Sonntag, 26. Mai 2019

Aktiv gegen Schmerzen

Ausgabe 04/2009
Menschen, die an Rheuma leiden, verspüren oft schon beim Anblick einer Treppe Schmerzen – auf Sport wird dann gerne verzichtet. Doch gezielte Bewegung steigert die Lebensqualität und hilft auch gegen Schmerzen.

Foto: photos.com
Schmerzen bei jeder Bewegung, ein hoher Verlust der Lebensqualität: Von Rheuma sind nicht nur ältere Menschen betroffen, sondern zusehends auch Kinder. Etwa zwei Millionen Österreicher leiden an dieser Erkrankung des Bewegungsapparates. „Rheuma“ heißt es heute landläufig, wenn Gelenke schmerzen oder die Knochendichte nachlässt. Hinter diesem Allgemeinbegriff verbirgt sich jedoch eine Vielzahl an Krankheitsbildern. So etwa leiden 40 Prozent der über 70-Jährigen an Arthrose, einer Abnutzung der Gelenke. Auch Osteoporose, also der Verlust der Knochendichte, ist ein rheumatisches Krankheitsbild, an dem fast eine Million Österreicher, meist Frauen, leiden. Und chronische Polyarthritis, eine entzündliche rheumatische Erkrankung, betrifft etwa 60.000 Menschen in Österreich. Gicht heißt die Stoffwechselstörung, bei der der Harnsäurespiegel erhöht ist und die vor allem bei Männern zwischen 30 und 45 Jahren auftritt. Auch von der entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule, besser bekannt als Morbus Bechterew, sind Männer häufiger betroffen.

Bewegung hält die Krankheit auf
Alle diese Erkrankungen haben eines gemeinsam: Betroffene büßen stark an Lebensqualität ein, weil jede Bewegung Schmerzen verursacht. Doch inzwischen gibt es eine Reihe von Studien, die zeigen, dass Bewegung und Sport den Krankheitsverlauf äußerst günstig beeinflussen. Prim. Dr. Burkhard Leeb, 2. Med. Abteilung am Landesklinikum Stockerau und Leiter des NÖ Kompetenzzentrums für Rheumatologie, weiß aus Erfahrung: „Patienten, die sich bewegen und Sport treiben, stärken ihre Muskelkraft und damit die Stabilität der Gelenke. Das bewirkt, dass die allgemeine Leistungsfähigkeit erhalten und sogar gesteigert werden kann.“ Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation rät Betroffenen dennoch, die sportlichen Ambitionen nicht zu übertreiben, sondern ein ausgewogenes Maß an Ausdauer- und Kraftsportarten wählen.

Welche Sportarten sind richtig?
So sehr es schmerzt und so schwer es fällt – Bewegung sollte als fixer Bestandteil im Alltag von Rheumapatienten integriert werden. Nicht empfehlenswert sind jedoch Sportarten, bei denen es zu stoßähnlichen Belastungen der Gelenke kommt, etwa bei Bewegungen wie Springen. Auch Tennis, Squash oder Badminton sind mit Vorsicht zu genießen. Rheumatologe Leeb: „Alle abrupten Bewegungen oder plötzliche Stopps sowie Stoßbelastungen sind ungünstig. Auch bei Kontakt- oder Kampfsportarten wie Fußball, Eishockey oder Judo ist die Verletzungsgefahr höher.“ Günstig hingegen sind Bewegungen, bei denen kein anhaltender Druck auf die Gelenke ausgeübt wird. Ideal sind Bewegungen im Wasser, Radfahren oder Tanzen – abgesehen von Rock’n- Roll-Sprüngen. Auch Langlaufen oder sanfte Gymnastik verhelfen zu neuer Energie. Dazu Leeb: „Grundsätzlich gilt: Richtig sind alle Sportarten, die man nicht neu erlernen muss.“ Auch ein schonendes Krafttraining an Geräten kann sehr positiv sein. Von Sportarten, die den Körper einseitig belasten, Fehlhaltungen fördern oder ein hohes Verletzungsrisiko bergen, raten Experten aber ab. Außer: Patienten haben eine ausgeprägte Leidenschaft für Reiten oder Handball und die Schmerzen bleiben in einem erträglichen Maße. Oberste Regel ist immer: Die Sportart sollte ein möglichst geringes Verletzungsrisiko aufweisen und keine übermenschlichen Belastungen verursachen.

