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Ausgabe 2019.09

Egal ob in der Natur oder in einer Halle: Klettern und Bouldern sind die neuen Trendsportarten. Wie bei keinem anderen Sport wird der gesamte Körper, aber auch die Psyche beansprucht. Und lustig ist’s auch.


Foto: © Salzburgerhof

René ist für jeden Spaß zu haben. Egal ob Wandern, Festivals oder andere Dinge, die junge Leute halt so machen – der 36-jährige Niederösterreicher ist dabei! Da verwundert es fast ein bisschen, dass es bis 2012 dauerte, bis er die Faszination des Klettersports für sich entdeckte. „Ich wollte spezifisch etwas für meinen Oberkörper und Rücken tun.“ Mittlerweile ist René routinierter Kletterer, der auch vor kräftigen und überhängenden Routen nicht zurückschreckt. Zusammen mit seiner Lebenspartnerin Kerstin, 34, ist ein- bis zweimal wöchentlich Klettern beziehungsweise Bouldern angesagt. Im Sommer draußen in der wunderschönen Natur, im Winter ganz praktisch in der Halle.

Trendsport Klettern
Diese Hallen schießen seit geraumer Zeit wie die berühmten Schwammerl aus dem Boden, auch immer mehr Hotels entdecken den Trendsport Klettern für sich. „Klettern ist in“, bestätigt Klettertherapeutin Sarah Wechner aus Wien. Nicht überraschend für die Expertin: „Klettern ist ein sehr vielfältiger Sport. Und er weckt im Menschen den kindlichen Urinstinkt, wo raufklettern zu wollen. Zudem bringt einem das Klettern wie kaum ein anderer Sport an Grenzen, wo man sich stark mit sich selbst auseinandersetzen muss. Zum Beispiel bei Höhenangst oder der Angst, zu scheitern.“ Vor allem aber ist es der gesundheitliche Aspekt, der Klettern so besonders macht: „Beim Klettern wird der gesamte Körper effektiv beansprucht.“ Der Fortschritt ist nicht nur sichtbar, sondern kann buchstäblich schwindelerregend hoch werden: Je geübter und fitter man wird, desto höher geht es hinauf – ein gutes oder, wie René es nennt, „unbeschreibliches Freiheitsgefühl“.

Wie fliegen!

Kletterfans erzählen
„Seit meinem Unfall, bei dem ich mir den zweiten Lendenwirbel gebrochen habe, betreibe ich ein- bis zweimal wöchentlich Klettersport. Seitdem habe ich keine Rückenschmerzen mehr. Es fasziniert mich, dass ich dabei von den alltäglichen Problemen abschalten kann.“
Wilfried, 52 Jahre

„Uns gefallen Aufwärmübungen am besten. Auch, dass wir bis ganz nach oben, bis zu den hohen Fenstern, klettern können, ist voll cool! Das fühlt sich wie fliegen an. Wir sind die Besten im Kletterkurs!“
Noah & Finn, 6 Jahre

„Beim Bouldern macht mir besonders die Vielseitigkeit Spaß. Auch wenn man viele Bewegungen übertragen kann, ist jeder Boulder einzigartig und eine neue Herausforderung. Für jeden Boulder muss man sich zuerst mal eine Lösung überlegen.“
David, 26 Jahre

„Wir haben unsere Rückenbeschwerden endlich in den Griff bekommen. Das gemeinsame Klettern mit dem Partner hat den Vorteil, dass bereits ein starkes Grundvertrauen vorhanden ist.“
Nina (33 Jahre) und Bernhard (36 Jahre)

Klettern oder Bouldern?
Wechner erklärt den Unterschied: „Wenn von Sportklettern die Rede ist, meint man Klettern am Seil, bei dem der sportliche Faktor im Vordergrund steht. Es wird versucht, Routen, oft an der Leistungsgrenze, in einem bestimmten Begehungsstil zu bewältigen.“ Unter Bouldern wiederum versteht man das Klettern in Absprunghöhe, ohne Seil. „Dabei werden sowohl in der Halle als auch am Fels Matten verwendet, um sich bei einem Sturz oder Absprung zu sichern. Bouldern ist also alleine möglich. Beim Sport- oder Alpinklettern am Seil benötigt man grundsätzlich einen Sicherungspartner.“ Ob man Klettern oder Bouldern bevorzugt, ist nicht zuletzt eine Frage des Geschmacks, meint die Expertin. „Im Allgemeinen braucht es beim Klettern am Seil eher mehr Ausdauer und beim Bouldern mehr Kraft.“

