Sonntag, 16. Juni 2019

Alternative Schmerztherapie – das hilft

Ausgabe 04/2011
Stechen, träumen, drücken, stimulieren und es tut nicht mehr weh. Von Akupunktur bis Hypnose – was Methoden abseits der Schulmedizin bei chronischen Schmerzen ausrichten können und worauf Patienten dabei achten sollten.

Foto: istockphoto.com - Martin Dimitrov
 
Jeder kennt Schmerzen. Doch wenn der Schmerz bleibt und chronisch wird, kann das Leben zur Qual werden. In Österreich sind chronische Schmerzen eine weitverbreitete Erkrankung. Rund 1,7 Millionen Menschen sind davon betroffen (Österreichischer Patientenbericht Chronischer Schmerz, 2009).

Am häufigsten treten chronische Schmerzen im Bereich des Stütz- und Bewegungsapparates auf, gefolgt von Kopf- und Nervenschmerzen sowie als Folgen von Krebsleiden. Die Krankheitsbilder sind vielfältig, die Diagnose aufgrund der Ursachen oft sehr schwierig. Und damit beginnt für viele Betroffene eine leidvolle Odyssee. Im Schnitt dauert es rund 2,5 Jahre, bis die Diagnose „Chronischer Schmerz“ feststeht und eine optimale Therapie begonnen wird. Kein Wunder, dass eine große Zahl der Patienten bei „alternativmedizinischen“ Verfahren Hilfe sucht. Welche dieser Methoden sich bei chronischen Schmerzen bewährt haben und was Patienten wissen sollten, bevor sie sich der „anderen Medizin“ anvertrauen, hat Gesünder Leben bei Univ.-Prof. Dr. Sabine Sator-Katzenschlager nachgefragt. Als Leiterin der Akupunktur- und Schmerz Ambulanz am Wiener AKH vereint die erfahrene Schmerztherapeutin tagtäglich konventionell-schulmedizinische und komplementärmedizinische Therapieansätze und ist überzeugt: „Durch die Kombination von beidem können wir die Lebensqualität der Patienten entscheidend verbessern.“

Frau Prof. Sator-Katzenschlager, etwa jeder fünfte Schmerzpatient wendet ein „alternatives“ Verfahren an – lässt die Schulmedizin Schmerzpatienten alleine?
Viele Patienten stehen Medikamenten skeptisch gegenüber, sie haben hauptsächlich Angst vor den Opiaten. Opiate haben immer noch die Stigmatisierung, dass man darauf süchtig wird oder dass man sie schlecht verträgt. Das trifft aber auf die heute angewendeten Präparate nicht mehr zu und SchmerzpatientInnen können keine psychische Abhängigkeit unter ärztlicher Führung bekommen. Medikamente, die Patienten in Eigenregie nehmen, sind oft viel gefährlicher und können sogar zu einer Schmerzverstärkung führen.

Welche komplementärmedizinischen Verfahren würden Sie Schmerzpatienten empfehlen?
Für mich steht natürlich an erster Stelle die Akupunktur – aber es gibt eine Vielzahl an Verfahren, die ihre Berechtigung haben. Wichtig ist, dass die Indikation stimmt, nicht jede Behandlung wirkt bei jeder Schmerzart. Beispielsweise stehen Akupunktur, Hypnoseverfahren, Osteopathie oder die transkutane elektrische Nervenstimulation für ganz unterschiedliche therapeutische Ansätze – entsprechend unterschiedlich sind die Anwendungen.

Worauf sollen Patienten achten, wenn sie sich für eine komplementäre Schmerzbehandlung entscheiden?
Generell sind Verfahren zu meiden, die Unrealistisches, z.B. „Heilung“, versprechen, oft stecken dahinter lediglich massive wirtschaftliche Interessen. Außerdem sollten alternative Diagnosen unbedingt mit den Methoden der modernen Schulmedizin – also Labor und bildgebender Diagnostik – überprüft werden. Sonst besteht die Gefahr, dass eine Krankheit übersehen oder schlicht und einfach falsch behandelt wird.

