Samstag, 04. Juli 2020

Mein Leben mit bipolarer Störung

Ausgabe 2020.05
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Jahrzehntelang trug Tanja Schmid eine Maske aus unterdrückten Gefühlen und verdrängten Traumata. Bis der Selbstbetrug seinen Tribut forderte: Ihre bipolare Störung, ein Wechsel aus depressiven und manischen Phasen, kostete sie beinahe das Leben. Heute hat Schmid ihre innere Ausgeglichenheit wiedergefunden. 


Foto: © privat beigestellt

 

Die Narben sieht man heu - te noch, zwei auf jedem Handgelenk und eine große am Hals. Es sind Be - weise und Erinnerungen daran, dass Tanja Schmid vor acht Jahren ganz am Ende war, alles hinter sich lassen wollte, weil, davon war sie überzeugt, es sich nicht mehr lohne. Und zwar überhaupt nichts. „Ich wollte nieman - dem weiterhin zur Last fallen“, erin - nert sich die heute 42-jährige Kärnt - nerin, die bereits seit vielen Jahrzehn - ten in Wien lebt. Der Versuch, sich das eigene Leben zu nehmen, war keine Kurzschlussreaktion, gibt sie zu, auch wenn schließlich alles ganz schnell ging: „Da es mir bereits über einen län - geren Zeitraum hinweg sehr schlecht ging und ich damals nicht gewusst habe, was mit mir los war, hatte ich bereits über verschiedene Arten des Suizids nachgedacht, um endlich von meinem seelisch unerträglichen Lei - den erlöst zu werden.“ Letztendlich war es eine Wahnvorstellung, die Tan - ja Schmid zu dieser Verzweiflungstat trieb. Eine Tat, die nicht nur Hilfe schrei, sondern auch der Beginn einer Krankheit war, die bis heute Teil ihres Lebens ist: eine bipolare Störung.

Buchtipp

cover1Tanja Schmid

SCHICKSALSSCHLÄGE. WIE DAS LEBEN MIT MIR SPIELT

CreateSpace Independent
Publishing Platform
86 Seiten, € 10,69

Schicksalsschläge
Heute könne sie den Selbstmordver - such nicht mehr nachvollziehen, meint die Mutter einer zweijährigen Tochter. Aber: „Wenn ich meine Narben be - trachte, sehe ich einen brutalen Aus - bruch meiner Seele als Spiegel meiner Vergangenheit.“ Schmids Leben ist eines, das von Höhen und Tiefen ge - prägt ist, ein Leben voller Schicksals - schläge, aber auch ein Leben, das schlussendlich „ein Weg zur Selbstfin - dung“ war, wie Schmid heute erkennt. Der erste Wendepunkt in ihrem Leben kam mit dem Tod des geliebten Opas, den sie nach einem epileptischen An - fall tot im Schwimmbecken fand. „Das löste in mir ein Trauma aus. Ich ver - kroch mich in mein Zimmer und war sehr lange Zeit nicht ansprechbar.“ Ein Erlebnis, das sie nachhaltig prä - gen sollte: „In dieser Zeit verspürte ich nicht das Bedürfnis zu weinen, son - dern nur mehr Kraft und Stärke. Mit diesem gewonnenen Gefühl begann ich, mir fortan eine Maske aufzuset - zen, um somit weiter stark zu bleiben und meine anderen Empfindungen gekonnt zu unterdrücken.“ In ihren Jugendjahren kam sie noch zwei wei - tere Male dem Tod gefährlich nahe: Einmal, als sie nur knapp einem Hai - angriff entkam, sowie kurze Zeit spä - ter, als „ich eines Abends mit Papa im Gartenhaus war, auf einmal die Gaskartusche explodierte und im Nu alles anzündete“. Der Vater hatte schwere Brandwunden erlitten, ihr selbst war nichts passiert. Ihr Papa war schwerer Alkoholiker, die Mutter ließ sich von ihm scheiden, Schmid wechselte mehr - mals den Wohnort. Stabilität wollte sich lange Zeit in ihrem Leben keine einstellen. Als junge Erwachsene ver - lor sie die Mama an Lungenkrebs, am Todestag konnte sie nicht bei ihr sein. „Diese Erlebnisse waren tiefe Stiche in mein Herz, und dadurch, dass ich sie stets verdrängt und nicht verarbeitet hatte, haben sie sicher einen Teil zur Entstehung meiner bipolaren Störung beigetragen“, zeigt sich Schmid heute erstaunlich reflektiert.

Ganz unten ...
Das Leben mit einer Maske als Selbst - schutz, das Verdrängen, zusätzlich der große Hang zum Perfektionismus und, wie man heute weiß, die genetische Vorbelastung seitens des Vaters for - derten schließlich ihren Tribut: Schmid fiel mehrere Monate lang in ein tiefes schwarzes Loch der Depression. „Es ist ein Gefühl purer Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Ich mied soziale Kontakte und zog mich immer mehr zurück. Ich konnte wochenlang nicht mehr schlafen und wurde immer schwächer. Somit wurden für mich auch einfache Auf - gaben zu großen Hindernissen.“ Als der Oberarm zu schmerzen begann, wandte sich Schmid an einen Arzt, der sie aller - dings mit Verdacht auf eine Panikatta - cke und einer Schlaftablette wieder entließ. Schmids Angst und Verzweiflung wuchs, ihr Zustand verschlechterte sich. Bis es am 19. Juni 2012 zur Verzweiflungstat kam, nachdem sie überzeugt war, eine imaginäre Kralle würde mit den Wor - ten „Komm zu mir!“ immer wieder nach ihr greifen. „In der Badewanne schnitt ich mir viermal in die Handge - lenke und zwar so tief, dass bereits die Knochen zum Vorschein kamen. Um auf Nummer sicher zu gehen, schnitt ich mir noch kräftig in den Hals.“ Gespürt habe sie dabei nichts – und wäre nicht der Lebensgefährte in diesem Moment ins Badezimmer geplatzt und hätte die Rettung gerufen, Schmids Geschichte wäre wohl hier zu Ende.

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