Samstag, 23. Februar 2019

Das Kreuz mit dem Kreuz

Ausgabe 03/2009
Volksleiden Nummer Eins: 2,6 Millionen Österreicher kennen Kreuzschmerzen. Doch gut informierte Patienten können aktiv dagegen ankämpfen.

Foto: Jack F - fotolia.com
Es beginnt meist schon in den Zwanzigern oder Dreißigern unseres Lebens: Der Nacken ist verspannt, die Wirbelsäule schmerzt, das Kreuz tut weh. Der Rücken ist für die meisten Menschen die gesundheitliche Achillesferse. Ärzte sprechen dabei von einer echten Zivilisationskrankheit, denn die Ursachen sind oft Bewegungsmangel durch stundenlanges Sitzen vor dem Computer, Fehlbelastungen durch einseitige Arbeitsabläufe und nicht zuletzt Übergewicht – Kilos, die den Stützapparat belasten.

Hexenschuss, Ischias oder was?
„80 Prozent aller Erwachsenen haben irgendwann einmal im Leben eine Episode von Rückenschmerzen“, erklärt Prim. Univ.-Doz. Dr. Martin Friedrich. „Meist bessern sich diese innerhalb von zwei bis sechs Wochen, doch bei bis zu 80 Prozent der Patienten kommt es zu einem Rückfall nach einem Jahr, und bei zehn Prozent der Betroffenen können die Schmerzen chronisch werden“, weiß der Spezialist aus jahrelanger Erfahrung am Orthopädischen Spital Speising in Wien, wo man auf die Behandlung von Schmerzen des Bewegungsapparates spezialisiert ist.

Bei Kreuzschmerzen werden verschiedene Erkrankungen und Schmerzbilder unterschieden. „Von Kreuzschmerzen sprechen wir, wenn die Beschwerden im Bereich zwischen der untersten Rippe und den unteren Gesäßfalten auftreten“, so der Spezialist. Bleiben die Schmerzen auf die betroffene Wirbelsäulenregion beschränkt, so spricht man von einem lokalen Syndrom – besser bekannt als „Hexenschuss“. Strahlen die Schmerzen bei Befall der Lendenwirbelsäule durch Druck auf die Nervenwurzeln in die Beine aus, so nennt man dies Ischialgie oder auch „Ischias“.

Und noch eines ist wichtig. Sogenannte akute Kreuzschmerzen dauern weniger als sechs Wochen, subakute sechs Wochen bis drei Monate und von chronischem Kreuzschmerz spricht man, wenn der Schmerz länger als drei Monate anhält.

Bösartige Ursachen sind selten.
Interessant ist aber auch, dass 85 Prozent der Kreuzschmerzen auf dem Röntgenbild keine organische Ursache aufweisen. Die Spezialisten sprechen in diesem Fall von „unspezifischen“ Beschwerden. Das bedeutet, dass keine Nervenwurzeln beteiligt sind und dass andere körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden konnten. Nur vier bis fünf Prozent der Schmerzen werden durch Reizung oder Schädigung von Nervenwurzeln verursacht, und weniger als ein Prozent durch schwerwiegende Erkrankungen wie Rheuma, Infektionen oder Tumore. Rückenschmerzen sind also in der Regel gutartige Beschwerden. Der Orthopäde Friedrich dazu: „Es ist ganz wichtig, dass wir das unseren Patienten sagen. Nichts ist so hinderlich für den Therapieerfolg wie die Angst vor etwaigen bedrohlichen Schmerzursachen.“

Bleiben Sie aktiv!
Wichtig für alle Betroffenen ist es daher, mehr über den Schmerz, seine Entstehung, Weiterverarbeitung und auch die Zusammenhänge zwischen Schmerz, Körper und Seele zu erfahren.

Faktum Nummer eins: Die Hauptursache für den weitverbreiteten Kreuzschmerz ist Inaktivität. 60 Prozent der Österreicher haben sich ihr verschrieben, nur 40 Prozent betreiben gelegentlich oder häufig Sport. Friedrich: „Zudem begehen viele Patienten mit akuten unspezifischen Kreuzschmerzen einen entscheidenden Fehler, sie legen sich ins Bett in der Annahme, dies würde eine Besserung bringen. Doch besonders längere Bettruhe verschlimmert die Schmerzen.“ Muskeln, Bänder und Kreislauf werden geschwächt, in der Folge werden aus Angst vor eventuell wieder auftretenden Schmerzen neuerliche Verspannungen hervorgerufen. Der Schmerz verstärkt sich.

Kreuz, Knochen, RückenFoto: Sebastian Kaulitzki - fotolia.comDer Teufelskreis
Faktum Nummer zwei: Wenn der akute Schmerz als „bellender Wachhund der Gesundheit“ seine Warnfunktion verliert und zur Dauerfolter wird, kommt es zu einer Reihe von Veränderungen: im Erbgut von Nervenzellen, bei der Produktion von Hirnbotenstoffen, bei der Kommunikation von Zellen und Zellverbänden, in der Aktivität des Gehirns und in der Psyche.

Anhaltende starke Schmerzen können so in einen Teufelskreis münden: Wenn die Nervenzellen im Rückenmark ohne Pause „feuern“, strömt verstärkt Kalzium in die Zellen ein. Die Reizübertragung von den schmerzleitenden Nervenbahnen an Überträgerstellen auf die Neuronen wird so hochreguliert. Vergleichen kann man das mit dem Lauterdrehen des Verstärkers einer Musikanlage. Wird das ständige Feuern der Neuronen nicht durch eine ausreichende Schmerzbehandlung frühzeitig durchbrochen, verselbstständigt sich der Prozess. Die Nervenzellen werden hypersensibel und melden auch bei harmlosen, schwachen Reizen das Signal „Schmerz“, selbst dann, wenn die eigentliche Schmerzursache schon nicht mehr existiert. Das Dauerbombardement verändert die Schmerzverarbeitung und irgendwann ist das Schmerzbild im Nervensystem eingebrannt.

Rasch behandeln!
Deshalb ist es ganz wichtig, dem Schmerz so rasch wie möglich entgegenzutreten. Zum Einsatz kommen dabei verschiedenste Schmerzmittel, auch manuelle Therapie und Physiotherapie. Aber das Entscheidende ist Ihr eigenes Engagement für Ihren Körper, denn Bewegung ist das beste Mittel für einen gesunden Rücken. Bleiben Sie aktiv!

Wunderwerk Wirbelsäule
34 Wirbel, 23 Bandscheiben, die wie Stoßdämpfer dazwischen liegen, sowie ein komplexer Apparat aus Bändern und Muskeln stärken uns im Idealfall den Rücken. Die raffinierte S-Form der Wirbelsäule macht elastischen Gang möglich. Doch unsere Rückengesundheit hängt in hohem Maße von der Kraft der Rückenmuskulatur und dem reibungslosen Zusammenspiel aller Teile der Wirbelsäule ab. Stabilisiert wird die bewegliche Säule durch ein bis ins Kleinste eingespieltes System von Bändern, Muskeln und Bandscheiben. Gerät nun dieses sensible Gefüge aus dem Gleichgewicht, kommt es zu den gefürchteten Rückenschmerzen.

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