Was raten Sie generell Patienten, die unter Schmerzen leiden?
Anstatt zum Arzt zu gehen, nehmen viele Patienten Medikamente aus der Hausapotheke über Monate und auch Jahre hinweg oder versuchen Behandlungen, die gar nicht passen. Das kann im schlimmsten Fall lebenslange Folgen für den Patienten haben. Betroffene sollten daher möglichst früh eine spezialisierte Schmerzambulanz aufsuchen – diese gibt es mittlerweile an jeder größeren Klinik. Denn je schneller der Schmerz behandelt wird, desto weniger besteht die Gefahr, dass er chronisch wird. In vielen Zentren werden auch zusätzlich komplementäre Behandlungen angeboten – wichtig ist hier kompetente Beratung und, dass die einzelnen Therapien aufeinander abgestimmt werden.

osteopathie, frauFoto: istockphoto.com - Alberto GagnaOsteopathie – wenn Hände das Verborgene fühlen
Wie funktioniert’s?
Osteopathie ist eine ganzheitliche Methode, die sich zur Diagnose und Therapie der Hände bedient. Im Gegensatz zu anderen manuellen Techniken basiert die Osteopathie auf einem philosophischen Konzept, welches das Individuum in seiner Ganzheit respektiert. Zur Erfassung des Ganzen ist es für den Osteopathen wichtig, exakte Kenntnisse über die Anatomie, Physiologie und Biomechanik zu besitzen. Sogenannte körperliche Blockaden, z.B. in den Körperflüssigkeiten oder im Binde- und Muskelgewebe, werden z.B. durch Lockerungsgriffe und leichten Druck gelöst. Die Grenzen der Osteopathie liegen dort, wo die Selbstheilungskräfte den Körper nicht mehr gesunden lassen.

Wann & wie hilft’s?
Chronische Schmerzzustände des Bewegungsapparates (Wirbelsäule und an sämtlichen Gelenken, z.B. Bandscheibenvorfälle, Cervicalsyndrome, Lumbalgien usw.), Kopfschmerzen, insbesondere, wenn sie von der Halswirbelsäule ausgehen. Sie vereinbaren mit dem Osteopathen einen Ersttermin (45–60 Minuten), bei dem eine Anamnese erstellt wird, und Sie genau untersucht werden. Für Folgetermine sind etwa 30–45 Minuten einzuplanen.

Infos & Kosten

Österreichische Gesellschaft für Osteopathie (OEGO): www.oego.org (inklusive Liste von Osteopathen, die eine von der OEGO anerkannte Osteopathieausbildung haben und einer Liste von Ärzten und Therapeuten, die mit solchen Osteopathen zusammenarbeiten). Der ungefähre Richtpreis für eine osteopathische Behandlung liegt zwischen 70 und 130 Euro. Die Kosten werden derzeit von den Krankenkassen nicht übernommen.



Hypnose, MannFoto: MedUniWienHypnose – private Reise ins Unterbewusstsein

Wie funktioniert’s?
Hypnose ist ein psychotherapeutisches Verfahren. Der Patient wird in hypnotische Trance versetzt. Darunter versteht man einen Zustand konzentrierter, nach innen gerichteter Aufmerksamkeit, in der das Unterbewusste empfänglich für Suggestion ist. Zur Linderung von Schmerzen werden drei Techniken angewandt: Bei der Imagination wird die Kraft der Vorstellung genutzt (z.B.: Welche Farbe hat das gesunde Knie, wie fühlt es sich an? Dann versucht man die gesunde Farbe auszudehnen, in den schmerzenden Bereich einfließen zu lassen). Bei der Dissoziation trennt man das Gesunde vom Kranken und baut bildhaft beschrieben eine Mauer um das schmerzende Areal oder lässt Schmerz abfließen. Bei der Assoziation geht man in den Schmerz hinein und versucht, ihn lokal zu verändern, z.B. mit der Vorstellung von Werkzeugen oder Helferfiguren.

Wann & wie hilft’s?
Bei vielen verschiedenen Arten chronischer Schmerzen (Rückenschmerzen, Rheuma, Fibromyalgie, Kopfschmerzen, Unterleibsschmerzen, Krebs …), insbesondere auch solchen mit psychotherapeutischer Komponente. Auch begleitende Depressionen können gelindert werden. Es ist sowohl möglich, eine Blockhandlung (z.B. zehnmal Fremdhypnose) zu machen oder in einigen Sitzungen Selbsthypnose zu lernen, die anschließend zu Hause angewendet werden kann, oder aber eine Hypnosetherapie im Sinn einer Psychotherapie zu machen.

Infos & Kosten
Österreichische Gesellschaft für ärztliche und zahnärztliche Hypnose, www.oegzh.at (Verzeichnis von Ärzten und Psychotherapeuten, die speziell für Hypnosebehandlungen ausgebildet sind). Keine Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Selbstzahler zahlen nach Dauer der Behandlung und Setting zwischen 70 und 250 Euro.


