Freitag, 24. Mai 2019

Abnehmen ohne Stress

Ausgabe 09/2013
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Für Übergewicht sind Gehirn und permanenter Stress verantwortlich, ist der Adipositas-Spezialist Achim Peters überzeugt. Um abzunehmen, sollte es daher heißen: Entschleunigen Sie!


Foto: Can Stock Photo Inc. - winterling

Permanenter Stress ist dafür verantwortlich, dass Menschen ständig und vor allem zu viel essen. Das besagt zumindest die sogenannte Selfish-Brain-Theorie. Um stressige Zeiten zu meistern, benötigt das „selbstsüchtige“ Gehirn nämlich sehr viel Energie, die es im Idealfall aus den Körperspeichern von Leber, Muskeln und Fettgewebe bezieht. Doch nicht bei allen funktioniert dieser Mechanismus, was zur Folge hat, dass die Betroffenen mehr essen, als sie eigentlich müssten.So die Theorie (freilich vereinfacht ausgedrückt), die Prof. Dr. Achim Peters, Internist an der Universitätsklinik Lübeck sowie Autor von „Das egoistische Gehirn“, ursprünglich für die Behandlung von adipösen, also fettleibigen Menschen entwickelt hat. Mag. Petra Wohlfahrtstätter vom Verband der Diaetologen Österreichs kann ihr jedenfalls einiges abgewinnen. „Wir alle kennen die Energiebilanz: Wenn wir mehr Kalorien konsumieren als wir körperlich verbrauchen, nehmen wir zu. Wir wissen, dass 7.000 kcal einem Kilogramm Körperfett entsprechen. Genauso ist uns klar, dass mehr Bewegung beim Abnehmen helfen würde. Doch all dieses Wissen hat uns in der Adipositas-Therapie bislang nicht wesentlich weitergebracht. Die Selfish-Brain-Theorie ist daher in gewisser Weise sogar revolutionär, da sie die Energiebilanz mit neurobiologischem Wissen kombiniert“, so die Innsbrucker Diätologin und Psychologin.

 

Stress ist nicht gleich Stress.

Probleme bereitet weniger der Stress, bei dem wir das Gefühl haben, ihn kontrollieren bzw. ihm nötigenfalls sogar ein Ende setzen zu können – nicht zu verwechseln mit dem sogenannten positiven Stress, der den Organismus positiv beeinflusst und etwa dann auftritt, wenn man ganz besondere Glücksmomente erlebt. Ebenso wenig ist es der Zeitdruck, der manche Menschen zum Kühlschrank rennen lässt, sondern vielmehr sind es psychische Belastungen, die über Monate oder Jahre an uns nagen: ob permanente Überbelastung oder Arbeitslosigkeit, ob Mobbing oder eine unglückliche Partnerschaft. Welche Reize tatsächlich Stress verursachen, ist freilich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und dementsprechend führt Stress auch nicht bei jedem dazu, dass er zunimmt. Laut Petra Wohlfahrtstätter gilt es, prinzipiell zwischen zwei Typen zu unterscheiden: „Typ A reagiert auf jahrelange Stressbelastungen eher mit Depressionen, isst nur mehr wenig, was unweigerlich mit einer Gewichtsabnahme einhergeht. Typ B hingegen kann mit Stress (besser) umgehen, das Gehirn benötigt dafür aber eben sehr viel Energie, ist allerdings nicht in der Lage, diese aus dem Körper zu ziehen, und reagiert mit Hunger. Diese Menschen haben dann einen solchen Hunger, dass sie essen müssen, obwohl der Kalorienbedarf eigentlich schon gedeckt ist und sie somit gar nicht anders können als zunehmen.“ Welcher Typ man ist, sei genetisch bedingt, was allerdings auch nicht bedeutet, dass sich übergewichtige Menschen ihrem Schicksal ergeben müssen. Vielmehr gilt: Je eher man weiß, welcher Typ man ist, desto eher und desto besser kann man sich mit Therapien und dem Aneignen neuer Verhaltensmuster auseinandersetzen.

 

Haifische und Tröstendes.

