Sonntag, 17. Februar 2019

Antibiotika sind keine Zuckerln!

Ausgabe 2015.11

Wenn die Nase läuft und Husten und Fieber den Körper schütteln, dann fordern viele Erkrankte sofort Antibiotika. Doch bei grippalen Infekten und Grippe sind Antibiotika völlig fehl am Platz. Das sollten Sie daher unbedingt beachten.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - motorolka

Antibiotika wirken nur gegen bakterielle Krankheitserreger, sie verhindern, dass sie sich weiter ausbreiten, und töten sie ab. Ihr Einsatz hat über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Leben gerettet. Die Einnahme bei bakteriellen Infektionen (wie z. B. Harnwegsinfektionen und Lungenentzündungen) ist sinnvoll und die Wirksamkeit klar erwiesen. Bei einer fortgeschrittenen Blasenentzündung etwa muss mit Antibiotika behandelt werden. Häufigster Anwendungsbereich dieser wertvollen Medikamente sind jedoch Atemwegserkrankungen. Dies ist problematisch, weil diese nur selten durch Bakterien verursacht werden.

Antibiotika nur bei bakterieller Infektion sinnvoll. Infekte der oberen und unteren Atemwege wie z. B. Husten mit Fieber, Rachenentzündungen und grippale Allgemeininfekte sind praktisch immer durch Viren verursacht. Auch die sogenannte „echte“ Grippe wird durch Viren verursacht. „Vier- bis fünfmal pro Jahr erkranken Erwachsene im Durchschnitt an einem fieberhaften viralen Infekt, in etwa der Hälfte der Fälle fordern die Erkrankten aber trotzdem Antibiotika ein. Ihnen muss bewusst gemacht werden, dass Schnupfen, Halsweh und Husten keine bakteriellen Infektionen sind“, sagt Dr. Oskar Janata, Facharzt für Infektionskrankheiten am Donauspital in Wien. Denn in diesen Fällen sind Antibiotika wirkungslos. Sie können den Genesungsprozess in keiner Weise beschleunigen und auch die Beschwerden gehen mit Antibiotika in diesen Fällen nicht schneller weg.

Krank sein unerwünscht. Infekte der Atemwege dauern bis zu einer Woche. Das ist ein Fakt und dennoch wollen es viele Patienten nicht wahrhaben. „Der Grund für die Forderung nach Antibiotika ist oft die Angst vor Problemen am Arbeitsplatz. Viele Erkrankte glauben, sich nicht die Zeit für das nötige Auskurieren nehmen zu dürfen“, bestätigt Dr. Janata. Ärzte bekommen immer wieder folgende Argumente zu hören: „Ich muss in die Arbeit. Krankschreiben ist gefährlich. Ich will meinen Arbeitsplatz nicht riskieren.“ Frauen nehmen Antibiotika noch häufiger ein als Männer. Viele stehen unter der doppelten Belastung von Arbeit und Mutterschaft. Ein häufiges Argument: „Ich muss fit sein, ich muss mich auch um die Kinder kümmern.“  Kranksein wird in einer Zeit, in der jedermann „funktionieren“ muss, zum unerwünschten Zustand, den man am besten verheimlicht oder mittels Medikamenten unterdrückt. Dies hat freilich üble Folgen. Einerseits schadet man seiner Gesundheit langfristig, wenn man immer wieder Infekte unterdrückt und nicht auskuriert, andererseits steckt man seine Mitmenschen mit den Viren an, die man verbreitet, wenn man in krankem Zustand nicht zu Hause bleibt.

Medikamenten-Irrglaube. Oft liegt der Forderung nach Antibiotika auch der Irrglaube zugrunde, dass nur diese „richtige“ Medikamente seien. „Solche Patienten sind überzeugt, dass sie genau diese Medikamente brauchen, um gesund zu werden. Sie vom Gegenteil zu überzeugen, ist alles andere als leicht“, sagt Dr. Janata. Kommt etwa ein Patient mit einer Atemwegsinfektion zum Hausarzt und wünscht sich ein Antibiotikum, dann ist der Arzt in keiner leichten Situation. Denn für einen praktischen Arzt ist es oft schwierig zu erkennen, ob eine solche Infektion viral oder nicht doch ausnahmsweise bakteriell bedingt ist. Mit einer raschen körperlichen Untersuchung lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob Viren oder Bakterien im Spiel sind. Der Arzt ist also auf seine Erfahrung und auch auf Vermutungen angewiesen. In dieser Situation geht dann mancher Arzt „auf Nummer sicher“ und verschreibt das gewünschte Antibiotikum. Vor allem wenn er dazu gedrängt wird – und das meist vor dem Wochenende. Der Patient bekommt das Medikament dann häufig verschrieben, um es einzunehmen, falls sich die Erkrankung verschlimmert. Solchermaßen verschriebene Antibiotika werden aber oft nicht eingenommen und zu Hause gehortet. Nicht selten werden sie bei einer neuerlichen Erkrankung ohne ärztliche Untersuchung eingenommen. Dr. Janata gibt auch zu bedenken, dass ein Arzt, der oft unter Zeitdruck und Stress steht, bei manchen Patienten den einfacheren Weg geht und ein Antibiotikum verschreibt, auch im Wissen, dass es nichts nützt. „Wenn ich einem Patienten, der unbedingt Antibiotika will, diese verwehre, dann kommt er oft schon am nächsten Tag wieder, weil er noch nicht gesund ist. Wenn ich ihm jetzt wieder kein Antibiotikum verschreibe, dann geht er in der Nacht in eine Spitalsambulanz und fordert es dort ein.“

