Sonntag, 15. September 2019

Antidepressiva gegen Schmerzen

Ausgabe 2014.10

Chronische Schmerzen können die Lebensqualität massiv reduzieren. Ein möglicher Ausweg aus einem oft monate- oder jahrelangen Leidensweg: eine Therapie mit Antidepressiva. Wie diese funktioniert, lesen Sie hier.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - monkeybusiness

Wer einmal an Schmerzen leidet, der nimmt eine Tablette und der Schmerz ist weg. Wer ständig an Schmerzen leidet, bei dem funktioniert diese chemische Hilfe nicht mehr. Vor allem wenn sich der Schmerz unabhängig von der einstigen Ursache verselbstständigt hat und chronifiziert ist, beginnt für viele Patienten ein Leidensweg, der sie von einem Arzt zum nächsten treibt. Was sich salopp „Doctor-Shopping“ nennt, ist für die Betroffenen alles andere als ein Vergnügen. Sie unterziehen sich verschiedenen Therapien, die oft wenig oder nur kurz wirken. Irgendwann gelangt ein jeder chronischer Schmerzpatient an einen Arzt, der ihm zur Einnahme von Antidepressiva rät. „Warum sollte ich Antidepressiva nehmen, ich bin doch nicht depressiv!“ ist ein häufiger Einwand, der ungläubig, abwehrend oder auch erbost geäußert wird. An diesem Punkt ist Aufklärung nötig. Zwar werden manche Schmerzpatienten im Laufe der Zeit depressiv, doch hier geht es um die nicht depressiven Patienten. Warum sollten diese Antidepressiva nehmen? Die Erklärung: Bei anhaltenden Schmerzen kommt es zu neurochemischen Veränderungen in Gehirn und Rückenmark. Wer ständig Schmerzen leidet, verbraucht die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Diese wiederum sind für uns sehr wichtig, denn sie beeinflussen sowohl die Schmerzempfindung als auch den Schlaf und auch unsere Stimmung. Hören die Schmerzen nicht mehr auf, erschöpfen sich die Reserven der Botenstoffe und die Schmerzfilter im Gehirn werden immer durchlässiger. Die Folge: Der kleinste Impuls genügt, um Schmerzen auszulösen.

„Wunderbar, ohne Schmerzen aufzuwachen!“

GESÜNDER LEBEN sprach mit dem Wiener Architekten Hermann Hofer*), der nach 15 Jahren Dauerschmerz eine Therapie mit Antidepressiva begann.

„Fast 15 Jahre lang musste ich mit meinen Schmerzen leben. Tabletten schlucken, eine Therapie nach der anderen machen, nichts hat wirklich geholfen“, sagt Hermann Hofer. Heute sind die Schmerzen des Architekten zwar nicht ganz verschwunden, aber sie sind auf einem Level, das gut auszuhalten ist. Angefangen haben die Schmerzen des Wieners, als er sich mit dem Kauf eines Hauses überschuldete und seine Schulden durch noch mehr Arbeit abzubauen versuchte. „In der Wirbelsäule klemmte ständig ein Nerv und die Schulter und der Nacken waren wie aus Beton. Ich habe die Zähne zusammengebissen, mein Haus gebaut und meine Arbeit verrichtet, so gut es ging. Wir haben auch ein zweites Kind bekommen, der Schlaf war deshalb wenig erholsam. Als das Haus fertig war, war ich es auch. Meine Geldprobleme waren nach einiger Zeit dann zwar gelöst, die Schmerzen in den Schultermuskeln sind aber geblieben.“

Mehr als zehn Jahre bekam er Spritzen, Physiotherapie, Massagen und viele andere Therapien. Die vermuteten Schmerzursachen (Verspannungen, Stress, Überforderung) waren zwar beseitigt, die Schmerzen aber sind geblieben. Sie haben sich verselbstständigt, sind chronifiziert. Schließlich versuchte er es mit einer Botenstofftherapie. „Ich habe mich immer vor Antidepressiva gefürchtet, vor einem Jahr aber habe ich sie mir doch verschreiben lassen. Viel zu spät, wie ich heute weiß. Nach der ersten Tablette habe ich den ganzen Tag geschlafen. Diese Nebenwirkung ist aber ebenso wie der Heißhunger und die Mundtrockenheit immer mehr verschwunden.

