Das bekommt mir nicht!

Ausgabe 2017.04

Sodbrennen auf Gurkensalat und Blähungen auf Weizenbrot? Mag sein, dass Sie manche Lebensmittel einfach nicht vertragen. Wir zeigen, welche das sein können, und welche Ursachen dahinterstecken. Plus: Genuss ohne Gluten. Was können Betroffene tun?


Foto: Can Stock Photo - Arcady

 

Nahrungsmittelunverträglichkeiten nehmen kontinuierlich zu. – Das könnte man zumindest meinen, wenn man einen Blick in die Regale heimischer Supermarktketten wirft. „Es sind mir allerdings keine wissenschaftlichen Studien bekannt, dass die Zahl an Nahrungsmittelunverträglichkeiten in den letzten Jahren tatsächlich so stark gestiegen ist“, betont Allergieforscher Univ.- Prof. Rudolf Valenta vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der MedUni Wien. „Viele Menschen vermuten heutzutage, an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu leiden. Oftmals gibt es für diese Vermutungen aber keine fundierten Anhaltspunkte, also keine ärztlich bestätigte Diagnose.“ Vielmehr lassen einen die dafür oft typischen Symptome wie Verdauungsbeschwerden, Abgeschlagenheit, Hautausschläge oder Kopf- und Gelenkschmerzen trügerische Rückschlüsse ziehen. Es heißt dann schnell einmal: „Milch bekommt mir nicht und Weizen vertrage ich nicht.“ Doch – Hand aufs Herz: Wen haben denn nicht schon einmal ein Blähbauch oder lang anhaltende Müdigkeit geplagt? „Die Symptomatik allein reicht für die Diagnose einer Nahrungsmittelunverträglichkeit nicht aus“, so Valenta, der bei Verdachtsmomenten einen Facharztbesuch empfiehlt. Denn: Mediziner können bestimmte Lebensmittelunverträglichkeiten mithilfe von Labortests und Untersuchungen ermitteln bzw. ausschließen. Dazu zählen:

 

Was tun? Doch: Was tun, wenn man weder einer Allergie, einer Intoleranz oder der Zöliakie auf die Schliche kommt und man sich trotzdem nach dem Essen nicht wohlfühlt? „Wenn ein ungesunder Lebensstil – sprich: unausgewogene Ernährung, wenig Schlaf oder Stress – als Ursache ausgeschlossen werden kann, liegt es unter Umständen an einer sogenannten nicht-zöliakischen Glutensensitivität“, erläutert Valenta. Obwohl die Symptome häufig denen der Zöliakie ähneln, handelt es sich hier um ein anderes klinisches Gesamtbild. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass bei der Glutensensitivität ein anderer Mechanismus des Immunsystems zur Wirkung kommt: die angeborene, im Gegensatz zur langfristig erworbenen, Immunantwort, die bei der Zöliakie auftritt. Sie führt nicht zu einer Entzündung der Darmschleimhaut, sondern weist ein breites Spektrum an Symptomen auf: Durchfall, Verstopfung, Krämpfe, Bauchschmerzen, Anämie, Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen, Osteoporose – mitunter gesellen sich auch Depressionen und Verhaltensweisen, die dem Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätssyndrom gleichen, dazu.

Lass es dir schmecken!

Wer keine Gluten verträgt, kann dennoch genussvoll schlemmen.

  • Milchprodukte
  • Eier
  • Nüsse
  • Bohnen
  • Hülsenfrüchte
  • frische Früchte und Gemüse
  • getrocknetes Obst und Gemüse ohne Zusatzstoffe
  • frisches Fleisch und Fisch (Achtung evtl. bei Saucen, Marinaden etc.)
  • glutenfreie Getreide- und Mehlsorten, Ölsaaten und Stärken wie Reis, Quinoa, Amaranth, Buchweizen, Mais, Polenta, Maniok, Pfeilwurzelstärke, Leinsamen, Goldhirse
  • Wein und glutenfreies Bier

 

ACHTUNG! Auch in Medikamenten, Vitaminpräparaten und Kosmetika können Spuren von Gluten enthalten sein. Wenden Sie sich im Zweifelsfall direkt an die Hersteller.