Ganzkörpertraining
Wechner betont zwar, dass Beweglichkeit beim Klettern „enorm wichtig, aber natürlich auch davon abhängig ist, in welcher Intensität man diesen Sport betreibt“. Sie ist aber davon überzeugt, dass grundsätzlich jeder des Kletterns fähig ist: „Das Schöne ist, dass man bis ins hohe Alter viel Freude an diesem Sport haben kann. Auch viele Menschen mit Behinderung finden im Klettersport ihre Leidenschaft.“ Sowohl die Muskeln als auch die Kraftausdauer werden beim Klettern trainiert, gleichzeitig werden auch unsere Sehnen gedehnt. „Wir klettern mit dem ganzen Körper“, so Wechner. „Insbesondere beansprucht werden die Arme, der Schultergürtel sowie der gesamte Rumpf, also die Bauch- und Rückenmuskulatur.“ Sogar die im Alltag oft vernachlässigte Fingermuskulatur wird gestärkt. Klettern gilt unter vielen Experten gar als effektiver als das Trainieren an Geräten. Diese Meinung teilt auch Wechner: „Aus meiner Sicht ist Klettern als ‚Krabbeln in der Vertikalen’ funktioneller als ein reines Gerätetraining, da es in einem gesamten Bewegungsmuster ganze Muskelketten trainiert.“ Die positive und nachhaltige Auswirkung des Kletterns auf den eigenen Körper bestätigen auch René und Kerstin. „Ich merkte sehr bald eine Verbesserung der Arm- und Fingerkraft sowie der Koordination“, so Kerstin. René ist beim Erzählen besonders stolz: „Als ich zu klettern und bouldern begann, konnte ich keinen einzigen Klimmzug. Nach dem ersten Trainingsjahr – und nach meiner Gewichtsabnahme – waren es bereits 13! Auch mein Gleichgewichtsgefühl sowie meine Feinmotorik haben sich verbessert.“


 

Im Moment leben
Nicht nur der Körper, auch unsere Psyche profitiert vom „Kraxeln“. Zum einen wird die Koordinationsfähigkeit trainiert, gleichzeitig lernt man erneut, im Moment zu leben: Jeder Tritt, jeder Griff muss sitzen. Wenn es an einer Route mal nicht weitergeht, heißt es: nicht die Nerven verlieren! Etwas, das sich auch im Alltag anwenden lässt: „Ich kann heute Stresssituationen besser meistern“, berichtet René. Wie Kerstin schätzt er sportliche Herausforderungen. „Am Bouldern liebe ich, wenn es neue Probleme bei der Route gibt. Dann tüftle oder trainiere ich so lange, bis ich es schaffe. Wenn man nach vielen Versuchen eine Route endlich gemeistert hat, ist das eine große Genugtuung.“ Zusätzlich absolvierten die beiden ein Sturztraining. „Nun lassen wir uns auch regelmäßig fallen, wenn wir gemeinsam klettern“, so Kerstin. Das erweitert nicht nur die eigene Komfortzone, sondern stärkt auch das gegenseitige Vertrauen, ist sie überzeugt. „Ich liebe die gemeinsame Zeit beim Klettern.“

Die besten Kletterhotels

GESÜNDER LEBEN präsentiert Hotels, die sich besonders auf Kletterfans spezialisiert haben.