Gefahr von Resistenzen. Jedes Antibiotikum kann eine Resistenz hervorrufen. Resistenz bedeutet, dass die zu bekämpfenden Bakterien nicht mehr am Wachstum gehindert werden. Die Folge: Das Medikament verliert seine Wirkung. Durch eine häufige und falsche Einnahme (zum Beispiel bei viralen Erkrankungen) werden Resistenzen gefördert. Seit Jahren lässt sich eine Zunahme an resistenten Keimen beobachten. Um dieser Entwicklung gegenzu- steuern, ist ein vorsichtiger, sparsamer und gezielter Einsatz von Antibiotika nötig. Patienten sollten nicht auf unnötige Verschreibungen drängen und Ärzte sollten Patienten über Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen aufklären, auch wenn das oft sehr mühsam ist. Eine Resistenz führt nämlich zu einer längeren Behandlungszeit und verteuert die Therapie. In manchen Fällen kann sie auch zu einem akuten, lebensbedrohlichen Notfall führen. Dann nämlich, wenn die Behandlung sehr rasch erfolgen muss (z. B. bei einer Blutvergiftung), braucht der Patient möglichst schnell ein passendes Antibiotikum. „Zum Glück ist das aber nur die Ausnahme, denn wenn ein Medikament nicht greift, dann passt in 90 Prozent der Fälle ein Alternativmedikament“, sagt Dr. Janata.

Neben- und Wechselwirkungen. Werden Antibiotika bei Virusinfektionen eingenommen, so nützen sie nichts, es besteht zudem auch die Gefahr von Nebenwirkungen. Antibiotika bekämpfen leider auch jene Bakterien, die unseren Körper gesund erhalten. Diese nützlichen Bakterien sind zum Beispiel verantwortlich für eine gesunde Haut oder eine intakte Darmflora. Werden diese angegriffen, können Nebenwirkungen wie etwa Magen-Darm-Störungen entstehen. Durch die gestörte Darmflora kann auch das Immunsystem geschwächt werden. Der Körper kann auch mit Allergien auf die Einnahme reagieren. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten können durchaus gefährlich werden. „Bei Wechselwirkungen mit Herzmedikamenten zum Beispiel kann es zu ernsthaften Problemen kommen bis hin zur Lebensgefahr“, so Dr. Janata. Bei einigen Antibiotika ist die empfängnisverhütende Wirkung der Pille nicht mehr gewährleistet. Unbedingt daher den Beipackzettel der Medikamente beachten!

Die unsichtbare Gefahr

Erhöhte Todesgefahr durch Antibiotika-Resistenzen?

Österreich liegt bei der Häufigkeit von Antibiotika-Resistenzen im europäischen Mittelfeld. „Meldungen, wonach pro Jahr Tausende Österreicher infolge von Resistenzen sterben, kann ich nicht bestätigen, denn man weiß es nicht. Solche Meldungen sind oft Übertreibungen und Panikmache. Es gibt keine gesicherten Zahlen und es wird bei der Nennung von Zahlen meist auch nicht unterschieden, ob der Tod infolge einer Resistenz oder infolge der Erkrankung oder wegen beidem eingetreten ist.

Es ist aber richtig, dass die Situation in den letzten 15 Jahren auch in Österreich schlimmer geworden ist. So gab etwa vor dem Jahr 2000 keinerlei Probleme bei der Behandlung von Harnwegsinfektionen, heute dagegen schon“, erklärt Dr. Oskar Janata, Facharzt für Infektionskrankheiten am Donauspital in Wien. Ein zielgerichteter, vernünftiger Einsatz dieses wirkungsvollen Medikaments ist aber jedenfalls angebracht!

 

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