Donnerstag, 23. Mai 2019

„Brustkrebs hat mein Herz geöffnet!“

Ausgabe 2014.10
Seite 1 von 2

Eine Brustkrebs-Patientin erzählt exklusiv in gesünder leben, wie die Krankheit sie verändert hat, welche Ängste sie durchlebte und wie die Diagnose Einfluss auf die Beziehung zu ihrem Sohn hatte.


Foto: Miraim Höhne

Miriam Strauss ist eine starke, resolute Frau. Feste Stimme, sicheres Auftreten, rhetorisch routiniert. Miriam Strauss ist eine wunderschöne Frau. Ebene Gesichtszüge, modische Frisur, wache Augen. Die fünf Kilogramm zu viel, die ihre Waage nach eigenen Angaben momentan anzeigt, verteilen sich wohlproportioniert an ihrem Körper. Miriam Strauss steht mit beiden Beinen fest im Leben.
Miriam Strauss hat sich die Brüste entfernen lassen. Miriam Strauss hatte Brustkrebs.

Vor vier Jahren, mit 51, wurde ihr die Diagnose gestellt. Bei einer Mammografie-Untersuchung. „Da hat man gleich gesehen, dass da etwas nicht in Ordnung ist.“ Eine Routine-Untersuchung, wie bei so vielen Frauen, war es bei Miriam nicht ganz. „Ich komme aus einer sogenannten Brustkrebs-Familie“, erzählt sie uns. Die Krankheit sei also schon länger „wie ein Damoklesschwert“ über ihr gehangen, „allerdings hab ich mir gedacht, das kommt erst so mit 70 Jahren“. Aufgrund ihrer familiären Vorbelastung ging Miriam regelmäßig zum Brustkrebs-Screening. „Einen Termin hab ich aber übersehen. Habe ihn glatt vergessen“, erinnert sie sich. „Die Zeit vergeht einfach so schnell.“ Aus dem 2-Jahres-Intervall ist dieses eine Mal also ein 3-Jahres-Intervall geworden. Während dieser Pause haben sich Tumorherde in beiden Brüsten entwickelt. Wobei Miriam rückblickend betont: „Gott sei Dank ist man bei mir noch rechtzeitig draufgekommen.“

Einfach funktionieren. Denn Miriam, ausgebildete Psychiaterin, seit vielen Jahren aber als selbstständige Kommunikations- und Wirtschaftstrainerin tätig, hatte Glück im Unglück: Der Tumor stellte sich nach einer Biopsie zwar als bösartig heraus, war aber weder metastasiert noch infiltrierend. Als ihr der Arzt („mit bemüht betroffenem Gesicht“) die Diagnose mitteilte, reagierte Miriam gefasst darauf. Weil sie diese Hiobsbotschaft „als keine Überraschung, als kein tiefes Loch“ empfand. „Vielmehr habe ich mich schon während der Zeit zwischen der Biopsie und dem Befundergebnis mit dem Gedanken vertraut gemacht. Und aufgrund meiner Familiengeschichte wusste ich, wie der Befund aussehen wird.“ Das Warten auf das Befundergebnis – rund zwei Wochen – war, natürlich, geprägt von Ängsten und Sorgen. „Es war nicht so, dass ich nicht schlafen konnte, aber natürlich macht man sich Gedanken.“ Nicht um den Tod, aber darüber, wie es jetzt weitergeht, ob man den Beruf weiter ausüben kann, ob man das Kommende auch finanziell packt, ob man weiterhin für seine Familie sorgen kann. Zum Zeitpunkt der Krebsdiagnose ging zudem auch noch ihre langjährige Beziehung mit dem Vater ihres heute zwölf Jahre alten Sohnes in die Brüche. Viele finanzielle Dinge waren damals mit dem Ex-Mann noch nicht geklärt. „Ich konnte an nichts anderes denken als daran, dass ich nun für einige Zeit ausfallen werde, dass der Alltag nicht mehr geregelt sein wird, dass das Geld nicht reichen wird, dass ich mich nicht mehr um meinen Sohn kümmern kann. Ganz praktische Dinge also. Daran, dass ich vielleicht sterben könnte, habe ich keine Sekunde gedacht.“ Miriam ergänzt: „Ich musste einfach funktionieren. Und genau das nicht zu können war meine größte Angst.“

Die Sorge um die Weiblichkeit. Da der Krebs im Anfangsstadium diagnostiziert werden konnte, musste sich Miriam keiner Strahlen- oder Chemotherapie unterziehen. Die Entfernung beider Brüste („subkutane Mastektomie“) war aber unausweichlich. „Ich fühlte meine Weiblichkeit bedroht“, gibt sie offen zu. „Ich wusste nicht, wie man sich ohne Brüste als Frau fühlen soll. Zudem war ich frisch getrennt und ich hatte Angst, dass mich kein Mann mehr so, wie ich ab nun sein werde, akzeptieren wird.“ Heute, sagt sie und blickt einem dabei fest in die Augen, weiß sie, dass diese Ängste unbegründet waren: „Ich bin nicht weniger Frau als vor dem Eingriff.“ Und um es vorwegzunehmen: Miriam hat mittlerweile einen neuen Mann an ihrer Seite. Jemanden, mit dem sie von Beginn an offen über ihre Geschichte sprach und der sie von Beginn an voll und ganz akzeptierte. „Meine Brüste nennt er ‚meinen ganz besonderen Busen‘“, lächelt Miriam. Und man merkt, was ihr diese Worte bedeuten.

„Therapien sind zielgerichteter und individualisierter geworden!“

Prof. Paul Sevelda, Präsident der Österreichischen Krebshilfe, im Gespräch mit GESÜNDER LEBEN.

Was hat sich in der Brustkrebs-Forschung in den letzten Jahren getan?
Grundsätzlich hat sich hier sehr viel getan. Vor allem ist eine sehr vielschichtige Charakterisierung der Mammakarzinome in viele kleine, vielfältige Untergruppen durch verschiedene molekularbiologische biochemische Parameter erfolgt. So können auch die Therapien zielgerichteter und individualisierter als bisher zum Einsatz kommen. Das bedeutet natürlich eine deutliche Steigerung der Wirksamkeit sowie eine merkliche Reduktion der Nebenwirkungen. Aktuell werden Medikamente geprüft, die v. a. bei der Angiogenese-Hemmung ihren Ansatz haben.

Was kann man selbst tun, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen?
Körperliche Aktivität ist eine der wichtigsten wirksamen Maßnahmen. Wir sprechen hier von dreimal in der Woche eine Stunde oder fünfmal in der Woche eine halbe Stunde. Die Palette reicht von Spazierengehen, Mit-dem-Hund- Gassi-Gehen, Schwammerlsuchen bis zu Laufen oder Radfahren. Auch eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist überaus wichtig. Viel Obst, Gemüse, Salate, kurz: eine vitaminreiche Kost. Tierische Fette sind kontraproduktiv. Wichtig ist, bei Brustkrebs Übergewicht zu vermeiden. Auch Alkohol sollte nur in Maßen genossen werden. Manchen Patientinnen hilft auch Meditation. Alles, was entspannt und einem guttut, ist erlaubt!

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 „Brustkrebs hat mein Herz geöffnet!“
Seite 2 Wenn der Sohn Angst hat

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