Achim Peters vergleicht Stress mit Haifischen, und um Stress (und damit Übergewicht bzw. Adipositas) zu vermeiden, sei die beste Strategie: Raus aus dem Haifischbecken! Raus aus der stressvollen Umgebung. Ist das nicht möglich, so müssen die Haifische zumindest verjagt werden, beispielsweise durch eine Anti-Stress-Therapie, in jedem Fall aber durch Entschleunigung. Kann man sich weder aus der Gefahrenzone der Haifische begeben, noch diese vertreiben, ist Gefahr in Verzug – wobei Peters davon überzeugt ist, dass der „dicke Typ B“ dann zumindest dank seines stabilen Gehirnstoffwechsels besser dran ist als der „dünne Typ A“, dem es an den nötigen Reserven fehlt. Ein in diesem Zusammenhang ebenfalls bekanntes Phänomen nennt sich Comfort Eating: Essen als Trost. Der Ausweg besteht darin, zu lernen, mit dem Hunger bzw. dem Hungergefühl umzugehen. Diätologin Wohlfahrtstätter ist sich bewusst, dass das schwierig ist: „Obwohl Hunger bislang noch viel zu wenig erforscht wurde, ist es eine Tatsache, dass wir beim Essen nicht etwa wie beim Rauchen oder Alkohol abstinent sein können.“ Das Problem ist, dass wir ständig Hunger haben werden und dass wir essen müssen, um zu überleben. Apropos Hunger: „Von Haus aus schlanke Menschen berichten“, so Petra Wohlfahrtstätter, „dass sie ein Diätprogramm mit 1.200 kcal am Tag niemals durchhalten könnten. Übergewichtige aber schaffen das und ziehen eine Diät durch, auch wenn sie danach wieder zunehmen. Diese Menschen sind alles andere als inkonsequent!“

 

Nur kein Stress.

Ob nun Kilos purzeln sollen oder nicht, eine gesunde, nicht zu kalorienreiche Ernährung in Kombination mit Bewegung ist der Schlüssel zum Schlank-Sein – oder vielmehr wäre, geht es nach der Theorie des selbstsüchtigen Gehirns. Neben all den (mehr oder weniger) guten Diät-Tipps braucht es also noch etwas anderes: Entschleunigung! Dazu müssen wir einerseits Pausen einlegen, und zwar indem wir sie regelrecht in den Tagesablauf integrieren bzw. einplanen. Wichtig ist, dass wir die freie Zeit dann auch als solche nutzen (und nicht etwa zum Rauchen, Telefonieren oder „Snacken“). Das heißt: Gehen Sie täglich eine halbe Stunde spazieren und/oder gönnen Sie sich regelmäßig ein paar Minuten Ruhe – während der Arbeit (Arbeitspausen sind rechtlich übrigens nicht nur vorgeschrieben, sondern werden sogar als „Ruhepausen“ bezeichnet), aber ebenso wenn Sie zu Hause sind, etwa weil Ihre Kinder noch klein sind. Andererseits geht es bei der Entschleunigung um die Achtsamkeit gegenüber sich selbst – die „innere Entschleunigung“ sozusagen. Laut Wohlfahrtstätter sollten wir immer wieder einmal innehalten und uns fragen: „Achte ich auf meine eigenen Bedürfnisse? Woher kommt der Stress? Muss ich wirklich so viel leisten? Was brauche ich jetzt, in diesem Moment? Will ich mich hinlegen oder bewegen? Brauche ich Ruhe oder ein Gespräch mit einem guten Freund? Habe ich tatsächlich Hunger? Anders gefragt: Handelt es sich um den körperlichen, den sogenannten Magenhunger? Oder empfinde ich ‚nur‘ seelischen Hunger – wir sprechen hier vom Mundhunger?“ Dass wir bei der Beantwortung ehrlich zu uns selbst sein sollten, steht indes außer Frage. Die Grundidee, die hinter der Entschleunigung steckt, stammt aus der Mindfulness Based Therapy, die zur Behandlung von Depressionen entwickelt wurde. Doch obwohl Übergewicht bzw. Adipositas (noch) nicht als Suchterkrankung anerkannt ist, können die darin entwickelten Verhaltensregeln (speziell die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) für jeden und insbesondere für adipöse Menschen hilfreich und sinnvoll sein.

 

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Abnehmen ohne Stress
Seite 2 Achten Sie auf sich!

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