Montag, 20. Mai 2019

Das Erbe der Steinzeit

Ausgabe 2018.03
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Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Diabetes, Allergien: Viele dieser Krankheiten haben ihren Ursprung vor Tausenden von Jahren. gesünder leben beleuchtet mit dem weltweit anerkannten Berliner Evolutionsmediziner Prof. Dr. Detlev Ganten die Entwicklung des Menschen. Und zeigt, was wir aus medizinischer Sicht daraus lernen können.


Foto: iStock-DurkTalsma_2

Verglichen mit der 3,8 Milliarden Jahre dauernden Entwicklung vom Einzeller bis zum Homo sapiens ist die evolutionäre Medizin eine sehr junge Wissenschaft, die in den 1990er-Jahren von den US-amerikanischen Forschern George C. Williams und Randolph Nesse geprägt wurde. In ihrem Buch „Warum wir krank werden“, versuchten sie zu klären, warum uns die Evolution so anfällig für heutige Zivilisationskrankheiten macht. Die Antwort: „Unser Bauplan ist mehrere Milliarden Jahre alt. Unser Gehirn, das Kreislauf-System, das muskulo-skelettale System, der Magen-Darm-Kanal  – im Grunde funktioniert alles noch immer so wie bei den ersten Fischen“, erklärt der Berliner Prof. Dr. Detlev Ganten, Facharzt für Pharmakologie und Molekulare Medizin, Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Charité und Präsident des World Health Summit. „Dieser Bauplan wurde aber für ein Leben als Jäger und Sammler geschaffen. Viele der damals entstandenen und bewährten Eigenschaften sind nicht an die Bedingungen unseres modernen Lebens angepasst.“ Da die Evolution unserer rasanten Entwicklung nicht nachkommt, sorgt ein Lebensstil, der von stundenlangem Sitzen, Bewegungsmangel, zu üppiger Ernährung und Stress geprägt ist, für jene Zivilisationskrankheiten, die uns heute plagen. Die neue Grundlagenwissenschaft, deren Prinzipien laut Ganten auch möglichst schnell in die Schulmedizin einfließen sollten, beantwortet aber nicht nur die Frage, warum wir krank werden. Sie liefert auch Ansätze zur Prävention. „Wir können an unseren Genen nichts ändern, aber wir können unser Leben auf eine Weise führen, die mit den Gegebenheiten unserer alten Biologie in Einklang steht.“ Was sind nun die konkreten Ursachen für Zivilisationskrankheiten und was kann jeder Einzelne vorbeugend tun?

Buchtipp

buch2Detlev Ganten, Jochen Niehaus
Die Gesundheitsformel

Wer verstehen will, wie „Gesundheit“ wirklich funktioniert, muss die Fakten kennen: aus der Entwicklungsgeschichte unseres Körpers, aus der Molekularbiologie, aus der Genetik. Dieses Buch der medizinischen Bildung klärt auf.
Knaus, € 24,99, 480 Seiten

Volkskrankheit Bluthochdruck. Vor zwei Millionen Jahren waren die ersten Menschen der Gattung Homo in den Savannen Afrikas zu Hause, wo Salz und Wasser knapp waren. Sie verloren diese zudem mit dem Schweiß, denn es war heiß und unsere Vorfahren bewegten sich auf der Suche nach Nahrung viel. Das Renin-Angiotensin-System unseres Körpers (RAS), ein Regelkreis aus mehreren Hormonen, entwickelte sich daher so, dass es den Blutdruck unter allen Umständen aufrechterhalten hat, Salz und Wasser im Körper zurückhielt, um ein Austrocknen zu verhindern. Noch heute funktioniert dieses System so, als müsse es einen Mangel an Wasser und Salz regulieren. Tatsächlich aber bewegen wir uns wenig und konsumieren zu viel Salz. Die Folge: Das RAS ist überaktiviert, der Bluthochdruck bei 50 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu hoch. Unbehandelt drohen dann Schlaganfall und Herzinfarkt.

Lösung: „Wir müssen körperlich aktiver werden, gesünder essen, Übergewicht vermeiden und Salz sparsamer verwenden“, erläutert der Mediziner die richtige Herangehensweise, um hohem Blutdruck vorzubeugen. In manchen Fällen ist es aber auch notwendig, den Blutdruck medikamentös zu senken.

Diabetes im Alter. In unserer Entwicklungsgeschichte haben diejenigen überlebt, die mit Nahrungsmangel gut umgehen konnten, also gute Futterverwerter waren. Mangel und Hunger waren früher der Normalfall. In der Evolution haben wir gelernt, möglichst viel zu essen, um Reserven anlegen zu können. Nicht umsonst essen wir auch heute deshalb gerne zu viel, fett, süß und salzig. Evolutionär war das ein Vorteil, heute führt es gepaart mit Bewegungsmangel zu Übergewicht, erhöhten Blutfettwerten, verkalkten Gefäßen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes. „Unser Körper hat auch heute noch das Gefühl, dass es gut sei, für Mangelsituationen auf Vorrat zu essen. In unseren Wohlstandsgesellschaften gibt es diese Hungerphasen aber nicht mehr. Hinzu kommt, dass die Industrienahrung ohnehin schon zu viel Salz, Zucker und Fett enthält“, so Ganten.

Lösung: Als größter Risikofaktor für die Entstehung des Typ- 2-Diabetes gilt neben einer genetischen Veranlagung das Übergewicht, meist begleitet von zu hohem Blutdruck und erhöhten Blutfettwerten. Das Trio zur Risikosenkung lautet daher: Übergewicht abbauen, mindestens 30 Minuten Bewegung pro Tag und ein ballaststoffreicher, zucker- und fettarmer Speiseplan.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Das Erbe der Steinzeit
Seite 2 Das Kreuz
Seite 3 Interview

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