Samstag, 07. Dezember 2019

Neue Hoffnung für Diabetiker

Ausgabe 2019.11

750.000 Österreicher leiden aktuell an Diabetes. Übergewicht und mangelnde Bewegung gelten als die Hauptursachen dieser folgenschweren Erkrankung. Die Forschung gewinnt immer mehr neue Erkenntnisse in der Behandlung und auch die Medizintechnik entwickelt sich rasant. Experten stellen in GESÜNDER LEBEN die neuesten Errungenschaften vor.


Foto: iStock-Charday Penn

Übergewicht und Bewegungsmangel haben eine ganze Reihe gravierender gesundheitlicher Folgen und gelten auch als Hauptursache der Diabeteserkrankung Typ 2. „80 Prozent aller Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig. Fast die Hälfte der österreichischen Bevölkerung ist übergewichtig und so gefährdet, an Diabetes zu erkranken“, sagt Primar Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Linz, anlässlich eines Vortrages beim Österreichischen Diabetestag Anfang Oktober in Wels. „Aktuell leiden bei uns rund 750.000 Menschen an Diabetes. Dies ist eine dramatische Steigerung gegenüber 2002 wo wir 400.000 Diabetiker zählten. Wir müssen“, so der Experte weiter, „zudem mit einer hohen Dunkelziffer rechnen, da Diabetes oft sehr spät und in vielen Fällen zufällig entdeckt wird.“ Denn: Diabetes tut nicht weh. „Frühe Stadien bei Typ 2 sind in der Regel asymptomatisch, allerdings schädigen erhöhte Blutzuckerwerte schon fünf bis zehn Jahre vor der Diagnose. Man spürt auch den Blutzucker kaum, ein Indiz kann eine erhöhte Infektanfälligkeit sein. Wenn es in der Familie Diabetes gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit der Vererbung allerdings sehr hoch.“ Hinzu kommt: „Diabetes wird oft verleugnet, nicht vor allen anderen, sondern vor sich selbst.“

Achten Sie auf erste Warnzeichen!
Mediziner Clodi stellt klar: „Erhöhte Blutzuckerwerte sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden, weitere Untersuchungen sollten stattfinden, um eine definitive Diagnose zu stellen. Ein bisschen Diabetes gibt es nicht!“ Dramatisch: Jeder Achte stirbt an den Folgen von Diabetes. Je höher der Blutzucker ist, desto mehr Probleme haben Diabetiker etwa mit Herzinsuffizienzen. Die Folgeerkrankungen betreffen den gesamten Körper, so etwa, führt Clodi die lange Liste der Erkrankungen an, „entwickelt sich eine nicht alkoholische Fettleber, eine Niereninsuffizienz, die zur Dialyse führt, es kommt zu Netzhautschäden, zu Zellschäden in den Nerven (oft durch Brennen oder Kribbeln an Händen und Füßen erkennbar), Arteriosklerose führt zu Schlaganfall und Herzinfarkt (70 Prozent aller Schlaganfälle und aller Herzinfarkte stehen in Zusammenhang mit Diabetes). In Österreich sterben jährlich 80.000 Menschen, davon 10.000 an den Folgeerkrankungen des Diabetes. Das heißt: Jeder Achte stirbt an Diabetes, das sind mehr Todesfälle als infolge einer Krebserkrankung.“

Jeder Meter zählt
In Österreich wird noch immer falsch und vor allem deutlich zu viel gegessen. Laut jüngstem Ernährungsbericht sind 41 Prozent der erwachsenen Bevölkerung (18 bis 65 Jahre) übergewichtig – 12 Prozent davon adipös. Und: Bereits jedes fünfte Kind sowie jeder vierte Jugendliche sind zu dick; 40.000 der 10- bis 18-Jährigen sind eindeutig fettleibig. Seit Jahren schon warnt die Wissenschaft, dass unsere Kinder zu viel und unausgewogen essen. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Bewegung – nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern. Mediziner Clodi: „Der moderne Mensch kommt heute nur mehr auf ein Viertel der Bewegung verglichen mit der Bevölkerung des Mittelalters“ – und das obwohl der menschliche Körper für die Bewegung gebaut ist und alle Funktionen direkt oder indirekt mit Bewegung in Zusammenhang stehen. „Jeder Meter, den sich der Mensch bewegt, zählt“, sagt Clodi. „Wesentlich bei einer Diabetes-Therapie ist auch der Aufbau der Muskelmasse. In Studien konnten wir nachweisen, dass sich ausreichende körperliche Bewegung sehr positiv niederschlägt. Diabetiker, die sich viel bewegen, haben bis zu 40 Prozent weniger Komplikationen.“ Fazit: „Medikamentöse Behandlung ersetzt keinesfalls die wesentliche Therapie: Abnehmen und Bewegung!“

Von der Umprogrammierung von zellen bis zur Gentherapie

Naturwissenschafterin Ing. Dr. Angelika Heißl, MSc forscht an der Johannes Kepler Universität Linz im Fachgebiet Molekulargenetik.
In GESÜNDER LEBEN erklärt die Expertin, was die Zukunft für Diabetiker bereithält.

