Freitag, 22. Februar 2019

Alles was zählt bin ICH

Ausgabe 03/2012
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Noch nie gab es so viele Narzissten wie heute. Sie wollen ständig im Mittelpunkt stehen, nerven uns mit  ihrer Art. Und in privaten Beziehungen sind sie doppelt mühsam. GESÜNDER LEBEN sagt, wie Sie mit solchen Egoisten fertig werden.

Foto: www.istock.com - Andrew Rich
Partner, die so egoistisch sind, dass sie den anderen völlig überrollen; Berufskollegen, die alle mit ihrer Überheblichkeit zum Wahnsinn treiben; Medienstars und -sternchen, deren Eitelkeit an Dünkel grenzt: Die „Generation ME“ treibt schillernde Blüten, und manche Experten wie etwa der deutsche Sozialpsychologe Hans-Werner Bierhoff konstatieren angesichts der vielen Egoisten „das Ausmaß einer Epidemie“, wobei Bierhoff vor allem der jungen Generation eine „zunehmende Infektion mit dem gesellschaftlichen Virus“ bescheinigt. Die Selbstdarstellung habe heute deutlich zugenommen, der Schönheitskult sei so verbreitet wie nie, jeder wolle brillant und überdurchschnittlich, alle wollen Helden sein, so der Psychologe.

Ein schmaler Grat. Und, ist es nicht wahr? Ruhm und Erfolg sind für viele Traumziele, und wen kümmert es schon, wenn auf dem Weg dorthin heftig konkurriert und andere oft – vorsichtig gesagt – unsanft ausgebootet werden? Doch was kennzeichnet eigentlich die narzisstische Wesensart, was ist noch gesund und normal, und wann wird die Sache krankhaft? „Im positiven Sinn ist Narzissmus gekennzeichnet durch einen stabilen Selbstwert, eine positive Einstellung zu sich selbst, ein in sich Ruhen und sich der eigenen Bedürfnisse bewusst Sein, wobei viele Narzissten dies auch umsetzen und nach außen abstrahlen, doch dieser Grat ist auch ein schmaler, denn das alles kann sehr schnell kippen“, sagt der Psychologe Norman Schmid. „In diesem Fall wird die dann oft extreme Selbstdarstellung zur verzweifelten Suche nach Feedback und Bestätigung, weil der Selbstwert in Wirklichkeit brüchig ist.“

Das alles ist laut Expertenbefund als „Spielarten der Persönlichkeit“ freilich noch im Bereich des „Normalen“, wobei das nicht heißt, dass „gesunde“ Narzissten für andere nicht anstrengend und nervig sein können.

„Echte“ Narzissten hingegen sind nicht zufrieden mit freundlichen Rückmeldungen, sie brauchen die volle Bewunderung, und wenn sie vom anderen nicht permanent angehimmelt werden, so wird dieser schnell abgeschossen, und der Narzisst sucht sich den nächsten Fan – meist eine Person mit Abhängigkeitsproblematik, die bereit dazu ist, alles zu geben und kaum etwas zurückzubekommen.

Hilfe, so ein Egoist!
GESÜNDER LEBEN fragte den Psychologen Norman Schmid, wie man mit Narzissten umgehen sollte.

GESÜNDER LEBEN:  Woran erkennt man einen Narzissten und warum sind diese Menschen oft so beliebt?
Norman Schmid: Narzissten strahlen die auf sie selbst bezogenen Phantasien von Grandiosität, Macht, Brillanz, Schönheit und Einzigartigkeit auch nach außen aus. Typisch ist weiters das oft verzweifelte Bemühen um Bewunderung, wobei es dabei häufig zur Ausbeutung des anderen kommt und ein starkes Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen besteht. Trotzdem: Sie sind oft schillernde, interessante Persönlichkeiten, und gerade ihre Extraversion und die Fähigkeit, sich in Szene zu setzen, ist für viele andere ansprechend. Wenn ein Narzisst allerdings übertreibt, so wird er oft auch schnell abgelehnt: Die Umwelt spürt meist sehr genau, was stimmig ist und was nicht.

GL: Warum gibt es in so vielen Beziehungen narzisstische Strukturen?
Schmid: Narzissten finden oft schnell einen Partner, der seinerseits eine Abhängigkeitsproblematik hat, also immer jemanden braucht, der den Frontman abgibt, von dem er oder sie sich gerne „mitziehen“ lässt. Eine Beziehung, die durch ein solches Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen gekennzeichnet ist, kann allerdings nur so lange bestehen, als der Gebende sich das Spiel gefallen lässt, und das ist oft nicht lange der Fall. Narzissten haben häufig sehr instabile Beziehungsstrukturen.

GL: Wie geht man mit Narzissten um?
Schmid: Bis zu einem gewissen Grad kann man mit Augenzwinkern mitspielen. Ein paar Komplimente, ein bisschen Anhimmeln – das kann im spielerischen Miteinander sogar ganz nett sein. Wenn es allerdings zu viel wird und die eigenen Bedürfnisse zu kurz kommen, empfiehlt es sich, dem anderen einen Spiegel vorzuhalten und zu fragen, wie er denn reagieren würde, wenn die Situation umgekehrt wäre. So kann man ins gemeinsame Reflektieren kommen, und natürlich gehört auch dazu, sich zu behaupten und eine Konfrontation nicht zu scheuen. Wenn ein Narzisst über die Stränge schlägt, sollte man strikt werden, die Problematik ernsthaft aufzeigen und durchaus auch Taten setzen.


Gott vergibt, ein Narzisst nie. Der Narzisst bewegt sich dabei auf dünnem Eis, und unterschwellig weiß er das auch, denn als wichtige Ursache für den Narzissmus gilt Experten das Konkurrenz-, ja Bedrohungsgefühl vieler dieser Menschen, die andere immer auch fürchten, weil sie die eigenen Unzulänglichkeiten und Schwächen bloßstellen könnten. Und: Viele Narzissten sind unfähig, ehrlich zu verzeihen und sind damit oft nachtragend –
daher auch der bekannte Satz aus Psychotherapeuten-Kreisen: „Gott-Vater vergibt, ein Narzisst nie ...“.

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