Montag, 27. Mai 2019

Antibiotika: Ja, aber ...

Ausgabe 2013/10

Wann ist die Einnahme von Antibiotika wirklich sinnvoll? Schließlich töten diese „nur“ Bakterien ab. Und dabei auch die guten.


Foto: Can Stock Photo Inc. - Len44ik

Die Nase rinnt, der Hals kratzt, der Kopf schmerzt. Allein: Weder eine Mutter noch eine berufstätige Frau noch sonst jemand kann es sich heutzutage „erlauben“, krank zu sein. Rasche Hilfe tut daher not und die meisten scheinen zu wissen, was der Hausarzt verschreiben soll: Antibiotika. Macht das Sinn? „Nein“, weiß Prim. Univ.-Doz. Dr. Petra Apfalter vom Institut für Hygiene, Mikrobiologie & Tropenmedizin am Krankenhaus der Elisabethinen Linz. „Antibiotika helfen nur bei Infektionen, die durch Bakterien verursacht werden, zum Beispiel bei Harnwegsinfekten oder einer bakteriell bedingten Lungenentzündung. Nicht jedoch bei Schnupfen, Husten oder Heiserkeit, bei einer  Grippe bzw. wenn es sich um eine Infektionskrankheit handelt, hinter der Viren oder andere Krankheitserreger stecken.“ Doch aufgepasst, denn wer denkt „nutzt’s nix, schad’s nix“, liegt hier definitiv falsch! Vielmehr können Antibiotika dem Körper schaden, wenn sie sinnlos zum Einsatz kommen. Antibiotika zielen nämlich darauf ab, Bakterien zu töten, können allerdings nicht zwischen gut und böse unterscheiden. Nimmt man also ein Antibiotikum, obwohl man es nicht braucht, werden ausschließlich gute, sprich lebensnotwendige Bakterien zerstört. „Im günstigsten Fall kann es zum Durchfall kommen, der nach einigen Tagen wieder abklingt. Mit einer Antibiotika-assoziierten Diarrhoe ist aber nicht zu spaßen, denn sie kann auch lebensbedrohlich sein“, warnt Apfalter.

Streitfall Probiotika

Während Primaria Dr. Petra Apfalter, FÄ für Hygiene und Mikrobiologie, die zusätzliche Einnahme von Probiotika im Zusammenhang mit einer Antibiotika-Therapie für nicht erforderlich hält, gibt es immer mehr Studien, die das Gegenteil belegen: So kann die Einnahme speziell ausgewählter Bakterienstämme das Risiko minimieren, an einer durch Antibiotika ausgelösten Diarrhoe zu erkranken. Zudem konnte eine signifikante Vermehrung gesunder Bakterien nachgewiesen werden, was nicht nur die Verdauung unterstützt, sondern auch die natürliche Abwehrkraft fördert (Am. Journal of Gastroenterology).

Muss das sein? Freilich werden genauso gute Bakterien zerstört, wenn Antibiotika tatsächlich angezeigt sind. Dann allerdings gilt es abzuwägen, ob man dies im Kampf gegen die krankheitserregenden Bakterien in Kauf nimmt – oder nicht. Laut Apfalter ist dies zwar eine Entscheidung, die der behandelnde Arzt treffen müsse: „Trotzdem sollte man auch selbst darauf achten, dass Antibiotika vernünftig eingesetzt werden. Wir wissen, dass in Österreich über 80 Prozent der Anwendungen im niedergelassenen Bereich stattfinden. Außerdem wissen wir, dass sie viel zu oft bei Erkältungen eingesetzt werden. Natürlich kann ein Arzt nicht immer sofort feststellen, ob es sich um einen viralen oder bakteriellen Infekt handelt. Als Patient sollte man den Einsatz von Antibiotika aber zumindest nicht fordern.“ Dass dies häufiger vorkommt, als man denkt, hängt womöglich auch damit zusammen, dass laut einer Umfrage drei von vier Österreichern nicht wissen, wann Antibiotika helfen und wann nicht! Man kann es also nicht oft genug sagen: Antibiotika wirken ausschließlich bei bakteriell bedingten Krankheiten. Bemerkenswert ist die rasche Wirkung, fühlt man sich doch nach der Einnahme eines Antibiotikums schon nach zwei, drei Tagen wesentlich besser.

Vorsicht vor Resistenzen. Trotzdem muss man die Packung fertig nehmen. Apfalter: „Dass es einem besser geht, ist nicht zwingend mit der Tatsache verbunden, dass alle Bakterien tot sind. Beispiel Angina: Die Mindestbehandlungsdauer beträgt im Normalfall zehn Tage. Wird diese nicht eingehalten, kann es nach einigen Wochen zu einem Rezidiv (d. h. Wiederauftreten der Erkrankung) kommen. Möglicherweise sind die Bakterien dann aber resistent gegen das Antibiotikum, das normalerweise bei einer Angina zum Einsatz kommt.“ Der Grund: Bakterien sind extrem anpassungsfähig, insbesondere wenn ihr „Gegenspieler“ – im Fall von krankheitserregenden Bakterien das Antibiotikum – zu niedrig dosiert oder eben nicht lang genug eingenommen wird. Übrigens: Selbst wenn Antibiotika fälschlicherweise zum Einsatz kommen (z. B. bei einem grippalen Infekt), geht es uns nach einigen Tagen schon wesentlich besser. Allerdings liegt das dann nicht am Antibiotikum, sondern schlichtweg daran, dass die Symptome einer viralen Infektion nach zwei, drei Tagen ohnehin abklingen.

Aufgepasst! Speziell bei Kindern sollte man Vorsicht walten lassen. Fakt ist indes, dass den kleinsten Patienten leider viel zu oft Antibiotika verschrieben werden. Ja, Kinder sind mitunter recht oft krank, immerhin ist deren Immunsystem noch nicht so ausgereift wie das eines Erwachsenen. Doch genau aus diesem Grund sollte nicht immer sofort der „antibiotische Holzhammer“ eingesetzt werden – abgesehen davon, dass es sich in vielen Fällen ohnehin „nur“ um virale Erkrankungen handelt. „Antibiotika töten bekanntermaßen auch nützliche Bakterien, stören dadurch das Immunsystem, was wiederum geschwächte Abwehrkräfte zur Folge haben kann und uns generell anfälliger für Krankheitserreger macht“, erklärt Expertin Apfalter. Dass dieser Teufelskreis für Kinder, deren Immunsystem noch gar nicht ausgereift ist, ein massives gesundheitliches Problem darstellt, steht außer Frage. Zu den Nebenwirkungen gehören Pilzinfektionen (z.B. Scheidenpilz, weil Bakterien der Scheidenflora vernichtet werden) oder Hautausschläge (u.a. als allergische Reaktion auf eine bestimmte Substanz des Antibiotikums).

Darmgesundheit. Vor allem aber führt die negative Wirkung auf die Darmflora nicht selten und besonders bei Kindern sowie älteren Menschen zu weichem Stuhl oder sogar Durchfall. Normalerweise klingt dieser nach Abbruch der Therapie wieder ab, die Schäden an den Schleimhäuten des Darms sind jedoch bereits geschehen. Fragen Sie daher Ihren Arzt oder Apotheker lieber einmal zu viel als zu wenig!

 

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