Sonntag, 17. Februar 2019

Faszination Faszien

Ausgabe 2018.02

Faszien, unser Bindegewebenetz, das den ganzen Körper durchzieht und umhüllt, waren bis vor wenigen Jahren völlig unterschätzt. Jetzt weiß man von ihrer Bedeutung für unser Wohlbefinden.


Foto: iStock-alvarez

Wer selber kocht, weiß, wie Faszien aussehen: Die silbrig-weiß glänzende hauchdünne Schicht, die beispielsweise einen Rindslungenbraten umhüllt und in das Muskelfleisch übergeht – das ist das sehnige Bindegewebe, auch Faszie genannt. Doch Faszien sind und können viel mehr. Schließlich findet man sie in unterschiedlichster Form in unserem ganzen Körper. „Faszien sind die strukturgebenden Gebilde unseres Körpers, ein Netzwerk, das alles durchzieht. Sie geben dem Körper Form, er würde sonst auseinanderfallen“, erklärt Dr. Christa Reinthaller, Ärztin für Allgemeinmedizin mit Spezialgebiet Craniosacrale Osteopathie in Wien und Neulengbach. „Ohne Faszien gibt es keine Bewegung. Würde man die Faszienhüllen eines Muskels auflösen, zerfließt der Muskel zu Brei. Man kann sich das so vorstellen wie die Haut vom Frankfurter Würstel. Faszien halten alles zusammen.“

Die Faszien in unserem Körper

Mediziner unterscheiden drei Faszienarten:

Oberflächliche Faszien liegen im Unterhautgewebe und bestehen aus lockerem Faszien- und Fettgewebe. Sie verbinden sämtliche Organe und Gewebe miteinander, speichern Fett und Wasser, dienen als Puffer und ermöglichen die Verschiebbarkeit der Organe.
Tiefe Faszien besitzen die meisten Fasern und umgeben jeden einzelnen Muskel, sämtliche Knochen und Gelenke. Dazu gehören auch Sehnen, Sehnenplatten, Bänder und Gelenkskapseln. Innerhalb des Muskels trennen sie die einzelnen Muskelfasern voneinander, damit diese nicht aneinander reiben.
Viszerale Faszien dienen der Aufhängung und Einbettung der inneren Organe und des Gehirns. Jedes einzelne Organ ist zum Schutz mit einer doppelten Faszienschicht ausgestattet. Dazu gehören beispielsweise die Hirnhaut, der Herzbeutel, das Brustfell und das Bauchfell.

Faszien geben Form – und Leben. Das bandförmige, reißfeste und kollagenreiche Bindegewebe ist zwischen 0,5 und 3 Millimeter dick. Es besteht u. a. aus Kollagenfasern, Wasser und verschiedenen Klebstoffen. Diese Kombination sorgt für Stabilität, Elastizität und Gleitfähigkeit. So geben die Faszien unserem Körper Halt, ermöglichen geschmeidige Bewegungen und erlauben sogar eine sanfte Verschiebung der Organe. Als netzartiges und überaus komplexes Gewebesystem umhüllt das Fasziengewebe nicht nur Muskeln, Knochen, Sehnen und Bänder, sondern sämtliche Organe unseres Körpers, wie Herz, Lunge, Darm, Nieren oder Blutgefäße. Als Zwerchfell trennt es Brust- und Bauchraum. Es verbindet alles miteinander, hält sämtliche Teile des Körpers zusammen und fixiert sie am richtigen Platz. Erst durch das Fasziengewebe kann ein zusammenhängender Organismus entstehen. Doch die Aufgaben der Faszien gehen noch weiter: Aufgrund ihrer hohen Wasserbindefähigkeit sind sie ein wichtiger Wasserspeicher. Und als Barriere erschweren sie Fremdkörpern das Eindringen und sind so an der Abwehrfunktion des Körpers maßgeblich beteiligt. Außerdem befinden sich Makrophagen, die zum Immunsystem gehören und pathogene Mikroorganismen enzymatisch auflösen können, im Fasziengewebe.