Südtirol:
Kletterhotel Störesi
Dank 1.000 Klettertouren, 100 Klettergärten sowie zahlreicher Klettersteige mit Mehrseillängen bleibt kein Kletterwunsch unerfüllt. Wer indoor üben möchte, tobt sich auf der 11x5 Meter großen Wand und in der mit 20 Quadratmetern riesigen Boulder-Area aus. Ein professioneller Kletterlehrer bringt Anfängern in Kursen für Kinder und Erwachsene die besten Tricks und Skills bei.
www.hotelstores.it

Vorarlberg:
Hotel Adleri
Bouldern in der Halle, Klettern an den Kletterwänden (Schwierigkeitsgrad 3 bis 8), im Klettergarten oder an den Klettersteigen beziehungsweise entlang der alpinen Routen des Arlbergs, der sich in unmittelbarer Nähe befindet: Langweilig wird es bestimmt nicht! Das urige, aber doch moderne Hotel befindet sich im Bergdorf Warth, das nach einer ausgiebigen Klettertour zum Entspannen einlädt.
www.hoteladler.at

Salzburg:
Salzburgerhof
Ein wahres Kletterparadies: Schon von Weitem sticht die 15 Meter hohe Außenkletterwand ins Auge. Der 250 Quadratmeter großer Kletterbereich bietet 19 verschiedene Routen, die sowohl für Einsteiger als auch für Fortgeschrittene maximalen Kletterspaß garantieren. Highlight ist der beeindruckende Wasserfall entlang der Steinfassade, der im Winter zur Eiskletterwand wird! Bei Schlechtwetter wird im 50 Quadratmeter großen Boulderraum gekraxelt.
www.salzburgerhof.eu

Kärnten:
Heidi Hoteli
Das Kinderhotel am malerischen Falkertsee macht unsere Kleinen zu ganz großen Kletterprofis: Auf einer zwölf Meter hohen Übungswand können Kinder, entlang einer farblich gekennzeichneten Route und natürlich immer top gesichert, ausprobieren, wie es ist, abenteuerlustige Bergsteiger zu sein. Geübtere Kletterer toben sich beim Kinder-Klettersteig aus: An der Spitze des echten Felsens wartet eine rasante Fahrt mit einer 100 Meter langen Seilrutsche!
www.heidi-hotel.at

Steiermark:
Hotel Schwaigerhof
Neben einem umfang- und abwechslungsreichen Wellness- und Spa-Bereich wird für Sportbegeisterte ein Fitnessraum sowie eine Sporthalle geboten – und eine Boulderwand, die es in sich hat: Auf circa 50 Quadratmetern und auf einer Höhe bis 3,25 Metern finden sich 300 Griffe und über 15 abwechslungsreiche Routen in unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden. Der Zwei-Meter-Riesenüberhang sowie der überhängende Schiffsbug sorgen für kreative Erlebnisse an der Wand.
www.schwaigerhof.at

Tipps für Anfänger
Alle, die noch nicht so geübt sind wie René und Kerstin, die mittlerweile verschiedene Sportarten mit dem Klettern verbinden, beispielsweise Bergsteigen und Paragleiten, sollten einige Anfänger-Tipps beachten, rät Expertin Wechner: „Wichtig ist, zu verstehen, dass unsere Muskulatur und unser Kreislaufsystem sich schneller an eine neue Situation anpassen können als unsere Sehnen. Diese brauchen ein bis zwei Jahre, um sich an neue Belastungen zu gewöhnen.“ Um Verletzungen vorzubeugen, so die Klettertherapeutin, sollte man deshalb in dieser Zeit vor allem die Klettertechnik trainieren „und unbedingt auf Zeichen des Körpers hören, also zum Beispiel nicht mit Schmerzen klettern“. Kurse bei Kletterlehrern bieten sich natürlich an.

Therapieklettern
Übrigens gibt es Klettern auch auf Krankenschein: Dann spricht man vom „therapeutischen Klettern“. Hier verfolgt man ein bestimmtes Ziel, zum Beispiel den Muskelaufbau des Rückens nach einem Bandscheibenvorfall. Dazu Wechner: „Beim sportlichen Klettern geht es meist darum, raufzukommen, in der Therapie viel mehr um das Wie und unter Einsatz welcher Muskeln beziehungsweise Gelenke.“ Grundsätzlich ist therapeutisches Klettern für die Rehabilitation vieler Verletzungen geeignet, so Wechner. Eingesetzt wird es in den Bereichen der Orthopädie/Traumatologie, in der Neurologie und in der Therapie mit Kindern. Oft behandelte Krankheitsbilder sind Skoliose und andere Rückenbeschwerden. 

 

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