Montag, 17. Juni 2019

Biologika Die Revolution in der Medizin

Ausgabe 2019.03
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Krebs, rheumatoide Arthritis oder Schuppenflechte – das sind nur drei Einsatzgebiete für biotechnologisch hergestellte Arzneimittel, sogenannte Biologika. In GESÜNDER LEBEN erklären drei hochkarätige Mediziner des Wiener AKH Einsatzgebiete, Nutzungsweise und Risiken dieser Medikamente, die eine Revolution in der Heilkunde eingeleitet haben.


Foto: © iStock_nicolas

Der medizinisch-wissenschaftliche Fortschritt hat in den vergangenen Jahren zu vollkommen neuen Möglichkeiten der Behandlung von Krankheiten geführt. Große Hoffnungen stecken in einer relativ neuen Gruppe von Arzneimitteln, den sogenannten Biopharmazeutika. „Biologika werden in lebenden, vorher gentechnisch veränderten Zellen mithilfe von sehr aufwendigen biotechnologischen Verfahren hergestellt“, erläutert Apotheker Mag. Dr. Gunar Stemer, stellvertretender Apothekenleiter am AKH Wien. „Im Vergleich zu traditionellen Medikamenten bestehen sie aus viel größeren und komplexeren Molekülen, wodurch sie nicht zur Tablette verarbeitet werden.“ Ganz im Gegenteil: Biologika werden entweder subkutan, also unter die Haut, gespritzt oder intravenös, in Form von Infusionen, verabreicht. Es handelt sich um eine sogenannte parenterale Behandlung, also eine Therapie unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts.

Gezielte Wirkung
Abhängig davon, welches Biologikum zum Einsatz kommt, aktivieren oder blockieren sie bestimmte Körperprozesse bzw. ergänzen fehlende körpereigene Substanzen. „Das erste Biologikum war ab 1982 verfügbar und hieß Insulin“, so Stemer. „Heute unterscheidet man in der Gruppe der Biologika zwischen verschiedenen Wirkstoffklassen, darunter Gerinnungsfaktoren, Hormone, Interferone, Impfstoffe, monoklonale Antikörper u. v. m.“ Biologika zählen zu den wachsenden Geschäftsfeldern der Pharma- und Biotechnologie. Zurzeit sind in Österreich – laut Österreichischer Apothekerkammer – 374 Biologika im Humanbereich zugelassen. Die Herstellung von Medikamenten aus biologischen Substanzen unterliegt einer strengen Überwachung. Da natürliche Schwankungen berücksichtigt werden müssen, stellt ein genau überwachter Herstellungsprozess eine gleichbleibende Wirksamkeit und Sicherheit der Präparate sicher. Biologika werden insbesondere bei Autoimmunerkrankungen wie beispielsweise der rheumatoiden Arthritis oder der Schuppenflechte (Psoriasis), Stoffwechselstörungen, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (z. B. Morbus Crohn), zur Optimierung der Blutgerinnung, zur Behandlung von Blutarmut oder verschiedensten Krebsformen in unterschiedlichen Therapie-intervallen und Dosierungen eingesetzt – und das sehr erfolgreich. Ihr großer Vorteil: Sie wirken viel gezielter als konventionelle Medikamente, können beispielsweise Signalstoffe direkt abfangen und damit Entzündungen unterbinden oder Einfluss auf das Immunsystem ausüben. Das Fortschreiten von Erkrankungen kann somit verhindert und im Zaum gehalten werden.

Therapie mit Nebenwirkungen
Natürlich bergen aber Biologika – wie jedes andere Arzneimittel – ein Nebenwirkungsrisiko. Da diese Medikamente immer einen Eingriff in das Immunsystem darstellen, besteht vielfach eine erhöhte Infektionsgefahr. „Es können darüber hinaus auch Hautreaktionen oder allergische Reaktionen auftreten. Meist kann man diesen unerwünschten Folgen mit geeigneten Maßnahmen wie zum Beispiel einem ausreichenden Impfschutz vorbeugen oder Nebenwirkungen durch Begleitmedikationen abfangen“, so Stemer. Zudem erhalten Patienten vor Beginn ihrer Therapie umfangreiche Aufklärungsbögen, die über alle im Einzelfall wichtigen Voraussetzungen informieren.

Medikamente für alle?
Bei einigen Krebsformen werden Biologika bereits in Form von monoklonalen Antikörpern im Rahmen der Erstlinien-Therapie eingesetzt, häufig behandelt man bis dato aber nur jene Patienten mit Biologika, bei denen die Basismedikation versagt hat. „Das hat vorrangig ökonomische Gründe“, erklärt Stemer. „Die Kosten für viele Biologika sind derzeit im Allgemeinen noch sehr hoch. Sind mehrere Anbieter mit Präparaten für ein bestimmtes Einsatzgebiet verfügbar, sehen wir aber auch Preisreduktionen. Zudem gibt es immer mehr sogenannte Biosimilars. Hierbei handelt es sich um Nachbaupräparate, die nach Patentablauf des Originalpräparates auf den Markt kommen werden.“ Biosimilars sind keine Generika, da es nicht möglich ist, eine 1:1-Kopie eines Biologikums zu erstellen. Sie sind dem Original aber höchst ähnlich und weisen nur Restunterschiede auf, die klinisch nicht relevant sind. Um die gleiche Wirksamkeit und Sicherheit zu gewährleisten, werden an den Zulassungsprozess von Biosimilars hohe Maßstäbe gesetzt. Bislang hat man sehr gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. „Die Zahl von Biosimilars wird in Zukunft – nachdem die Patente von Biologika, die schon länger auf dem Markt sind, bald auslaufen – weiter steigen“, ist sich Stemer sicher.

Revolution in der Medizin
Neben der Bereicherung des therapeutischen Spektrums haben Biologika vielfach die Kontrolle und Behandlung von Erkrankungen deutlich verbessert. „Zukünftig wird es – parallel zur Weiterentwicklung der personalisierten Medizin – noch zahlreiche weitere Biologika geben, die maßgeschneidert wirken. Bei Biopharmazeutika handelt es sich schließlich um ein Marktsegment mit Wachstumspotenzial. Vor allem im onkologischen Bereich gibt es noch sehr viel Luft nach oben“, betont Stemer.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Biologika Die Revolution in der Medizin
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