Freitag, 24. Mai 2019

Chronische Schmerzen besiegen

Ausgabe 2018.12-2019.01

Bei rund 400.000 Österreichern sind Schmerzen täglicher Begleiter, sie sind chronisch.


Foto: iStock-TheCrimsonMonkey

 

Man weiß heute, dass sich der Schmerz verselbstständigen kann, in dem Sinn, dass er zu einer eigenständigen Krankheit wird, losgelöst von der eigentlichen Ursache. An der Entstehung insbesondere chronischer Schmerzen tragen viele Faktoren bei und die Behandlung muss an der Ursache ansetzen und kann sich nicht nur gegen ein Symptom richten. Wichtig dabei ist, dass die Patienten nicht in der üblichen Passivität verharren, sondern eine aktive Rolle übernehmen und mitgestalten, sonst ist der Schmerz sehr schwer zu behandeln“, sagt Univ.-Prof. Dr. Michael K. Herbert, Klinikvorstand für Anästhesiologie und Intensivmedizin sowie Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesiologie, Schmerz- und Intensivmedizin der Universitätsklinik Graz. „Im Gegensatz zum akuten Schmerz, der eine positive Schutz- und Warnfunktion hat, wenn eine Körperregion zu Schaden kommt, hat der chronische Schmerz keine Schutz- und Warnfunktion mehr“, erklärt der Mediziner. „Der chronische Schmerz ist auch kein lang dauernder akuter Schmerz, wie fälschlich oft geglaubt wird, er fühlt sich anders an, hat ganz andere Eigenschaften und andere Behandlungsmethoden.“ Hinzu kommt: „Der chronische Schmerz ist oft nicht eindeutig zuzuordnen, wird von vielen Faktoren beeinflusst und hat zumeist eine biopsychosoziale Ursache.“ Das heißt nichts anderes, als dass die Ursachen ganzheitsmedizinisch zu betrachten sind. Dieses ganzheitliche Krankheitsverständnis – das biopsychosoziale Modell – gilt in der modernen Medizinwissenschaft als die bedeutendste Theorie für die Beziehung zwischen Körper und Geist und inkludiert auch soziale Faktoren. Bei der Schmerzanamnese werden also sowohl biologische, psychische als auch soziale Faktoren erhoben.

Unzufriedenheit am Arbeitsplatz
Der überwiegende Teil der Patienten, die mit Schmerzen zum Arzt gehen, leiden an der typischen Zivilisationskrankheit, dem Schmerzen im Rücken. „Vor allem unspezifische Rückenschmerzen haben in vielen Fällen andere Ursachen, als man annehmen würde. So ist ein typischer Chronifizierungsfaktor bei unspezifischen Rückenschmerzen die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz“, sagt der Experte. So ist es auch zu verstehen, dass die Behandlung chronischer Schmerzen mit nur einer Maßnahme selten gelingt und dass gängige Schmerzmittel nicht oder nur mangelhaft wirken. Ganz anders sieht das in der Regel bei akuten Schmerzen aus – für so gut wie jeden Schmerz steht eine Pille, eine Salbe, eine Tinktur, eine spezielle Behandlungsmethode zur Verfügung. Experte Herbert: „Bei vielen chronischen Schmerzen ist hingegen nach wie vor unklar, wie sie genau entstehen. Demzufolge gibt es nicht das Medikament, das alle Arten von chronischen Schmerzen behandeln kann.“