Sinnesorgan Faszie. Faszien besitzen außerdem zahlreiche sensorische Rezeptoren, die auf mechanische und chemische Reize sowie Temperaturschwankungen reagieren. Daher wird das Fasziengewebe häufig auch als Sinnesorgan bezeichnet. In den Faszien liegen auch alle peripheren Nervenenden, also jene Nerven, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegen. Daher weisen die tiefen Faszien eine große Anzahl potenzieller Schmerzrezeptoren auf, die sowohl unmittelbar auf Verletzungen der Faszien selbst als auch auf die der Nerven reagieren. „Umso erstaunlicher, dass erst in den letzten Jahren vermehrtes Augenmerk auf die Faszien gelegt wird. Vor 30 Jahren hat sich niemand Gedanken gemacht, was sie bedeuten und wofür sie gut sind“, sagt Dr. Christa Reinthaller. Das liegt vielleicht daran, dass man Faszien lange nicht untersuchen konnte. Knochen kann man röntgen, die Aktivität von Muskeln lässt sich mittels Elektromyografie (EMG) untersuchen. Heute kann man aber vor allem im hochauflösenden Ultraschall zeigen, wie das Bindegewebe aussieht.

Schmerzen? Denken Sie an Ihre Faszien! Sind die Faszien verklebt, verhärtet oder verletzt, kann das zu diversen Schmerzen führen. Angefangen bei Bauch-, Nacken-, Schulter-, Rücken- und Gelenksschmerzen – bis hin zu Schmerzen, die durch den ganzen Körper wandern. Wenn Sie also unter Schmerzen leiden, deren Ursache nicht gefunden wird, lohnt es sich, einen Faszientherapeuten aufzusuchen. Neben der manuellen, physiotherapeutischen Behandlung und speziellen Bindegewebsmassagen zeigen Akupunktur, Osteopathie, Craniosacraltherapie oder Rolfing gute Erfolge. Dr. Reinthaller schwört etwa auf Craniosacrale Osteopathie: „Ich arbeite immer im Bereich der Faszien, wir nennen das Membranen. Die Behandlung beginnt mit der Dura Mater, der harten Gehirnhaut. Sie überzieht das ganze Gehirn, trennt die rechte und linke Gehirnhälfte und unterteilt Groß- und Kleinhirn, und sie überzieht das ganze Rückenmark. Der sogenannte Liquor, die Gehirnflüssigkeit, umspült das Gehirn und fließt pulsierend auch im Rückenmark. Diese Pulsationswellen gehen vom Gehirn aus und pflanzen sich durch den ganzen Körper fort. Wenn irgendwo eine Verkrampfung oder Verspannung ist, spürt man die Blockade. Denn es hängt ja alles zusammen durch die Faszien, der ganze Körper ist ein Flüssigkeitsraum. Im Bindegewebe findet meine Diagnostik statt, dort bekomme ich meine Informationen. Durch feinste Druckänderungen meiner Hände auf den Körper bekommt das Bindegewebe die Information, loszulassen.“ Die Ärztin empfiehlt diese „nonverbale Kommunikation über Finger nicht nur nach physischen Verletzungen wie Unfällen, sondern auch bei psychischem Stress, der sich immer auch als Verkrampfung oder Erstarrung des Bindegewebes auswirkt“. Und was kann man selber tun, um seine Faszien zu pflegen? Dr. Reinthallers klare Antwort: „Am wichtigsten ist Bewegung, weil das Bindegewebe dadurch elastisch bleibt, verbunden mit frischer Luft, gesunder Ernährung – und viel Wasser trinken. Ganz schlecht ist viel Stress und viel sitzen.“

Bewegung ist das Um und Auf. Claus dal Sasso ist Physiotherapeut und Heilmasseur in Baden (NÖ), auch er arbeitet im Bereich der Faszien: „Der Mensch ist geboren, um sich zu bewegen! Wenn man wenig Bewegung macht, verkleben die Faszien, es entstehen Störfelder und die einzelnen Zellen bekommen nicht mehr genügend Nährstoffe. Unser ganzes Bindegewebe könnte man mit Zahnrädern vergleichen, die ständig in Verbindung sind und wo eines in das andere greift. So gehen die oberflächlichen Faszien vom Gesicht bis zu den Zehenspitzen.“ Claus dal Sasso rät dazu, sich zu dehnen, aber auch viel zu gehen und zu laufen. Auch Yoga, Tai-Chi oder Qigong tun den Faszien gut. „Natürlich gibt es auch einige Geräte, mit denen man zu Hause die Faszien trainieren kann, wie etwa die Faszienrolle.

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