4_tens, frauFoto: OmronTranskutane Nervenstimulation (TENS) – die impulsive „elektrische Pille“

Wie funktioniert’s?
Bei der Transkutanen Elektrischen Nervenstimulation gibt ein kleines, tragbares Gerät über Elektroden kleine Stromreize unter die Haut ab. Die Elektroden werden über dem schmerzenden Gebiet, an Akupunkturpunkten oder sogenannten Triggerpunkten angebracht. Die Stromreize überlagern dann die eigentlichen Schmerzreize. Zudem wird die Schmerzweiterleitung im Gehirn gehemmt. Weiterer positiver Effekt der TENS: Sie bewirkt eine Ausschüttung von körpereigenen „Glückshormonen” (Endorphine), die noch zusätzlich schmerzlindernd wirken.

Wann & wie hilft’s?

Eingesetzt wird TENS z.B. bei Rückenschmerzen, Nervenschmerzen, generell Schmerzen des Bewegungsapparats wie rheumatischen Erkrankungen, Abnutzungen und Überlastungen. Wichtig ist, dass der Patient am TENS-Gerät geschult wird (fragen Sie bei Ihrem Arzt, an Schmerzambulanzen oder bei den jeweiligen Herstellern nach). TENS lindert den Schmerz, kann aber nicht heilen. Deshalb ist es notwendig, dass die Anwendung regelmäßig durchgeführt wird. Dabei kann auch ein Gewöhnungseffekt eintreten und die schmerzlindernde Wirkung nachlassen. Dann hilft oft eine Änderung des Stromflusses oder eine Versetzung der Elektroden.

Patienten mit Herzschrittmachern oder anderen eingepflanzten elektronischen Geräten sowie Patienten mit Thrombosen dürfen nicht mit TENS behandelt werden.

Infos & Kosten
Unabhängige Information z.B. auf der Homepage der Österreichischen Schmerzgesellschaft (www.oesg.at). Informationen über TENS-Geräte bei den Herstellern (z.B. Liska, Omron, Panasonic, Schwa-medico …). TENS-Geräte kosten je nach Hersteller und Ausführung von 30 bis zu über 100 Euro. Es gibt eine Teilrefundierung durch die Krankenkassen.


Akupunktur, FrauFoto: istockphoto.com - Jacob Wackerhausen
Akupunktur – kleine Pikser mit punktgenauer Wirkung

Wie funktioniert’s?
Das Einstechen mit den dünnen Nadeln setzt körpereigene Botenstoffe frei, verbessert die Beweglichkeit und fördert die Durchblutung. Durch wiederholte Reizung der Akupunkturpunkte lässt sich die Schwelle der Schmerzempfindung erhöhen. Es treten so gut wie keine Nebenwirkungen auf. Bei leichten bis mittleren Schmerzen reicht häufig Akupunktur alleine, um die Schmerzen zu lindern. Sind die Schmerzen stärker, ist es ratsam, Akupunktur mit Schmerzmitteln zu kombinieren. Akupunktur hilft in vielen Fällen nicht nur, die Medikamentendosis zu verringern, sondern auch Nebenwirkungen wie Übelkeit zu lindern.

Wann & wie hilft’s?
Akupunktur hilft nicht nur bei chronischen Gelenksschmerzen sowie Rücken- oder Knieschmerzen, sondern auch bei Migräne und Spannungskopfschmerzen oder Unterleibsschmerzen. Bei chronischen Schmerzen wird die Akupunkturbehandlung einmal wöchentlich durchgeführt. Für einen nachhaltigen Erfolg braucht es insgesamt zehn bis 15 Sitzungen, die durchschnittlich 20 Minuten dauern. Je nach Art des Schmerzes sollte nach einigen Monaten eine „Auffrischung“ in Form von einer oder mehreren erneuten Behandlungen erfolgen.

Infos & Kosten

Österreichische wissenschaftliche Ärztegesellschaft für Akupunktur: www.akupunktur.org (inklusive Suchmaschine für Akupunktur-Ärzte). Viele Krankenkassen übernehmen einen Teil der Behandlungskosten. Selbstzahler müssen mit ca. 50 Euro pro Behandlung rechnen (in Wien oft deutlich höher – bis 130 Euro, bei Elektrostimulation mit P-STIM kommen noch die Kosten des Gerätes dazu). Voraussetzung ist, dass der Arzt eine entsprechende Ausbildung hat bzw. das Diplom für Akupunktur der Österreichischen Ärztekammer besitzt.


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