls. Die menschliche Wirbelsäule besteht aus den einzelnen Wirbelknochen, zwischen denen als Stoßdämpfer die Bandscheiben liegen. Diese bestehen aus einem weichen Kern, umgeben von einem Knorpelring. Verletzungen  –  sowohl akute als auch unbemerkte, über Jahre hinweg erfolgende – bewirken Einrisse dieses Faserrings. Im schlimmsten Fall reißt er ein und es kommt zu einem Herausquellen des weichen Kerns – einem Bandscheibenvorfall. Dies geschieht selten durch einen akuten Unfall; viel eher sind sitzende Berufe, angeborene oder erworbene Fehlhaltungen, vorausgegangene Schwangerschaften und eine angeborene Bindegewebsschwäche die Auslöser. Da Bandscheiben keine eigenen Blutgefäße besitzen, erfolgt die Versorgung mit Nährstoffen durch das ständige Auspressen und Aufsaugen von Flüssigkeit durch Bewegung – wie bei einem Schwamm. Aus diesem Grund sind „Büromenschen“, die viel unbeweglich sitzen, besonders gefährdet.

Symptome bei medianen Bandscheibenvorfällen

Wenn lang andauernde Rückenschmerzen von folgenden Zeichen begleitet sind, sollten Sie eine Klinik mit neurochirurgischer Interventionsmöglichkeit aufsuchen:

  • Lähmung/Schwäche der Arme oder Beine
  • Gefühlsstörungen (Taubheitsgefühl, „Kribbeln“) in Armen/ Beinen
  • Gangstörung, Taumeln, vor allem im Dunklen
  • Elektrisierender, blitzartiger Schmerz bei Kopfbewegungen in Rücken, Armen oder Beinen
  • „reithosenförmige“ Gefühlsstörung oder Taubheitsgefühl im Genital-, Damm- und Oberschenkelinnenseitenbereich
  • Lähmung oder unkontrollierte Entleerung von Blase/Darm

Therapie und Operationsindikation. Die Therapie eines Bandscheibenvorfalls hängt von mehreren Faktoren ab. Kleine und seitlich gelegene Bandscheibenvorfälle heilen von selbst und können so „in Schach gehalten“ bzw. sogar vom Körper abgebaut werden. Bei Gefährdung des Rückenmarks ist hingegen eine rasche Operation notwendig. Das Rückenmark – die kleinfingerdicke Verlängerung des Gehirns – verläuft innerhalb des Wirbelkanals, hinter den Wirbelknochen, und reicht bis zum Beginn der Lendenwirbelsäule. Alle Nerven, die den Körper versorgen und für die Bewegung der Muskeln, Sensibilität sowie sämtliche anderen Funktionen zuständig sind, ziehen hier durch oder entspringen hier. Wird das Rückenmark verletzt, so sind alle Körperteile, die vom darunterliegenden Teil versorgt werden, gelähmt bzw. taub. Eine komplette Durchtrennung wird als Querschnittslähmung bezeichnet und ist nach heutigem Wissensstand irreversibel. „Bei den seltenen mittleren, d. h. medianen Bandscheibenvorfällen der Hals- bzw. Brustwirbelsäule kann es zu einer Quetschung des Rückenmarks mit Querschnittsymptomen kommen“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Camillo Sherif, Abteilung für Neurochirurgie, Rudolfstiftung Wien. „Aus diesem Grund ist bei medianen Bandscheibenvorfällen mit Rückenmarksbeteiligung eine Operation unumgänglich.“ Diese sollte rasch erfolgen, um zu verhindern, dass gequetschte Nervenfasern absterben. Die Lendenwirbelsäule wird nicht mehr vom kompletten Rückenmark durchzogen, jedoch verlaufen hier noch die Nerven, die das Becken und die Beine versorgen. Daher kann es auch bei einem  medianen Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule zu gefährlichen Symptomen wie dem „Reithosensyndrom“ kommen

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