Dienstag, 17. September 2019

Jogging fürs Gehirn

Ausgabe 09/2012
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Täglich fordern wir von unserem Gehirn Höchstleistungen ein. Grund genug, diesem äußerst aktiven Organ dafür die nötigen Voraussetzungen zu bieten. GESÜNDER LEBEN zeigt, wie Sie Ihre grauen Zellen auf Trab halten können.


Der Autoschlüssel war doch eben noch in der Tasche und scheint jetzt spurlos verschwunden zu sein. Wie lautet die Telefonnummer der besten Freundin? Und wie hieß noch gleich der nette Tischnachbar, mit dem man sich bei der letzten Feier so gut unterhalten hat und der einem jetzt zufällig im Supermarkt wieder über den Weg gelaufen ist? Mangelnde Konzentration, Stress sowie Informations- und Reizüberflutung führen oft zu Vergesslichkeit im Alltag. Doch damit muss man sich nicht abfinden. Mit der richtigen Mischung aus körperlichem und geistigem Training, Entspannung und richtiger Ernährung können Gedächtnisleistung und Reaktionsvermögen deutlich gesteigert werden.

Bewegung hält unser Hirn fit. Inzwischen ist es wissenschaftlich belegt, dass durch Sport neue Gehirnzellen entstehen. Schwedischen Forschern gelang es im Jahr 1998 zu belegen, dass das Gehirn kein fixes Bündel ist, sondern es bis ins hohe Alter frische Nervenzellen bildet. Seither weiß man, dass sich jeden Tag einige tausend Neuronen im Hippocampus eines Erwachsenen – das ist jene Region im Gehirn, die für das Lernen und Abrufen von Inhalten verantwortlich ist – dazugesellen und mit neuen Synapsen vernetzen. Die Nachwuchszellen sind „frischer“, das heißt stimulierbarer als ihre „Neuronen-Veteranen“ und können laut einer Studie von Prof. Dr. Gerd Kempermann, Hirn- und Stammzellenforscher an der Technischen Universität Dresden, durch Bewegung nicht nur vermehrt, sondern auch erhalten bleiben. „Körperliche Aktivität und ein Leben in reizreicher Umgebung steigern die Nervenzellneubildung im Hippocampus, dem sogenannten ,Tor zum Gedächtnis‘“, so Kempermann im Gespräch mit GESÜNDER LEBEN. Vor allem Ausdauersportarten wie Laufen, Wandern, Schwimmen, Radfahren, Tennisspielen oder einfach Treppensteigen und Tanzen halten unser Gehirn fit und steigern das Denkvermögen – vor allem auch bei älteren Menschen. Laut Univ.-Prof. Dr. med. Peter Dal-Bianco von der Wiener Universitätsklinik für Neurologie konnten Forscher bei 349 gesunden über 55-Jährigen beobachten, dass diejenigen mit guter Herz- und Lungenfitness ihre geistige Leistungsfähigkeit im Verlauf der sechs Beobachtungsjahre auf demselben Niveau halten konnten, während jene mit schlechter Fitness sich kognitiv verschlechterten. Dal-Bianco: „Wer bis ins hohe Alter körperlich aktiv bleibt, hält seine grauen Zellen in Schwung.“

Gehen macht schlau. Wer ein Scherflein nachlegen und seinen Geist herausfordern möchte, kann sich während eines leichten Ausdauertrainings, wie z. B. einer Joggingrunde, Aufgaben stellen und beispielsweise auf alles Blaue, das einem auf der Tour begegnet, achten bzw. auch die verschiedenen Farbtöne benennen. „Gehen scheint tatsächlich einen schützenden Effekt auf unser Gehirn auszuüben“, ist auch Dr. Katharina Turecek, Leiterin des Instituts für Gehirntraining in Wien, überzeugt. „Der tägliche Spaziergang kann für unser Gehirn das sein, was der Apfel für unsere Gesundheit ist. Wer zusätzlich während der körperlichen Bewegung seine Hirnzellen anstrengt, verstärkt diesen Effekt.“ Schon bei Kindern existiert eine enge Korrelation zwischen der Entwicklung der Bewegungsfähigkeit und ihrem geistigen Scharfsinn. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Vorschulkinder mit höheren motorischen Fähigkeiten auch geistig den Gleichaltrigen überlegen sind. Viel Bewegung – sowohl im Kindergarten, in der Schule als auch in der Freizeit – unterstützt somit auch das Denk- und Konzentrationsvermögen sowie die Kreativität der Kinder.

