Sonntag, 18. August 2019

Die Last der süßen Lust

Ausgabe 05/2011

„Die Sucht nach Süßem steht anderen Süchten um nichts nach", sagt TV-Arzt Prof. Siegfried Meryn, „wichtig ist aber, dass Naschkatzen nach dem Schokoriegel für sportlichen Ausgleich sorgen."


Foto: istockphoto.com - Bettina Letz Wenn wir an die Ernährungsgewohnheiten früherer Zeiten denken, steht rasch das Bild von Männern, die urzeitliche Tiere jagen, vor Augen. Die Wahrheit ist: Fleisch stand bei unseren Urahnen nur höchst selten auf dem Speiseplan, denn sonst wäre das Überleben der Art wohl kaum sicherzustellen gewesen. Gemüse, Getreide, Früchte liefern stoffwechseltechnisch betrachtet die am leichtesten verwertbare Energie. Weil es günstig war, kräftig zuzugreifen, wann immer diese Kohlenhydrate verfügbar waren, hat sich im Lauf der Evolution eine genetisch veranlagte Lust auf Süßes durchgesetzt. Im Gehirn setzt Süßes Prozesse in Gang, die wir sonst nur von Genussmitteln oder Glückspillen aus der Pharmaküche kennen: Es beginnt den Neurotransmitter Serotonin auszuschütten, der zu den wichtigsten Stimmungsmachern unserer Psyche zählt. Viel davon macht happy, ein Mangel führt zu Gereiztheit und Stimmungsschwankungen.

Obwohl Nahrung inzwischen im Überfluss vorhanden ist, hat sich die Lust auf Süßes bis heute erhalten. Bei Frauen sogar noch stärker als bei Männern, weil sie generell über einen niedrigeren Serotoninlevel verfügen. Das erklärt, warum Frauen öfter ein mehr als emotionales Verhältnis zu Schokolade haben und auch, warum Diäten wirklich üble Laune machen können.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass die Sucht nach Süßem anderen Süchten um nichts nachsteht: In einem Versuch bekam eine Gruppe von Ratten extrem zuckerreiche Kost, die andere Normalkost, aber dafür eine tägliche Dosis Morphin. Nach einiger Zeit injizierten die Forscher beiden Gruppen Naloxon, einen Wirkstoff, der die Wirkung von Opioiden aufhebt. Dass die zweite Gruppe unter starken Entzugssymptomen litt, war zu erwarten. Doch auch die Nager mit der süßen Kost zeigten die gleichen Symptome – ein Indiz, dass auch zuckerreiche Kost zu körperlicher Abhängigkeit führen kann.

Bis zum 17. Jahrhundert war Zucker so etwas wie ein Grundnahrungsmittel, danach galt er plötzlich als gefährlicher Giftstoff. Inzwischen stellt sich aber heraus, dass Zucker zwar dick machen kann – davon abgesehen aber kein eigener Risikofaktor für die Gesundheit ist. Für Naschkatzen heißt das: Wer nach dem Schokoriegel für sportlichen Ausgleich sorgt, darf ruhig zulangen. Und wird dabei nebenher auch rasch merken, dass Bewegung im Körper für genau die gleiche Sonderration Glückshormone sorgt wie Sachertorte & Co.


Buchtipp:
Wer gesund stirbt, hat mehr vom Leben,
Siegfried Meryn und Christian Skalnik, Ecowin Verlag, € 19,95

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