Montag, 20. Mai 2019

Kreative Köpfe

Ausgabe 10/2009
Kann man Kreativität lernen, und was ist sie überhaupt? Gibt es den „Kuss der Muse“, was unterscheidet Künstler von anderen schöpferischen Menschen, und wie setzt man sein kreatives Potenzial im Alltag um?

Foto: natulrich - fotolia.com
Jeder ist ein Künstler!“ Dieses berühmte Zitat stammt von dem deutschen Aktionskünstler Joseph Beuys, der damit in den siebziger Jahren nicht weniger wollte als die Kunstwelt revolutionieren. Doch wie sieht man die Sache heute? „Wenn man den Begriff Kunst sehr weit fasst und ihn so interpretiert, dass jeder Mensch in der Lage ist, sich selbst und seine Umwelt zu gestalten, dann stimmt dieses Zitat“, sagt der Kunsttherapeut, Dipl.-Päd. Ernst Johannes Wittkowski, der davon überzeugt ist, dass Kreativität in jedem Menschen von Geburt an angelegt ist. „Im Grunde sind wir alle in der Lage, kreativ zu handeln, was nicht bedeutet, dass wir dabei auch Kunst erzeugen.“

Das sieht auch der Gesamtkünstler Monte, der sich in seinem bildnerischmusikalischen Werk von der Luftigkeit von Klebebändern inspirieren lässt, so: „Wenn ich ein Butterbrot essen will und kein Messer habe, aber entdecke, dass es zur Not mit dem Schuhlöffel auch geht, dann ist das ein kreativer Akt.“ Davon, dass jeder Mensch ein Künstler ist, will Monte aber nichts wissen: „Ein Postulat wie das von Joseph Beuys verursacht mir Gänsehaut. Es erscheint mir wie eine Art Zwangsbeglückung. Warum sollte man den Menschen aufoktroyieren, was sie sein sollen? Viele wollen lieber Bankangestellte, Verkäufer oder Mechaniker sein, was nicht heißt, dass sie dabei nicht auch kreativ sein können!“

Kann jeder kreativ sein?
Tatsächlich gestalten wir ja alle unsere Welt immer wieder auf schöpferische Weise. Frauen und Männer kochen fantasievolle Menüs, Lehrer gestalten ihre Unterrichtsstunden lebendig und immer wieder neu, Anlageberater erfinden immer neue Gründe, warum es doch sinnvoll ist, ihnen Geld anzuvertrauen usw.

Trotzdem haben die meisten Menschen das Gefühl, nicht kreativ zu sein oder sein zu können, und die Frage ist, ob man schöpferische Kraft (wieder) erlernen kann. Auf jeden Fall, meint der Kunsttherapeut Wittkowski. „Eigentlich geht es nur darum, das, was sowieso in uns angelegt ist und was gesellschaftliche Mechanismen verschüttet haben, wieder auszugraben.“

Leicht gesagt, meinen Sie? Dann stellen wir dem Experten doch die Frage, wie das am besten zu bewerkstelligen ist. „Eine wichtige Voraussetzung ist, festgefahrene, im Laufe des Lebens erworbene Konzepte und Handlungsmuster über Bord zu werfen. Das heißt, man muss sich auch lösen von der gesellschaftlichen Atmosphäre des Leistungszwangs und den relativ eindimensionalen Verwirklichungsmustern. Was im Vordergrund stehen muss, ist das „Du darfst!“, dann kann es so weit kommen, dass man an den Punkt kommt, wo schöpferisches Handeln passiert und neue Lösungen möglich werden.“

Machen Sie den Kopf frei
Wer das will, sollte die im Kopf zuhauf existierenden fixen Pläne und Ziele am besten vergessen, nicht darüber nachdenken, wie man am schönsten einen Kopf zeichnet oder was einen Text literarisch anspruchsvoll macht. Die Kunsttherapeuten arbeiten deshalb auch mit Methoden wie dem Malen mit geschlossenen Augen oder dem schnellen Zeichnen von Skizzen im Minutentakt. Wittkowski: „So gelingt es oft, die die Kreativität behindernden kognitiven und kontrollierenden Mechanismen zu unterlaufen und zu echter Gestaltungskraft zu kommen.“ Eine zweite wichtige Voraussetzung dafür sei es, die Aufmerksamkeit aus dem Kopf in den Körper zu lenken: Spüren und wahrnehmen ohne zu beurteilen ist angesagt.

Der kreative Stachel
Nach diesen Mustern arbeiten übrigens auch viele „echte“ Künstler, doch was unterscheidet sie eigentlich von anderen kreativen Menschen? „Der Künstler trägt einen Stachel antreibt, bewusst oder unbewusst Kunst zu schaffen, und ich glaube, dass dieser Stachel von einem steckt. Ignoriert man ihn und wendet sich einem anderen Beruf zu, wird man immer unzufrieden sein, weil man einem Impuls nicht nachgibt, was dann ganz schön weh tun kann“, meint Monte, für den Kunst vor allem auch mit Auseinandersetzung zu tun hat: „Das ist nicht nur ein eruptiver Akt in einem orgiastischen Zustand, sondern auch eine ernsthafte Konfrontation mit der spezifischen Disziplin, die man als Stachel in sich trägt.“

Sind Nicht-Künstler freier?
Etwas anders sieht Kunsttherapeut Wittkowski den Unterschied zwischen „echten“ Künstlern und anderen Kreativen. „Der Künstler, der von seiner Kunst lebt, muss sich genauso wie alle anderen nach den Gesetzen des Markts richten, etwas Besonderes präsentieren und seinen außergewöhnlichen persönlichen Wert verkaufen. Der kreative Mensch hingegen bezieht sich nicht auf das, was der Markt oder die Gesellschaft verlangt, sondern ist offen für alles, was er wahrnimmt, hat sich seine Lebendigkeit bewahrt und lebt sie auch.“ Das tut auch der etablierte Künstler, doch Wittkowski beobachtet, dass Künstler auch in ihren einmal gefundenen Konzepten stecken bleiben können. „So gesehen beinhaltet die Bezeichnung Künstler nicht unbedingt, dass jemand auch kreativ ist, und die Bezeichnung Kreativer schließt nicht aus, dass jemand auch Kunst entstehen lässt.“

Das hohe Lied der Volkshochschule
Zum Schluss noch ein Musenkuss von Monte für alle, die mehr und noch mehr Kreativität in sich entdecken wollen: „Erstens bin ich ein Fan von Volkshochschulen, wo man wunderbar malen, zeichnen, schreiben und musizieren lernen kann, und zweitens empfehle ich die Volkshochschule, die man sich selber macht.“ Gemeint ist ein Umfeld, in dem man das ausleben kann, was man in sich spürt. „Wenn man sich für Kunst interessiert, wird man zwangsläufig immer wieder auf Menschen treffen, die das auch tun oder sogar Kunst ausüben. Da wird man halt bei einer kleinen Tschecherei einen kennen lernen, der malt oder musiziert, und dann lädt man den und ein paar andere zu sich nach Hause ein, und dann wird man bei einem Glasl Wein sitzen und zeichnen oder was auch immer. Das ist wunderbar!“


BUCHTIPPS:
Kreativität – Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff ; Hartmut von Hentig, Verlagsgruppe Beltz, € 9,90
Kreativität – Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden; Mihaly Csikszentmihalyi, Verlag Klett -Cotta, € 32,90
Kreativität – ein Trainingsprogramm für Alltag und Beruf; Siegfried Preiser und Nicola Buchholz, Verlag Asanger, € 23,00

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