Sonntag, 19. Mai 2019

Da reagier´ ich allergisch darauf

Ausgabe 03/2012
„Eine Allergie ist keine Schwäche des Körpers, sondern eine falsche Entscheidung des Immunsystems“, weiß Christof Ebner vom Allergieambulatorium Reumannplatz in Wien. Doch: Wie kommt es dazu,  warum gibt es immer mehr Allergiker und was kann man dagegen tun?

Foto: www.istock.com
Das Immun- bzw. Abwehrsystem sorgt dafür, dass wir gesund bleiben. Und zwar indem es Antikörper bildet, sobald Fremdstoffe (Antigene) in unseren Körper eindringen. In der Folge kommt es zu einer gemeinsamen Reaktion und zur Aktivierung weißer Blutkörperchen, die beispielsweise vor einer Infektion schützen. Das Abwehrsystem erwirbt sich seine Immunkompetenz jedoch erst nach und nach und muss von Geburt an ununterbrochen prüfen, ob ein Fremdkörper, der an die Schleimhäute gelangt, gefährlich ist. Allein: „In der Phase, in der unser Immunsystem etwas lernen könnte – also vorwiegend im Kleinkindesalter –, wird es heutzutage leider oft nicht mehr geschult“, so Christof Ebner, Facharzt für Immunologie und Leiter des Allergieambulatoriums Reumannplatz in Wien. Lernt es also nicht, dass beispielsweise Pollen gar nicht gefährlich sind, dann betrachtet es diese als gefährliche Eindringlinge und reagiert in der Folge allergisch. Damit noch nicht genug, das Immunsystem merkt sich diese Reaktion und die Allergie ist perfekt.

Naturschutz einmal anders. Zwischen 20 und 25 % der Europäer leiden unter Allergien – und es werden immer mehr. Dazu trägt unser Lebensstil wesentlich bei. Dies zeigt sich auch darin, dass Allergien in Entwicklungsländern bedeutend seltener auftreten als bei uns. Bei Infektionen wird heute schnell zu Antibiotika gegriffen, laut Ebner, zu oft: „Dadurch wird das Immunsystem unnötigerweise ‚entlastet’ und das Risiko für eine Allergieentwicklung steigt.“ Doch nicht nur Infekte trainieren das Abwehrsystem, sondern ebenso Keime, die mit Nahrungsmitteln, Atemluft oder über Verletzungen in unseren Körper gelangen. Das soll nicht heißen: Esst Dreck! Doch: „Kinder nehmen gerne Dinge in den Mund, auch Steine und andere Dinge, die am Boden liegen. Dabei sollte nicht gleich zum Desinfektionsmittel gegriffen werden, denn im Schmutz enthaltene Substanzen können das Immunsystem anregen und sogar einen Schutz gegen Allergien erzeugen“, weiß Ebner.

Apropos Desinfektionsmittel: Es wird angenommen, dass die Zahl der Allergiker bei zunehmender Sauberkeit und Hygiene ansteigt. Zudem ergab eine Untersuchung der Universität Marburg, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwuchsen und viel Kontakt zu Vieh hatten, deutlich weniger Allergien haben. Dass die Zahl der Allergiker zunimmt, kann überdies mit den sich verändernden Ernährungsgewohnheiten und/oder Passivrauchen zu tun haben.

Typen und Tests. In der Allergologie werden vier Typen unterschieden (siehe dazu Infokasten). Insbesondere die sogenannten atopischen Allergien machen den Betroffenen das Leben schwer. Neben Pollen-, Hausstaubmilben-, Schimmelpilz- und Tierhaarallergie zählen etwa auch Insektengift- und Nahrungsmittelallergie dazu. Letztere sind übrigens nicht mit Nahrungsmittel-unverträglichkeiten (NMU) zu verwechseln, betont der Wiener Immunologe: „Die Allergie ist eine nachweisbare Reaktion des Immunsystems gegen Proteine in Nahrungsmitteln. Unverträglichkeiten sind hingegen nicht-immunologische Reaktionen: Dabei hat der Körper die Fähigkeit verloren oder unter Umständen nie besessen, einen bestimmten Stoff wie Laktose zu verdauen.“ Ob es sich tatsächlich um die eine oder andere Soforttypallergie handelt, wird mittels Blutabnahme und Hauttest ermittelt. Dabei versucht der Hauttest die allergische Reaktion nachzuahmen und infolgedessen zeigen sich innerhalb weniger Minuten die Symptome. Bei den Spättypallergien (Typ IV) reagiert die Haut erst nach bis zu zwei Tagen. „Der Patient bekommt ein Testpflaster, auf dem sich eine Auswahl an möglichen Allergieauslösern befindet, auf die Haut aufgeklebt. Nach 48 Stunden wird dieses Pflaster wieder entfernt und die Haut untersucht“, erklärt Ebner.

