Samstag, 16. Februar 2019

Der Arzt, mein Partner

Ausgabe 2016.7/8
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Eine gute Arzt-Patienten-Beziehung hat einen wichtigen Einfluss auf Krankheitsverlauf und Behandlungserfolg. Wie können Arzt und Patient einander besser verstehen, was müssen beide Seiten zu einem funktionierenden Miteinander beitragen?


Foto: © Can Stock Photo Inc. - Andres

Die 30-jährige Katharina erinnert sich noch gut, wie es war, als sie ihre Brustkrebsdiagnose bekam: „Schon im Wartebereich spürte ich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Mein Arzt ging immer wieder an mir vorbei, konnte mir nicht in die Augen sehen, wirkte nervös. Er schien mich absichtlich warten lassen zu haben. Als er mir 30 Minuten später die Diagnose mitteilte, starrte er nur auf den PC-Bildschirm und erdrückte mich mit einer Flut an fachlichen Ausdrücken.“ Obwohl sich Katharina in einem Schockzustand befand, gelang es ihr, den Arzt in seiner Redeflut zu unterbrechen und zu fragen, wie lang ihr eigentlich noch Zeit bliebe. Worauf der sie verständnislos ansah: „Natürlich werden Sie wieder gesund, das ist ja klar.“ Diese – für den Patienten wichtigste – Information kam leider erst am Ende des langen Gesprächs.
Ein Allgemeinmediziner aus Niederösterreich erzählt wiederum von fehlender Zusammenarbeit seitens eines Patienten: „Ein 60-jähriger Mann stopfte unkontrolliert seine Tabletten in eine Medikamentenlade, egal ob es sich um Mittel gegen chronische Schmerzen oder Völlegefühl handelte. Er hat nie darauf geachtet, welche Medikamente er einnahm, hat wahllos in die Lade gegriffen. Wenn es zu Beschwerden kam, ging er zum Arzt und machte eine Szene. Auch den Rat, an Gewicht zu verlieren, hat er rigoros abgelehnt.“ Als sich keine Besserung seines Zustandes einstellte, wechselte er den Arzt.

Experte und Laie. Diese zwei Beispiele illustrieren: Die moderne Medizin bietet zwar hoch spezialisierte Methoden für Diagnosen und Therapien an, die Kommunikation zwischen Arzt und Patient kommt jedoch oft zu kurz. Ärztliche Alltagsroutine trifft auf tiefgehende Sorgen des Betroffenen, der Experte steht dem (fachlichen) Laien gegenüber: Die aufgrund des Wissensgefälles von vornherein nicht ausgeglichene Beziehung zwischen Arzt und Patienten wird durch Fehler, die beiden Seiten immer wieder unterlaufen, noch zusätzlich belastet. „Im beruflichen Alltag ist die Beziehung zwischen Arzt und Patient oft kompliziert“, bestätigt auch der steirische Allgemeinmediziner Dr. Jörg Pruckner. Gründe dafür? „Problematisch ist der große Druck aus dem Wartezimmer. Als Arzt fragt man sich, wie man im Rahmen der Ordinationszeit die große Anzahl an Patienten in dem Maße behandeln kann, dass jeder zufrieden die Praxis verlässt. Dazu kommt, dass ich eine zusätzliche Gesprächstherapie, die über die Diagnosestellung hinausgeht, nicht oder nur sehr gering verrechnen kann.“ Außerdem, gibt Pruckner offen zu, ist die richtige Kommunikation mit dem Patienten bis heute nicht Teil der Ausbildung von Ärzten. „Eine Schulung in diesem Bereich würde ich für sinnvoll erachten.“ Denn für viele Ärzte geht der Blick für die Ängste des Patienten verloren, weil Untersuchungen, Behandlungen, Therapien und Operationen zur Routine werden und sich manchmal sogar eine Art Gleichgültigkeit einstellt. Für den Arzt sind die Situationen immer gleich, für den Patienten immer neu. Grundlegend sei es zum Beispiel, so Pruckner, sich auf jeden Patienten individuell einzustellen: Mit einem erfolgreichen Manager im besten Alter sei anders umzugehen als mit der 17-Jährigen mit einer sexuell übertragbaren Krankheit.

Dr. Google. Ein weiterer wichtiger Grund, der „gerade dabei ist, die Beziehung von Arzt und Patienten grundlegend zu verändern, ist Pruckner überzeugt, ist die intensive Internetrecherche seitens der Patienten. Laut einer Studie des österreichischen Meinungsforschungsinstituts IMAS aus dem Jahr 2015 hat bereits jeder dritte Österreicher schon mal eine persönliche Gesundheitsfrage im Internet recherchiert. 15 Prozent gaben an, Dr. Google „intensiv“ zwecks medizinischer Belange zur Rate zu ziehen. In Ärztekreisen ist diese Selbstrecherche höchst umstritten: Laut einer aktuellen Studie aus Deutschland sind 45 Prozent der Ärzte der Meinung, dass die Selbstinformation der Patienten via Internet unangemessene Erwartungen und Ansprüche an den Arzt hervorbringe und die Zusammenarbeit belaste. „Es erschwert ein zielgerichtetes Gespräch tatsächlich, wenn der Patient plötzlich Fragen stellt, die weit über die tatsächliche Diagnose hinausgehen, und mit Infos aufwartet, die eigentlich Lehrbuchwissen sind“, bestätigt auch Pruckner. Grundsätzlich stehe er einem „konstruktiv-kritischen Patienten mehr als positiv gegenüber“, jedoch würde er sich eine „Recherche mit einer gewissen Qualitätsstruktur“ wünschen: „Die meisten Patienten sind schlichtweg überfordert mit der Fülle an Informationen und vertrauen oft den falschen Quellen. Der ärztliche Rat wird ständig hinterfragt. Als Arzt muss man sich sehr ins Zeug legen, um Dr. Google ausbooten zu können. Gerade für Hypochonder ist das Internet ein gefundenes Fressen.“ Allerdings gebe es auch positiven Einfluss der Internetrecherche: Die Kommunikation ist weniger eine Einbahnstraße, zum Teil wird der Arzt gar ernster genommen, „weil er inmitten der Informationsflut die einzige zuverlässige Quelle ist“, so Pruckner.

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