Montag, 23. September 2019

Brust raus?

Ausgabe 02/2012
Seitdem bekannt wurde, dass womöglich Hunderte Österreicherinnen die minderwertigen PIP-Brustimplantate in sich tragen, geht die Angst um. Berechtigt? GESÜNDER LEBEN hat einen Experten um Rat gefragt.

Foto: Yuri Arcurs - clipdealer
Im Dezember 2011 ließ die französische Regierung mit einer brisanten Mitteilung aufhorchen: Brustimplantate des Herstellers Poly Implant Prothese (PIP) sollten entfernt werden, da sie zu Rissen neigen. In der Aussendung hieß es zudem, es werde vermutet, PIP-Implantate könnten in Verbindung mit Krebserkrankungen stehen. Auch in Österreich wurden diese Silikonprodukte verwendet, jedoch nur von wenigen Ärzten. Allerdings ließen sich Hunderte österreichische Frauen in Ungarn, Tschechien oder Bulgarien operieren und somit tragen nicht nur, wie anfangs vermutet, zehn Österreicherinnen die defekten Implantate im Körper, sondern weitaus mehr.

Müssen sich all diese Frauen nun Sorgen um ihre Gesundheit machen und sich einer Rückoperation unterziehen? „Nein“, so Univ. Prof. Dr. Edvin Turkof, ästhetisch-plastischer Chirurg in Wien. „Vom medizinischen Standpunkt her besteht keine absolute Indikation zur Entfernung der Implantate.“ Also: Viel Lärm um nichts? „Nein“, sagt Turkof erneut. Man müsse natürlich anerkennen, dass die französische Regierung empfiehlt, die Implantate zu entfernen. Immerhin hat PIP die Prüfbehörden nachweisbar getäuscht und die Implantate tragen – völlig zu unrecht – TÜV-Siegel und CE-Nummer. Trotzdem kein Grund zur Panik, so Turkof: „Nach heutigem Wissensstand besteht kein nachgewiesener Zusammenhang zwischen den PIP-Implantaten und den beschriebenen Krebsfällen, bei denen es sich nicht um Brustkrebs, sondern Lymphome, ein Krebs des Abwehrsystems, handelte.“

Wie bei einem Gummibär. Turkof, für den plastische Chirurgie, wie er betont, eine Herzensangelegenheit ist, möchte die ganze Geschichte sicherlich nicht verharmlosen. Es sei aber so, dass das Silikon nur in den wenigsten Fällen austrete: „Seit Mitte der 90er-Jahre werden so gut wie ausschließlich Implantate mit kohäsivem Silikongel eingesetzt. Das heißt: Das Gel hält zusammen und rinnt nicht aus, auch wenn die Hülle reißt. Man kann das mit einem Gummibär vergleichen: Schneidet man diesen auf, rinnt die Gelmasse im Inneren auch nicht aus.“ PIP verwendete ebenfalls kohäsives Silikon. Jedoch handelte es sich dabei um billiges und vor allem für diesen Zweck nicht zugelassenes Industriesilikon. Außerdem ist die Hülle qualitativ minderwertig und die Wahrscheinlichkeit, dass sie reißt, somit größer als bei hochwertigen Implantaten. In England rissen beispielsweise 1,3 %
aller PIP-Implantate, die älter als vier Jahre waren – in Zahlen: 79 Implantate bei 6.010 Eingriffen. Wenn Silikon austritt, schützt übrigens eine nahezu undurchdringliche Bindegewebshülle, die der Körper nach Einsetzen eines Brustimplantates produziert. Freilich braucht es eine gewisse Zeit, bis diese Bindegewebshülle aufgebaut ist.

Der Anwalt des PIP-Firmengründers Jean-Claude Mas nannte es „ein kapitalistisches Vorgehen“ und unterstreicht damit eigentlich nur: Es ist ein Skandal, was sich der französische Hersteller hier geleistet hat. Vor allem darf man nicht vergessen: Brustimplantate werden nicht nur aus ästhetischen Gründen eingesetzt. Auch nach Brust-OPs – etwa nach der Diagnose Brustkrebs – ist der Einsatz von Implantaten durchaus üblich.
Wenngleich die Vermutung eines erhöhten Krebsrisikos widerlegt wurde, können Schmerzen, Schwellungen oder Rötungen in der Brustumgebung auftreten, sollte trotz allem Silikon austreten. „Wer sich Sorgen macht, kann die Implantate natürlich entfernen lassen“, empfiehlt Turkof. Nachsatz: „In Österreich zahlt die Krankenkasse aber nicht, wenn eine Rückoperation aus rein prophylaktischen Gründen durchgeführt wird.“

Fragen Sie nach! In jedem Fall sollten sich betroffene Frauen an den plastischen Chirurgen ihres Vertrauens wenden. Beratung und Information ist für Turkof ohnehin das Um und Auf: „Ich empfehle jeder Patientin mit dem Wunsch, sich die Brust vergrößern zu lassen, im Vorfeld abzuklären, welches Produkt eingesetzt werden soll. So kann man sich vorab über das Implantat informieren.“ Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der Implantat-Pass, den die Patientin vom Operateur ausgehändigt bekommt und in dem vermerkt ist, welches Produkt frau in sich trägt. Ohne diesen Nachweis lässt sich dies nämlich im Fall der Fälle nur durch einen Eingriff eruieren.
PIP sei glücklicherweise eine Ausnahme, so Turkof: „Allerdings muss man schon sagen: Es gibt weltweit nur ganz wenige Firmen, die für die Silikonproduktion das hochwertige Nusil-Verfahren einsetzen, das strengsten Fertigungsstandards unterliegt und hohen Testanforderungen gerecht wird. Dazu gehören etwa die US-Hersteller Mentor und Inamed Aesthetics, mit Eurosilicone aber auch eine französische Firma. Es ist also nicht alles schlecht, was aus Frankreich kommt.“

Online-Patientenberatung zu PIP-Implantaten: www.harleymedical.co.uk/breast-enlargement-pip-implant-patient-advice.

Buchtipp

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