 

Diagnose als Problem. Die Glutensensitivität kann bisher nicht definitiv diagnostiziert werden, da noch weltweit zahlreiche Experten an der exakten Erforschung der Ursachen und somit auch an möglichen Präventivmaßnahmen tüfteln. „Von allen möglichen (Selbst-)Tests, die z. B. im Internet angeboten werden und angebliche Nahrungsmittelunverträglichkeiten feststellen, kann ich nur dringend abraten“, betont Valenta. „Hier werden zum Teil sogenannte IgG-Antikörper nachgewiesen. Doch: Hier handelt es sich um eine normale Immunantwort auf Nahrungsmittelantigene. Wer das nicht weiß, lässt sich unter Umständen auf falsche Diäten ein und gerät unnötig in Panik.“ Potenziell Betroffene können daher bis dato „nur“ die Zöliakie, eine Allergie oder eine Intoleranz ausschließen. „Fallen alle Tests negativ aus, empfiehlt es sich, ein ,Beschwerdetagebuch‘ anzulegen. Darin notiert man akkurat über mehrere Wochen hinweg, welche Lebensmittel man wann gegessen und wie man darauf reagiert hat“, rät Valenta. „Bei einer Glutensensitivität müssen die Reaktionen nicht unmittelbar, sondern können auch oft einen Tag später eintreten.“

Halten Sie Diät! Sollte sich nun herausstellen, dass die Beschwerden durch den Kontakt mit Gluten ausgelöst werden, gibt es laut Valenta derzeit nur eine wirksame Therapieform: die Diät. Betroffene sollten daher – auf ärztliche Anweisung, nicht im Alleingang! – alle glutenhältigen Lebensmittel aus ihrer Ernährung streichen. Grundsätzlich sollte man um drei Nahrungsmittel einen riesengroßen Bogen machen: Weizen, Gerste und Roggen. Klingt einfach – ist es aber nicht. Also nicht ganz, denn: Gluten stecken auch in Urgetreidesorten wie Einkorn, Kamut und Emmer – und in zahlreichen verarbeiteten Lebensmitteln wie Brot, Gebäck, Kuchen, Nudeln, Fertiggerichte, Saucen, Dressings, Bier, Müsli etc. Sie sind beliebt, schließlich halten sie Teig und Backwaren schön zusammen und sind Geschmacksträger. Die Lösung: Etiketten lesen lernen. Einfach ist es bei explizit gekennzeichneten Produkten mit dem Symbol der durchgestrichenen Ähre. Andernfalls gilt es, jene Nahrungsmittel zu meiden, die Weizen, Gerste, Roggen, Malz und Hafer (außer aus glutenfreier Quelle) sowie Bierhefe enthalten. Vorsichtig sollte man auch bei Wurst und verarbeiteten Fleischprodukten sein, da sie Gluten als Füllstoff enthalten können.

Das vertrage ich nicht!

Die häufigsten Nahrungsmittelintoleranzen

Laktose: Ein Mangel des Enzyms Laktase ist die Ursache, dass Milchzucker nicht richtig aufgespalten werden kann. Er gelangt unzerlegt in den Dickdarm und wird dort von Bakterien vergoren. Die Folge: Bauchschmerzen und Blähungen. Betroffen sind durchschnittlich etwa 30 Prozent aller Menschen. Die Diagnose kann durch H2-Atemtests, durch Blut- und Gentests oder Gewebsprobeentnahme diagnostiziert werden.

Fruktose: Hier unterscheidet man zwischen Fruktosemalabsorption und der erblichen Fruktose-Intoleranz. Während Erstere auf einer gestörten Resorption von Fruchtzucker im Dünndarm basiert, ist Letztere durch das Fehlen des Enzyms Fruktase gekennzeichnet. Schädliche Stoffwechselprodukte entstehen, die wiederum zu Unterzuckerung, Blutgerinnungsstörungen oder Schockzuständen führen können. Die erbliche Form ist sehr selten, während die Malabsorption etwa 30 Prozent betrifft.

Histamin: Bei einer Störung des Enzyms Diaminoxidase kann Histamin nicht ausreichend abgebaut werden. Nehmen die Betroffenen histaminreiche Lebensmittel wie Emmentaler, Rotwein, Fischkonserven, Salami etc. zu sich, können Beschwerden wie Durchfall, Bauchschmerzen, Schwindel, Husten, Asthma etc. entstehen. Betroffen sind etwa 1 Prozent der Bevölkerung.

Blick in die Zukunft. „Für Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit immunologischen Ursachen erwarte ich mir in den nächsten Jahren innovative Lösungen. Es ist durchaus denkbar, dass Allergiker zukünftig mit einer Art Impfung behandelt werden und dass es gelingt, präventiv das Immunsystem durch Toleranzinduktion zu beruhigen“, so Valenta – Für nichtimmunologisch bedingte Unverträglichkeiten stehen medikamentöse Therapieformen zwar noch nicht im Raum, aber wer weiß, was die Zukunft noch bringt.

 

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