Behandlung mit Teplizumab
Es laufen einige Studien zu Therapien, die das Ausbrechen des Diabetes verzögern oder gar verhindern sollen. Eine davon ist die Behandlung mit einem monoklonalen Antikörper Teplizumab. Dieser blockiert eine Untergruppe der T-Zellen, welche unter Verdacht stehen, an der Zerstörung der insulinproduzierenden β-Zellen in der Bauchspeicheldrüse beteiligt zu sein. Die Behandlung dauerte 14 Tage und eingeschlossen waren insgesamt 76 Studienteilnehmer, darunter 55 Personen unter 18 Jahren, bei denen zwar noch keine Typ-1-Diabeteserkrankung diagnostiziert wurde, allerdings ein hohes Diabetesrisiko aufgrund naher Verwandter mit T1DM, hohe Autoantikörpertiter und bereits erste Anzeichen eines gestörten Glukosestoffwechsels im Blut nachgewiesen werden konnte. 44 Personen erhielten das Medikament und 32 Personen wurden mit einem Placebo behandelt. Im Vergleich zur Placebogruppe, bei der pro Jahr 35,9 Prozent an Typ-1-Diabetes erkrankten, waren es in der Teplizumab-Kohorte nur 14,9 Prozent. Zusätzlich konnte man den Ausbruch um durchschnittlich zwei Jahre hinauszögern. Weitere Studien laufen bereits.

zuckerstoffwechsel

Zellen „umprogrammieren“
Ein weiterer Ansatz liefert die Erkenntnis, dass sich eine Subpopulation der β- Zellen vor dem Immunsystem „versteckt“ und die Produktion von Insulin einstellt. Dadurch können diese auch weiter überleben. Nun testet man, ob man diese Zellen wieder umprogrammieren kann, damit sie wieder Insulin produzieren können. Man muss aber dabei auch in das Immunsystem eingreifen, da ja eine Autoimmunität ein Leben lang besteht. Für die Therapie sind Insulinpumpen gar nicht mehr aus dem Repertoire der Medizin wegzudenken. Daher testet man nun auch an bihormonellen Systemen, welche neben Insulin auch Glukagon spritzen können. Im Falle eines Unterzuckers wird Glukagon abgegeben, welches die Speicherform der Glukose, das Glycogen aus der Leber, mobilisiert und so zur Erhöhung des Blutzuckerspiegels im Falle eines Unterzuckers beiträgt. Das (bislang) noch ungelöste Problem: Sobald der Leberspeicher entleert ist und keine Glukose über Nahrung aufgenommen wird, trägt eine weitere Abgabe von Glukagon nicht mehr zum Anstieg bei.

Gentherapie
Die Genetik leistet einen erheblichen Beitrag am Entstehen von Diabetes Typ 1 und 2. Für den Typ 1 wurden etwa 50 Risikogene und für den noch komplexeren Typ 2 etwa 150 beteiligte Risikogene bestimmt. Daher gibt es gezielte Gentherapiestudien, bei denen man versucht, die betroffenen „veränderten oder kranken“ Gene mithilfe der Genschere CRISPR/Cas gegen intakte Gene zu tauschen. Da aber nicht nur die Genetik selbst, sondern auch die Epigenetik, also die Verpackung und Modifizierung der DNA, eine Rolle spielt, forscht man auch in diese Richtung. Mit der Epigenetik können gezielt Gene an- und abgeschaltet werden. Ein Beispiel: Eineiige Zwillinge sind zwar genetisch zu 100 Prozent ident, sehen sich aber nicht immer komplett bis ins letzte Detail ähnlich, und das liegt an der etwas unterschiedlichen Aktivierung oder Inaktivierung von Genen. Dazu gibt es auch bekannte Beispiele wie die Agouti-Mäuse. Ohne die Markierung an der DNA (DNA-Methylierung) wird das Agouti-Gen abgelesen und die Mäuse sind hell und adipös. Ist die DNA markiert (mit Methylgruppen versehen), so ist die Maus klein und gesund. Auch in diese Richtung wird momentan geforscht, da man mit unserer industriell geprägten Ernährung, Rauchen, Alkohol, Stress und Umwelteinflüssen die Epigenetik verändert.

Hilfe für die Blutgefäße
Eine weitere Studie befasst sich mit der Problematik der Neuropathie, einer Erkrankung des peripheren Nervensystems, die aufgrund einer schlechten Therapieeinstellung entstehen kann. Ein hoher HbA1c (Glykohämoglobin-Wert) und große Blutzuckerschwankungen führen zur Verdickung der Basalmembrane der Blutgefäße, weshalb diese nur mehr schlecht mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden können und dadurch absterben. Bislang gab es noch keine wirklichen Modelle, an denen man diese Blutgefäßveränderungen studieren konnte und daher stehen zur Behandlung auch nur wenige Medikamente zur Verfügung. Dem Team um Dr. Wimmer in der Arbeitsgruppe von Dr. Penninger am IMBA Wien ist es nun gelungen, Blutgefäße in der Petrischale nachzuzüchten und dort auch die typischen Veränderungen durch den Diabetes hervorzurufen. Mittlerweile konnte, auch bereits eine Substanz entdeckt werden, die diesen Prozess gezielt wieder reversibel machen kann. Da man nun auch gezielt Medikamente testen kann, ist das ein großer Schritt in die Zukunft, der Betroffenen vielleicht schon bald weiterhelfen kann.

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