Freitag, 19. Juli 2019

Bammel vor Achtbeinern

Ausgabe 07-08/2010

Foto: Karen Town - istockphoto.com
Eva ist das, was man eine g’standene Frau nennt. Sobald sie aber eine Spinne entdeckt, erkennt sie sich selbst nicht mehr. Dann wirft sie völlig die Nerven weg, ergreift kreischend die Flucht und wünscht sich einen Retter herbei, der das Tier vernichtet. Zugegeben: Lieb sehen Spinnen nicht aus, nicht einmal die Jungen. Da sie in unseren Breitengraden aber nicht gefährlich sind, scheint diese Reaktion weit überzogen. Trotzdem ist Eva in bester Gesellschaft: Jeder zehnte Österreicher leidet unter Spinnenangst (Arachnophobie). Ein Handicap, das einem den schönsten Sommer vergällen kann. Betroffene planen ihren Urlaub nach dem Spinnenaufkommen, meiden Keller, Balkone, ja sogar die Natur.

Der Angst ins Netz gegangen
Woher kommt das Problem? Man vermutet, dass Arachnophobie ein Relikt aus einer Zeit ist, als man gut daran tat, sich vor Spinnen aller Art in Acht zu nehmen – sie könnten ja giftig sein. Ein zweiter Furcht-Faktor ist ihr fremdartiges Aussehen. „Es fehlt ihnen alles, was Menschen vertraut ist“, sagt Psychologin Astrid Herbst. „Man weiß nicht recht, wo vorne und hinten ist, erkennt kein Gesicht, hört keine Laute und kann auch die Fortbewegungsart nicht nachvollziehen.“ Dass Frauen öfter betroffen sind, führt Herbst auf erlerntes Verhalten zurück. „Die Tochter beobachtet, wie ängstlich die Mutter reagiert und dass der Vater gerufen wird, um die Spinne zu töten, und kopiert dieses Benehmen später.“ Dennoch ist der Bammel vor der übrigens nicht zu den Insekten, sondern zu den Gliederfüßern gehörenden Spezies kein rein weibliches Phänomen: „In die Spinnenangst-Workshops des Tiergarten Schönbrunn kommen zehn bis 20 Prozent Männer“, so die Psychologin.

Den „Feind“ beschnuppern
Seit einem Jahr bietet der Zoo Seminare an, die laut Herbst „eine gezielte und geleitete Auseinandersetzung und Annäherung“ bringen sollen. „Es gibt nämlich keinen anderen Weg aus der Angst, als sich damit zu konfrontieren.“ Wer sich in den Workshop wagt, hat freilich den wichtigsten Schritt schon getan: sich seiner Phobie zu stellen und das Problem in die Hand zu nehmen. „Manche melden sich an und wieder ab, weil sie sich doch nicht überwinden können“, erzählt Anton Weissenbacher.
Kurator für Aquarien und Terrarien des Tiergartens, der mit Herbst gemeinsam den Workshop leitet. „Die erste halbe Stunde ist am schwierigsten.“ Und das, obwohl Demonstrationsobjekt „Sissi“, eine Vogelspinne, erst nach zwei Stunden in Aktion tritt. Davor werden die gefürchteten Achtbeiner an die Wand appliziert und ausgiebig thematisiert.

Wie Spinnen ticken
So vermittelt Weissenbacher, wie Sissi und Co ticken und warum sie manchmal auf Menschen zulaufen. Psychologin Herbst erklärt, was sich bei Angst im Körper abspielt und welche Maßnahmen man gegen übertriebene Furcht ergreifen kann. Während des Kurses bleiben die Türen weit offen, sodass jeder, dem es zu viel wird, gehen kann. Eine Möglichkeit, die einige nützen, um nach einer kurzen Pause aber wiederzukommen. Gegen Ende des Seminars sind viele Besucher sogar mutig genug, um Sissi in die Hand zu nehmen. Muss aber nicht sein: Sich mit dem frei laufenden Tier im selben Raum aufhalten zu können, reicht. Es geht gar nicht darum, Spinnen lieben zu lernen. „Wir wollen erreichen, dass man einen realistischen Zugang bekommt“, sagt Weissenbacher. Als Zoologe freut es ihn, wenn die Besucher auch dem Prinzip „Nur eine tote Spinne ist eine gute Spinne“ abschwören und die Tiere in einem Glas ins Freie befördern. Für viele ist es schon ein Fortschritt, sie zu töten, statt davonzurennen.

Ein Workshop kann in wirklich schweren Fällen natürlich keine Therapie ersetzen, ist aber ein Anfang. Und Verhaltenstherapeuten gehen ähnlich vor, wenn auch langsamer – und ohne Sissi.

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