Sonntag, 22. September 2019

Das Kreuz mit dem Kreuz

Ausgabe 11/2010
Der Rücken ist für viele die gesundheitliche Achillesferse. Ärzte sprechen von einer echten Zivilisationskrankheit, denn: Bis zu 80 Prozent der Österreicher leiden mindestens einmal in ihrem Leben an Rückenschmerzen.

Foto: Nenad Aksic - istockphoto.com „Neunzig Prozent bessern sich innerhalb von sechs Wochen und oft sogar schon nach weniger als zwei Wochen“, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Friedrich vom Orthopädischen Spital Speising in Wien, das auf Schmerztherapien des Bewegungsapparates spezialisiert ist. „Doch bei bis zu achtzig 80 Prozent der Betroffenen kommt es zu einem Rückfall nach einem Jahr. Und bei zehn Prozent der Patienten können sie chronisch werden.“

Feinde der Wirbelsäule
Die Ursachen der so weit verbreiteten Rückenbeschwerden lassen sich vor allem auf diverse Begleiterscheinungen des modernen Lebens zurückführen, ganz oben das viele Sitzen. Es beginnt bei der Fahrt zur Arbeit mit dem Auto oder den Öffis, setzt sich am Schreibtisch fort und findet vor dem Fernseher seinen Abschluss. Wir sitzen die meiste Zeit des Tages, und auch die wenigen Schritte, die wir machen, dienen hauptsächlich zum Wechseln der Sitzgelegenheiten. Ständiges Sitzen verursacht aber eine enorme einseitige Belastung unserer Stütze Nummer eins – der Wirbelsäule.

Womit wir auch schon beim Rückenfeind Nummer zwei, dem Bewegungsmangel, wären. Bei sitzender Tätigkeit bräuchte man im Grunde einen täglichen Bewegungsausgleich von mindestens einer Stunde – wer aber tut das schon? Schließlich können zivilisationsbedingte Reizüberflutung, Stress oder Druck am Arbeitsplatz nicht nur „auf die Nerven gehen“ oder den Blutdruck in die Höhe treiben, sondern auch die Muskulatur erheblich verspannen. Kurzum: Seelische Belastungen sind eine der Hauptursachen für Kreuzschmerzen.

Hexenschuss & Co
Doch was genau ist das eigentlich? „Definitionsgemäß sprechen wir von Kreuzschmerzen, wenn die Schmerzen im Bereich zwischen der untersten Rippe und den unteren Gesäßfalten auftreten“, erklärt Experte Friedrich.
  • Beim „Hexenschuss“ bleiben die Beschwerden auf die betroffene Wirbelsäulenregion beschränkt, es handelt sich also um ein lokales Syndrom.
  • Bei „Ischias“ strahlen die Schmerzen bei Befall der Lendenwirbelsäule durch Druck auf die Nervenwurzeln in die Beine aus.
Die Fachleute unterscheiden weiters je nach Dauer des Auftretens zwischen akutem (weniger als 6 Wochen), subakutem (zwischen 6 Wochen und 3 Monaten) und chronischem (mehr als 3 Monate) Kreuzschmerz.

Auch gut zu wissen: „85 Prozent der Kreuzschmerzen sind so genannte unspezifische Beschwerden. Das heißt, dass auf dem Röntgenbild keine organischen Ursachen zu finden sind, dass keine Nervenwurzeln beteiligt sind und andere körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden können“, erklärt Friedrich.

Tatsächlich werden nur vier bis fünf Prozent der Schmerzen durch Reizung oder Schädigung von Nervenwurzeln verursacht, weniger als ein Prozent durch schwerwiegende Erkrankungen wie etwa Rheuma, Infektionen oder Tumore. Friedrich beruhigt entsprechend: „Betroffene sollten sich im Klaren sein, dass Rückenschmerzen in der Regel gutartige Beschwerden sind und die Angst vor etwaigen bedrohlichen Schmerzursachen meistens unbegründet ist.“

Nur keine Bettruhe
Noch einen Irrglauben gilt es bei leidigen, unspezifischen Rückenschmerzen auszuräumen: nämlich dass es gut ist, sich ins Bett zu legen und auf Besserung zu hoffen. Das ist der grundfalsche Weg. Studien belegen, dass besonders längere Bettruhe alles nur verschlimmert. „Muskeln, Bänder und Kreislauf werden geschwächt. In der Folge werden aus Angst vor eventuell wieder auftretenden Schmerzen neuerliche Verspannungen hervorgerufen. Der Schmerz verstärkt sich“, so der Orthopäde.

Was wirklich hilft
Oberstes Therapieziel beim akuten Kreuzschmerz ist, zu vermeiden, dass diese chronisch werden. Ist es bereits so weit, ist die Behandlung zwar aufwändiger, aber auch erfolgversprechend.
  • Bei akuten Rückenproblemen geht es vor allem darum, die Schmerzen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. In Abhängigkeit von Schmerzintensität und individueller Verträglichkeit werden Schmerzmittel wie Paracetamol, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und bei sehr starken Beschwerden Opioide verordnet. Auch manuelle Therapie und Physiotherapie haben sich sehr gut bewährt.
  • Chronischer Rückenschmerz braucht ein multimodales Therapiekonzept, bei der eine Behandlung die andere in ihrer Wirkung verstärkt. Ist eine Grunderkrankung der Auslöser, muss diese entsprechend behandelt werden. Medikamentös stehen je nach Schmerzintensität unterschiedliche Schmerzmittel zur Verfügung, auch Antidepressiva und Medikamente zur Muskelentspannung haben sich bewährt. Besonders wichtig ist die zusätzliche psychologische Behandlung in Form von Schmerzbewältigungstraining, Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren.
Doch egal, an welcher Form von Rückenschmerz Sie leiden: Bleiben oder werden Sie aktiv, denn – so Orthopäde Friedrich: „Ist eine Attacke überstanden, sollte man sich überlegen, wie die nächste zu vermeiden ist, und da hilft vor allem eines: Bewegung, Bewegung und noch einmal Bewegung.“


Goldene Regeln für einen gesunden Rücken

  • Sitzen Sie so wenig wie möglich! Wenn Sie sitzen, achten Sie auf eine aufrechte Haltung.
  • Bewegen Sie sich regelmäßig! Menschen, die viel in sitzender Position arbeiten, sollten extra Bewegungspausen einlegen.
  • Trainieren Sie Ihren Rücken mit einer speziellen Gymnastik. In Rückenschulen und guten Fitnessstudios können entsprechende Techniken erlernt werden.
  • Seien Sie vorsichtig beim Heben schwerer Lasten! Gegenstände sollten nah am Körper bei geradem Rücken aus den Beinen heraus gehoben werden.
  • Gönnen Sie ihrem Rücken Ruhepausen! Hinsetzen genügt nicht, um ihn zu entlasten. Nur beim flachen Liegen auf dem Rücken ist er vollkommen entspannt.
  • Betreiben Sie rückenfreundliche Sportarten – idealerweise Schwimmen oder Radfahren mit aufrechtem Lenker und gut gefedertem Sattel. Auch Joggen im richtigen Schuhwerk auf weichem Boden ist empfehlenswert.
  • Achten Sie auf einen rückenfreundlichen Arbeitsplatz! Die Tischplatte (Schreibtisch, Spülbecken, Bügelbrett etc.) sollte immer in angenehmer Höhe sein, Monitore in Augenhöhe.
  • Erlernen Sie Entspannungstechniken! Sehr empfehlenswert sind progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen sowie autogenes Training.

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