Donnerstag, 19. September 2019

Das Ende der Antibiotika?

Ausgabe 2018.10
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Antibiotika verlieren immer mehr von ihrem guten Ruf: Zu schnell werden sie von Ärzten verschrieben. Über Kläranlagen und falsche Entsorgung gelangen Reste in die Böden und das Trinkwasser. Und in der Tierzucht kommen sie selbst bei gesunden Individuen zum Einsatz. Kurz: Antibiotika werden zu oft und falsch eingesetzt. Mit Folgen für uns alle, denn die Zahl der resistenten Keime steigt. Doch die Wissenschaft arbeitet an neuen, spektakulären Ansätzen.


Foto: iStock-stevanovicigor

Dem Wort „Antibiotikum“ liegt ein griechischer Wortstamm zugrunde, der „gegen das Leben“ bedeutet. Zwar mögen Antibiotika folgenschwere krankheitserregende Bakterien töten, sie killen jedoch auch hilfreiche Mikroorganismen, die etwa unser Darm, unsere Haut oder unser Schleimhautmilieu benötigen, um gesund zu bleiben. Zudem haben bereits einige Krankheitserreger Strategien entwickelt, um sich vor den für sie todbringenden Medikamenten effektiv zu schützen und resistent zu werden. Kein Wunder also, dass verstärkt an Alternativen geforscht wird, die nachhaltiger sein sollen. „Als vor 90 Jahren das Penicillin durch Alexander Fleming Bahnbrechendes bewirkte, konnte man sich nicht vorstellen, dass es resistente Bakterien geben würde. Nun ist es aber so und wir müssen lernen, damit umzugehen. Bevor aber erfolgreiche Antibiotika-Alternativen am medizinischen Markt erhältlich sind, müssen wir die Ergebnisse von klinischen Studien abwarten“, macht Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Presterl, MBA, Leiterin der Univ. Klinik für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle an der MedUni Wien, deutlich. Die (zu) häufige Gabe von Breitbandantibiotika, die, wie der Name schon zeigt, ein breites Spektrum an Mikroben tötet, und nicht bloß gezielt Krankheitserreger, ist nur einer der Gründe, weshalb sich Bakterien angepasst haben, um, trotz Antibiotika, zu überleben. Hinzu kommt, dass, bis zum Jahr 2006, in Österreich Antibiotika sogar in der Tierzucht eingesetzt wurden, schlichtweg um die Leistung, Fertilität und das Wachstum zu steigern, nicht um Krankheiten zu eliminieren. Nach wie vor ist es zudem in der Massentierhaltung erlaubt, nicht ausschließlich ein einziges Lebewesen akut mit Antibiotika zu behandeln, sondern zusätzlich gleich gesunde Stallkollegen mit, rein um auf Nummer sicher zu gehen.

Keine Angst vor der Bakterien-Apokalypse
Zwar kommen auch in unseren Breiten multiresistente Bakterien vor, die mitunter lebensbedrohlich werden können. Glücklicherweise befinden wir uns aber in diesen Belangen weltweit im guten Mittelfeld. „Keine Angst also, die Apokalypse der resistenten Bakterien wird nicht so schnell über uns hereinbrechen. Dennoch ist es wichtig, dass Antibiotika nicht wie Zuckerl eingenommen werden, weil man mal Halsweh verspürt oder ein Husten als störend empfunden wird. Antibiotika sind etwas für sehr kranke Menschen mit einer bakteriellen Infektion, damit man schlimmere Folgen verhindern kann“, bringt es Expertin Presterl auf den Punkt. Während im Spital sehr darauf geachtet wird, dass Antibiotika richtig eingesetzt werden, ist das im niedergelassenen Bereich mitunter etwas anders.  Hier mangelt es einerseits an der Zeit und andererseits an den medizinischen Möglichkeiten für eine mikrobiologische Diagnostik, wodurch es schwer ist, die richtige Therapie zu verschreiben. Jene ist nämlich nicht automatisch die Gabe von Antibiotika.

