Sonntag, 17. Februar 2019

Das schleichende Vergessen

Ausgabe 09/2013

Wenn die Vergangenheit ausgelöscht und die Zukunft zerstört wird: Demenz ist eine schockierende Diagnose, die viel Kraft kostet.


Foto: Can Stock Photo Inc. - voronin76

Die demografische Entwicklung zeigt: Wir Menschen werden immer älter. Daher steigt geradezu zwangsläufig auch die Anzahl der Demenz-Erkrankten. Aktuell gibt es rund 120.000 Betroffene in Österreich (zwei Drittel davon sind Frauen), Studien zufolge soll sich die Anzahl bis 2050 verdoppeln. „Man kann heute Demenz beinahe als Volkskrankheit beschreiben", so Dipl. KS Manuela Simbürger, Stationsleiterin in einem niederösterreichischen Landespflegeheim. Die Ursachen einer Demenzerkrankung sind noch immer nicht zur Gänze erforscht. Sicher ist nur, dass Eiweißablagerungen in und um die Nervenzellen für den Großteil der Demenzerkrankungen verantwortlich sind. Demenz bedeutet den Verlust verschiedener Denkfunktionen. „Wenn man älter wird, vergisst man. Das ist nicht ungewöhnlich!", betont Simbürger. Wenn man also einmal nicht weiß, wo man den Schlüssel hingelegt hat oder der Name eines weit entfernten Bekannten partout nicht einfallen will, bedeutet das noch lange nicht, an Demenz zu leiden. Denn bei dieser Krankheit sind weit mehr als bloß die kognitiven Denkvorgänge betroffen. „Eine Demenz verändert die Persönlichkeit, das Wesen eines Menschen", erklärt Simbürger. Das Vergessen vergeht nicht wieder, es bleibt. Wobei der Beginn einer jeden Demenz schleichend beginnt – „nämlich bereits lange vorher, bevor man überhaupt selbst eine Veränderung an sich bemerkt", so die Expertin. Typische Symptome sind ein fortschreitender Gedächtnisverlust, Orientierungslosigkeit und die Schwierigkeit, sich zu artikulieren. Auch Verhaltensauffälligkeiten wie Distanzlosigkeit, Aggressivität, eine sinkende Hemmschwelle, emotionale Abflachung, Antriebslosigkeit oder Antriebssteigerung sind nicht selten, zudem können optische wie auch akustische Halluzinationen auftreten. Bei fortschreitender Erkrankung geht die Selbstständigkeit verloren (z. B. Vernachlässigung der Körperpflege), bis die Patienten im letzten Stadium zu absoluten Pflegefällen werden. Nun werden auch Angehörige und Fremde nicht mehr erkannt, die Betroffenen leben sehr oft in der Vergangenheit. Simbürger: „Demente Personen fühlen sich in der Gegenwart verloren und nicht mehr sicher. Also ziehen sie sich in eine Zeit zurück, als sie diese Defizite noch nicht hatten, als sie sich geliebt und gebraucht fühlten. Es ist für diese Krankheit typisch, Details aus der Kindheit zu wissen, aber nicht mehr sagen zu können, was man heute Mittag gegessen hat."

 

Ein Doppelleben.

Eine Demenz ist zwar nicht heilbar, aber behandlungsbedürftig. Symptome früh genug zu erkennen ist deshalb wichtig. Zu Beginn stehen immer kognitive Defizite im Vordergrund, zum Beispiel das häufige Vergessen von Terminen oder das Nicht-Finden der Lesebrille. „Auch an der Vernachlässigung des Haushalts kann man gut erkennen, dass mit dem Betroffenen etwas nicht stimmt", erklärt Simbürger und ergänzt: „Sie wollen sich dies aber nicht eingestehen und sind anfangs sehr gut darin, ihre Defizite zu kaschieren. Dieses Doppelleben ist natürlich sehr anstrengend." Die Folge: sozialer Rückzug, weshalb eine Demenz anfangs oft mit einer Depression verwechselt wird. „Eine Depression kann eine Demenz verschleiern – aber auch umgekehrt!", weiß die Expertin. Fallen Ihnen Veränderungen im Verhalten Ihres Verwandten auf, gehen Sie mit ihm zum Hausarzt oder Neurologen. Mit speziellen Tests sind diese in der Lage, eine Demenz zu diagnostizieren. Mit verschiedenen Therapien ist es möglich, den Fortschritt der Krankheit zu verlangsamen.

 

Auf Augenhöhe.

„Der Umgang mit Demenz-Erkrankten erfordert Kraft und Mut", stellt Simbürger klar. Oft beobachtet sie, dass Angehörige die demente Mutter nicht mehr im Heim besuchen, weil „sie nicht mehr die Mama von früher ist. Manchmal wird leider auch Ekel empfunden." Doch an Demenz Erkrankte brauchen viel Nähe, Fürsorge und das Gefühl, dass jemand für sie da ist. Auch Körperkontakt (wenn der Betroffene dies zulässt) ist wichtig.  Beobachten Sie Ihren Angehörigen genau, nehmen Sie Beschuldigungen oder Angriffe nicht persönlich. Achten Sie zwar darauf, welche Faktoren sich verschlechtern, aber konzentrieren Sie sich auf jene Dinge, die die Mutter oder der Vater noch machen kann, anstatt jene Aspekte hervorzuheben, die nicht mehr möglich sind. „Versuchen Sie, Ihren geliebten Verwandten so in Erinnerung zu behalten, wie er war", rät Simbürger. Sprechen Sie mit ihm über seine Vergangenheit, „spielen Sie mit", aber reißen Sie ihn nicht aus dieser heraus – der Betroffene könnte daraufhin mit Zorn und Angst reagieren. Machen Sie mit ihm weiterhin die Dinge, die er früher gerne gemacht hat, zum Beispiel eine Zeitung ansehen oder ein Tier streicheln. Und vor allem, so Simbürger: „Über- und unterfordern Sie den Betroffenen nicht! Lassen Sie ihn die Dinge, die er noch kann, selbst tun, auch wenn es länger dauert und das Endergebnis nicht perfekt ist. Das bestärkt ihn – und Sie auch!" Ebenso wichtig ist, Strukturen und Regeln im Alltag einzuführen. Dies schafft Sicherheit. Aber: Vergessen Sie nicht auf sich selbst! „Angehörige haben das Recht, ihr eigenes Leben weiterzuleben", betont Simbürger. „Denn nur wer selbst Kraft hat, kann diese auch dem Demenz-Kranken weitergeben." Und: Lassen Sie sich kein schlechtes Gewissen einreden, wenn Sie sich für einen Heimaufenthalt für Ihren Angehörigen entschließen. Simbürger: „Die Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung ist kein Versagen, sondern verantwortungsvolles Handeln."

 

 

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