Wer rastet, der rostet
Bereits in frühen Stadien merken die Patienten, dass die Schmerzen nachlassen, wenn sie ihre Gelenke erst einmal in Gang gebracht haben. Eine genaue Erklärung für dieses Phänomen gibt es nicht. Fachleute vermuten, dass Bewegung in den Gelenken den Stoffwechsel anregt und so Entzündungsstoffe abgebaut werden. Wenn es also nicht unbedingt Rugby oder Eishockey sein muss, ist Sport ein guter Weg, um den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen.

Wenn Patienten hingegen anfangen, sich wegen der Schmerzen zu schonen, rosten die Gelenke buchstäblich ein, sie versteifen. „Das ideale Trainingsprogramm besteht aus 30 Minuten Sport, angepasst an den Krankheitszustand – und das dreimal pro Woche“, empfiehlt Spezialist Leeb. Treten Schmerzen nach dem Sport auf, kann es einerseits ein Muskelkater sein. Das ist nichts Böses. Andererseits können aber Schmerzen während des Sports auch Signal einer Überlastung sein. Sprechen Sie sich also immer mit Ihrem Arzt ab!

Bewegung als Therapie
Wie ein abgestimmtes Training sind auch Heilgymnastik und Ergotherapie wesentliche Bestandteile der Behandlung bei rheumatischen Erkrankungen. „Diese Art von Therapie muss aber immer unter gezielter Anleitung stattfinden“, erklärt Rheumatologe Leeb. Dabei geht es um fließende Bewegungen, bei denen die Gelenke in einer Art „natürlicher Kettenreaktion“ beansprucht werden, wie etwa beim Hinsetzen oder Aufstehen. Richtig dosiert kann Bewegung wie ein Schmerzmedikament wirken. „Vor allem bei Fibromyalgie“, so Leeb, „gibt es Hinweise, dass durch Bewegung nicht nur die Schmerzen verringert, sondern auch die Medikamenteneinnahme gesenkt werden kann.“ Und noch ein Plus bringt Bewegung. Die Kilos purzeln fast von selbst und das entlastet wiederum die Gelenke. Der Schritt zu neuer Lebensfreude erfolgt dann fast von selbst!

Tipp: Info-Broschüren zum Thema „Rheuma & Bewegung“ gibt’s bei der Österreichischen Rheumaliga: Tel. 0699/ 155 41 679, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Webtipps:
www.rheumatologie.at
www.rheumaliga.at

So tut Bewegung gut
Jeder Rheuma-Patient braucht sein ganz persönliches, individuell zusammengestelltes Bewegungsprogramm – von schonender Gymnastik bis zu fordernden Sportarten:
  • Ergotherapie. Sie passt sich ganz den individuellen Erfordernissen des Alltags an. Erlernt werden ökonomische Bewegungen in Haushalt, Beruf und Freizeit, um die Gelenke zu schonen.
  • Physikalische Therapie. Je nach Krankheitsbild können Wärme- oder Kältetherapie, Massagen oder Elektrotherapie die Lebensqualität erheblich verbessern.
  • Gymnastik. Sanfte Übungen werden einzeln oder in der Gruppe, im Wasser oder als „Trockentraining“ ausgeführt.
  • Sport. Gut tun sanfte Bewegungsmuster, wie etwa Wandern, Radfahren, Schwimmen, Tanzen.
  • Vorsicht bei Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko oder jähen Bewegungen, wie Kampfsport, Mannschaftssport, Tennis oder Badminton.

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