Ziel: beschwerdefrei. Unter Umständen können sich Allergien auswachsen, wenn sie etwa im Kindesalter auftreten, normalerweise verschwinden sie aber nicht von selbst. Allerdings können Betroffene etwa im Rahmen einer Impfkur desensibilisiert werden: Dem Patienten werden jene Substanzen verabreicht, gegen die er allergisch ist. Im Laufe der Behandlung wird die anfangs geringe Dosis gesteigert. Dadurch erkennt das Abwehrsystem ein Allergen nicht mehr als „gefährlichen Eindringling“ und löst keine allergischen Reaktionen mehr aus. So kommt es zu einem Lern- bzw. Toleranzeffekt des Immunsystems. „Es ist also durchaus möglich, nach einer erfolgreichen Kur beschwerdefrei zu sein“, macht Ebner allen allergiegeplagten Menschen Hoffnung.

Welcher Allergier-Typ sind Sie?


Typ I-Allergien: Atopische Allergien (Soforttypallergien)
Häufig (20 bis 25 % der Bevölkerung leiden darunter); Symptome treten innerhalb weniger Minuten auf, normalerweise an Haut oder Schleimhäuten.

Typ I-Allergien Reaktionen und Symptome Was kann ich tun?
Pollenallergie Schnupfen (Heuschnupfen), Bindehautentzündung, Husten, Bronchitis, Atemnot (Asthma), Hautausschläge Morgens oder abends lüften.
Bei geschlossenem Fenster schlafen.
Häufig Haare waschen.
Wäsche nicht im Freien trocknen.
Baumpollenallergie und NMU
(häufig: Äpfel, Nüsse, Pfirsiche, Kartoffeln, Karotten, Sellerie, Kiwi)
Von leichtem Kitzeln bis zu Entzündungserscheinungen im Mund-Rachenraum; manchmal auch Übelkeit, Durchfälle, Hautausschläge und -schwellungen; selten Asthmaanfälle, Kreislaufkollaps Meiden Sie entsprechende Lebensmittel.
Vorsicht bei frisch gepressten Frucht- oder Gemüsesäften, bei Berührung oder Zubereitung. Auch Kosmetik- und Waschartikel können Birken- oder Früchteextrakte enthalten!
Beifußallergie und NMU
(häufig: Sellerie, Karotten, diverse Gewürze, z.B. Pfeffer, Oregano, Kümmel, Curry)
Siehe Baumpollenallergie und NMU Meiden Sie Genuss von bzw. Kontakt mit Sellerie!
Vorsicht bei stark gewürzten Speisen!
Hausstaubmilbenallergie Symptome an den Schleimhäuten der Atemwege; bei intensivem Kontakt (z. B. im Bett) auch allergische Hautausschläge (z. B. Nesselausschlag) Verwenden Sie spezielle Umhüllungen für Kopfkissen, Bettdecken und Matratzen oder spezielle Allergikerbettdecken und -pölster.
Schimmelpilzallergie Heuschnupfenähnliche Symptome (siehe Pollenallergie) Entfernen Sie vorhandene Schimmelpilznester.
Entleeren Sie Müll regelmäßig.
Biomüll außerhalb des Wohnbereichs lagern.
Lüften Sie regelmäßig.
Nahrungsmittelallergie
Achtung: kann lebensgefährlich sein!
Allergische Entzündungen an der Mundschleimhaut, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall; oft auch Hautausschläge, Schwellungen oder Atembeschwerden; im Extremfall Kreislaufschock Meiden Sie entsprechende Lebensmittel.
Eventuell: Tabletten, Asthmasprays oder
Injektionsgerät mitführen
Insektengiftallergien
Achtung: sehr gefährlich!
Örtliche Entzündung, lang anhaltende Schwellung, manchmal Schmerzen;
im Extremfall anaphylaktischer Schock
Notfallmedikamente (Antiallergikum, Kortison, Injektionsgerät) mitführen.
Vorsicht beim Essen und Trinken im Freien.
Niemals barfuß ins Freie.
Parfum & Schweißgeruch ziehen Insekten an.

Typ II-Allergien: Seltene Form, bei der Zellen des Blutes etwa durch Medikamente geschädigt werden können.
Typ III-Allergien: Häufige Form der Medikamentenallergie. Symptome zeigen sich z. B. in Form eines Hautausschlages (kleine punktförmige Hautrötungen) und Juckreiz.
Typ IV-Allergien: Kontaktallergien (Spättypallergien), z. B. Latexallergie, Nickelallergie; wie der Name schon sagt, zeigen sich Symptome mitunter erst nach zwei Tagen.

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