Herr Doktor, löschen Sie das!
Der von Schmerzen geplagte Mensch hat meist einen langen Weg, der mit Misserfolgen und enttäuschten Hoffnungen auf Besserung bei der Bekämpfung gepflastert ist, hinter sich. Verständlich, dass man alles probiert, was einen von der Plage zu befreien verspricht. Wunderheilung inklusive. Und dann wimmelt es nur so von Begriffen, die man so und so erklären und so und so verstehen kann. Schmerzgedächtnis etwa ist so einer. „Der Begriff Schmerzgedächtnis ist sehr plakativ und wird seit Jahren mit chronischen Schmerzen in Verbindung gebracht. Bei Schmerzen kommt es zu strukturellen und biochemischen Veränderungen im Gehirn, das stimmt natürlich schon“, sagt der Experte und erklärt: „Diese Veränderungen sind gedächtnisähnlich, aber kein Gedächtnis im eigentlichen Sinn. Und vor allem stimmt es nicht, dass man dieses Gedächtnis löschen kann. Wenn ich das könnte, wenn damit das Problem behoben wäre, würde ich den ganzen Tag nichts anderes machen.“


Antidepressiva gegen Schmerzen
Selbst Experten können, wenn es um das große Thema Schmerzen geht, nicht sofort und gesichert eine Diagnose und damit eine Behandlung aus dem Hut zaubern. Das können wir Laien selbstredend auch nicht. Es ist allerdings so, dass wir mit dem Schmerz leben, ihn benennen, ihn lokalisieren können, wir wissen, wann er auftritt und wie lange er wie stark anhält. „Es gibt Schmerzen, die brennen, die stechen, sie haben schneidenden Charakter, diese Schmerzen sind in der Regel ein Zeichen für einen akuten Schmerz, eine Entzündung oder Gebietsverletzung und relativ gut zu behandeln“, sagt Mediziner Herbert. „Fühlt sich der Schmerz einschießend, elektrisierend, pochend oder hämmernd an, dann ist das ein neuropathischer Schmerz, also ein Nervenschmerz, der auf einer Schädigung von peripheren Nerven, zentralen Nervenzellen oder dem Zentralnervensystem beruht. Diese Schmerzen werden mit ganz anderen Mitteln behandelt, da helfen etwa Antiepileptika, Mittel, die zur Behandlung des Krampfleidens entwickelt wurden, oder auch Medikamente zur Behandlung von Depressionen.“ Der Grund dafür: „Im Schmerzchronifizierungsprozess verarmen Nervenzellen an bestimmten Botenstoffen, dann fehlen ähnlich wie bei Depressionen diese  Botenstoffe im Gehirn, die durch Medikamente, eben die Antidepressiva, wieder angereichert werden können.“ Ein Faktor, der eine relativ gute Erstdiagnose ermöglicht: Neuropathischer Schmerz wird durch Kälte, akuter Schmerz durch Wärme verstärkt.

Wo wirkt Hanf?
Ein großes, wenn auch umstrittenes Thema ist der Einsatz von Hanf. „Dem nicht psychoaktiven und 100 Prozent legalen Hanf-Inhaltsstoff Cannabidiol (CBD) werden in klinischen Studien entzündungshemmende und krampflösende Eigenschaften zugeschrieben“, sagt Andrea Bamacher, Geschäftsführerin von Medihemp und Eigentümerin eines Hanfshops in Gols im Burgenland. „Liegen die Ursachen für chronische Schmerzen also bei Entzündungen und Verspannungen, kann CBD helfen. Hanf-Extrakte mit CBD sind in Form von Nahrungsergänzungsmitteln rezeptfrei erhältlich. Wobei wir“, wie Bamacher betont, „unseren Kunden stets empfehlen, einen Arzt zu konsultieren“. Ein Verfechter von Hanfprodukten, wenn auch mit Einschränkungen, ist Herbert. „Man kann, und das ist eindeutig wissenschaftlich erwiesen, mit Cannabis bestimmte Schmerzen gut behandeln. Es handelt sich dabei um Schmerzen, die von Verkrampfungen ausgehen, also spastische Schmerzen. Die Schulmedizin setzt Cannabis außerdem ein, wenn Patienten lebensgefährlich abgemagert sind und keinen Hunger verspüren.“ Herbert schränkt aber ein: „Bei allen anderen Schmerzen, etwa Kopfweh, gibt es keine nennenswerte Linderung durch Hanf.“

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