Wandern liefert Ideen. Apropos Kreativität: Warum viele Menschen behaupten, beim Wandern oder Joggen die besten Ideen zu haben, könnte daran liegen, dass die Gehirnregionen, die das Gehen kontrollieren, dicht neben jenen liegen, die das Denken steuern. Außerdem fördert die Bewegung in freier Natur die Sauerstoffzufuhr, die für unser Gehirn lebensnotwendig ist. In jedem Fall sorgt Bewegung dafür, den Kopf frei von informativem Ballast zu machen, wodurch wieder Platz für Neues entsteht und dem Gehirn „Treibstoff“ gegeben wird. „Das Gehirn kennt nur Bewegung“, erklärt Hirnforscher Kempermann. „Alles, was das Gehirn verlässt, ist motorisch, auch Sprechen und Schreiben sind motorische Aktivitäten. Gehirne sind entstanden, um Bewegung in der Welt zu ermöglichen. Da liegt es nahe, dass Bewegung für das Gehirn das Natürlichste der Welt ist. Man darf ihm diesen Reiz nicht vorenthalten.“

Gehirnjogging im Alltag
Dr. Katharina Turecek, Leiterin des Instituts für Gehirntraining in Wien (www.a-head.at) empfiehlt folgende Alltagstipps, um seine grauen Zellen in Schwung zu halten:   
  • Eine Übung, die unser Gedächtnis trainiert und glücklich macht heißt „Best of Today“: Wenn Sie am Abend entspannt auf der Couch sitzen, überlegen Sie sich, welcher Augenblick des Tages besonders angenehm war. Häufig sind das schöne Kleinigkeiten, wie das Lächeln eines Kindes oder eine nette Begegnung. Versuchen Sie, sich diese kleinen Höhepunkte des Tages in Erinnerung zu rufen. Am Ende der Woche werfen Sie einen Blick zurück und überlegen, an wie viele schöne Momente Sie sie noch erinnern können.
  • Wenn Sie ein Navigationsgerät haben, schalten Sie es ab und zu aus und trainieren Sie Ihren Orientierungssinn.
  • Wählen Sie nicht alle Telefonnummern über den Telefonspeicher. Beginnen Sie mit der Nummer, die Sie am öftesten wählen und tippen Sie sie händisch ein. Sie werden merken, dass Sie die Nummer innerhalb kürzester Zeit auswendig können.
  • Schreiben Sie nur Listen, wenn es wirklich sein muss und vertrauen Sie stattdessen öfter auf Ihr Gedächtnis.
  • Lernen Sie Kochrezepte auswendig und nehmen Sie sich vor, möglichst viele Gerichte frei kochen zu können.

Für weitere Informationen empfehlen wir das Buch „1-Min-Gehirntrainer“. Außerdem erscheint im Oktober 2012 das Buch „Geistig fit ein Leben lang“ (beide Bücher: Krenn Verlag), in dem sich Antworten auf Fragen zu den Themen Altersvergesslichkeit und Demenz finden.


Brainjogging für die geistige Fitness. Auch Denksportaufgaben wie Schachspielen, das Lösen von Kreuzworträtseln oder Sudokus können anregend sein. Multimedia-Shops bieten etliche Computerspielen an, die mentale Stärkung versprechen. Und wer in Internet-Suchmaschinen nach Denksportaufgaben sucht, stößt auf diverse Onlineportale mit entsprechenden Übungsbeispielen. Sie alle vereint das Ziel, die Leistungsfähigkeit von Geist und Gedächtnis zu steigern. Empfehlenswert sind jene Brainjogging-Aufgaben, die beide Gehirnhälften beanspruchen. Also nicht – wie die meisten Spiele – nur die linke Seite, die für Logik, Verstand und Daten verantwortlich ist, fordern, sondern auch die rechte Seite nicht vernachlässigen. Diese steuert das räumliche Vorstellungsvermögen, das fotografische Gedächtnis und die Fantasie. Außerdem sollte das Gehirntraining abwechslungsreich und herausfordernd sein. Turecek: „Das allererste Sudoku, das Sie in Ihrem Leben gelöst haben, war ein hervorragendes Training. Das tausendste Sudoku, das Sie selbst in der höchsten Schwierigkeitsstufe mit Leichtigkeit und nebenbei ausfüllen, ist schon weniger wirksam.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Jogging fürs Gehirn
Seite 2 Gehirnjogging im Alltag

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