Nachhaltiger Umgang mit Antibiotika ist wichtig
„Es ist daher wichtig, dass Ärzte und das medizinische Personal gut geschult werden, was den sinnvollen Umgang mit Antibiotika betrifft. Wir müssen außerdem aktiv daran arbeiten, bessere diagnostische Tests zu entwickeln, mittels welchen wir schnell herausfinden können, welches Bakterium der Krankheitsauslöser ist, um gezielt Antibiotika zu verabreichen. Außerdem müssen wir Wert auf die allgemeine Hygiene legen, damit Keime erst gar nicht übertragen werden“, so Presterl. Hygiene spielt im Krankenhaus eine wichtige Rolle, weshalb man dort auf das Küssen, Umarmen und auch den Händedruck von und mit Patienten – vor allem in Grippezeiten – verzichten sollte. Ausgiebiges Händewaschen- und -desinfizieren und das Tragen von Handschuhen als auch einer Maske bringen zusätzlichen Schutz. Für zu Hause gilt übrigens: Küche und Bad sollten möglichst rein gehalten und Handtücher, Unterwäsche sowie Bettbezüge bei zumindest 65 Grad gewaschen werden.

Bakterien: Das Mittagsmenü der Phagen
Die Forschung ist jedenfalls schon lange darum bemüht, Alternativen zu den bisherigen Antibiotika zu entwickeln. Klinikleiterin Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Presterl dazu: „Die sogenannte Phagenforschung wird momentan wieder stärker propagiert. Dabei handelt es sich aber nicht um etwas vollkommen Neues, sondern um etwas, das bereits in den 1930er-Jahren, vor allem in Russland, ein großes Thema war. Die Idee dabei: Man behandelt mit Bakteriophagen – das sind natürlich vorkommende Bakterienviren –  die nur sehr bestimmte Bakterien angreifen und töten.“ Eine großartige Idee, deren Umsetzung jedoch noch daran hakt, dass man es noch nicht geschafft hat, Phagen zu entwickeln, die mit den ständigen Veränderungen der Bakterien Schritt halten. „Ich glaube, dass man mit der Phagenforschung sicherlich auf einem guten Weg ist, aber noch Zeit benötigt. Wobei ich es auch schon erlebt habe, dass so mancher Durchbruch in der Wissenschaft ganz plötzlich kommt. Also wer weiß, vielleicht ist das Ganze doch näher, als ich vermute“, so Presterl.

Impfstoff als Messias der Medizin
Eine weitere Strategie, um auf dem Schlachtfeld der „resistenten Bakterien “ aufzuräumen, wäre es, den Fokus auf die Produktion neuer Impfstoffe zu lenken. In den letzten Jahren gibt es immer wieder neue Entwicklungen auf dem Impfstoff-Gebiet, um antibiotikaresistente Keime ins Aus zu befördern, wie beispielsweise den in Krankenhäusern gefürchteten Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA). Dieses Bakterium ist für Gesunde meistens harmlos, Patienten mit geschwächtem Immunsystem laufen jedoch Gefahr, Hautentzündungen wie Furunkel zu erleiden sowie noch schlimmer, Lungen- und Herzentzündungen oder eine Blutvergiftung zu bekommen, die lebensbedrohlich sein können. Es gibt zwar wirksame Antibiotika für die Behandlung dieser schweren Infektionen, diese müssen aber für gewöhnlich intravenös und stationär verabreicht werden.  Während ein MRSA-Impfstoff in Tierversuchen bereits recht erfolgreich war, ist er in klinischen Studien immer wieder gescheitert. „Die Herstellung eines erfolgreichen Impfstoffes ist unfassbar komplex. Ich würde es aber sehr befürworten, wenn es mehr gute Impfstoffe gäbe. Denn sie stärken die körpereigene Immunabwehr im Allgemeinen. Man wird also generell widerstandsfähiger, wenn man geimpft ist“, vertritt Fachfrau Presterl ihren Standpunkt mit allem Nachdruck.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Das Ende der Antibiotika?
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