Nach drei, vier Wochen habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich nicht nur unglaublich gut schlafe, sondern dass auch die Schmerzen weniger wurden. Heute sind sie fast verschwunden, manchmal spüre ich sie gar nicht mehr. Es ist wunderbar, wieder einmal ohne seinen peinigenden Begleiter aufzuwachen. Ein wahres Glücksgefühl. In einigen Wochen werde ich die Einnahme reduzieren. Ich hoffe, dass die Schmerzen nicht wiederkommen.“

* Name von der Redaktion geändert

Botenstoffe zuführen. Und hier setzt die Therapie mit Antidepressiva an, eine Therapie, die man viel treffender Botenstofftherapie nennt. In diesen Medikamenten ist der Botenstoff Serotonin oder eine Kombination aus Serotonin und Noradrenalin enthalten. Da diese Botenstoffe durch die anhaltenden Schmerzen verbraucht wurden, herrscht ein chemisches Ungleichgewicht, nämlich ein Serotoninmangel im Gehirn, welches durch die Zufuhr dieser Botenstoffe nun ausgeglichen wird. Man unterteilt die Präparate in „klassische“ und „moderne“ Antidepressiva, die bei vielen chronischen Schmerzerkrankungen, wie etwa bei Nervenschmerzen und auch bei Phantomschmerzen, eingesetzt werden. Zwar werden dieselben Wirkstoffe (Serotonin und Noradrenalin) auch für die Behandlung von Depressionen herangezogen, dort jedoch in wesentlich höherer Dosierung. In der Schmerztherapie werden diese Medikamente zur Behandlung der Schmerzen verordnet und nicht, weil der behandelnde Arzt eine psychiatrische Krankheit vermutet.

Irreale Ängste. Viele Patienten scheuen eine solche Therapie, weil sie sich vor Sucht und Abhängigkeit fürchten. Diese Ängste sind jedoch unbegründet. „Eine Therapie mit Botenstoffen macht weder süchtig noch abhängig. Sie verändert auch die Persönlichkeit in keiner Weise“, beruhigt Primar Dr. Josef Macher, Ärztlicher Leiter der Linzer Klinik Diakonissen. Dauerhafte Schmerzen führen mit der Zeit zu Schlafstörungen und schlechter Stimmung. Gelingt kein Durchbrechen dieses Kreislaufs, besteht die Gefahr von Erschöpfungszuständen und echten Depressionen. Vor allem der Schlaf aber ist für Schmerzpatienten besonders wichtig, denn im Tiefschlaf entwickeln sich die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, deren Aufgabe es auch ist, die Übertragung von Schmerzreizen zu stören. Der Vorteil einer Botenstofftherapie: Sie beeinflusst alle drei Symptome positiv – die Schmerzen, den Schlaf und dadurch auch die Stimmung.

Langsame Besserung. Zu Beginn einer Botenstofftherapie treten gelegentlich bis häufig Nebenwirkungen wie übermäßige Schläfrigkeit, Benommenheit und Mundtrockenheit auf. Was aber am augenfälligsten ist: Der Schlaf wird lang und tief. Der Schmerzlevel sinkt von Woche zu Woche ein wenig, am Anfang oft unmerklich. Die Besserung tritt wellenförmig auf, guten Phasen folgen schlechte, es ist ein Auf und Ab. Insgesamt ist es ein langsamer, schleichender Prozess. „Die Tendenz muss stimmen. Hat der Patient nach einigen Wochen oder gar Monaten nicht das Gefühl, dass es besser wird, sollte man über ein anderes Präparat oder eine Änderung der Dosierung oder einen Abbruch der Therapie sprechen“, sagt Dr. Macher. Eine Therapie mit Botenstoffen benötigt Geduld. Mindestens sechs bis zwölf Monate dauert es, bis der Schmerzfilter wieder voll funktionieren kann. Es empfiehlt sich, die Zeit auch aktiv zu nutzen und verstärkt Bewegung und Sport ins Leben zu bringen. Man sollte sich nicht zurückziehen, sondern seinen Alltag aktiv gestalten. „Aufpassen sollte man bei Alkohol, er kann die Wirkung der Botenstoffe verstärken oder auch aufheben. Kleine Mengen Alkohol sind aber meist kein Problem“, sagt Dr. Macher.

Hohe Erfolgsrate. „Rund 90 Prozent der Patienten erreichen zumindest eine so deutliche Schmerzlinderung, dass sie sich wieder wohlfühlen. Wurde auch die ursprüngliche Schmerzquelle beseitigt bzw. begleitende Maßnahmen (z. B. Schmerzblockaden) durchgeführt, wird die Besserung oder Heilung zumeist auch nachhaltig sein“, sagt Dr. Macher. Wenn man die Therapie beenden möchte, darf man die Einnahme der Tabletten nicht einfach beenden, sondern man sollte die Dosierung Schritt für Schritt reduzieren.

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