Mittwoch, 22. Mai 2019

Bewegung glücklich!

Ausgabe 2013/04

Etliche Studien beweisen: Sport macht glücklich. Aber wieso? Was geht in unserem Gehirn und unserer Seele vor, wenn wir unseren Körper in Bewegung bringen? Wir haben bei Experten nachgefragt.


Foto: Can Stock Photo Inc. - pressmaster

Die Muskeln vibrieren, der Körper ist warm, die Muskeln entspannen sich, ein seelisches Hochgefühl macht sich breit. Körper und Geist verschmelzen zur Einheit. Sportmuffel werden es nicht gerne hören, zahlreiche internationale Studien belegen aber: Wer sich bewegt, ist glücklicher. Wer regelmäßig joggt, Rad fährt, schwimmt oder ins Fitnessstudio geht, wird das eingangs beschriebene Glücksgefühl kennen. Jeden einzelnen Muskel zu spüren und zu strapazieren ist nicht nur Wellness für den Körper, sondern auch für die Seele. Berühmt beispielsweise ist der „Runner’s High“, ein Hochgefühl, das sich nach Marathonläufen einstellen kann und vergleichbar mit einem Drogenrausch ist. Heißt das, dass nur Extremsportler Glücksgefühle empfinden können? Nein – denn Sport fängt schon im Kleinen an. „Aus medizinischer Sicht bedeutet Sport: körperliche Bewegung, die in der Lage ist, die Leistungsfähigkeit des Körpers zu verbessern, indem Muskulatur, Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel angeregt und entwickelt werden“, erklärt Sportmediziner Prof. Dr. Paul Haber. Dazu gehört auch Bewegung im Alltag, wie zum Beispiel Treppensteigen, Spazierengehen oder sogar (ausgiebiges) Putzen. Alles ist besser, als nur faul auf der Couch zu liegen, betont Haber: „Organe, Muskulatur und Kreislauf sind dafür da, um bewegt zu werden – nur dann funktionieren sie richtig.“

Chemie für die Seele. Was aber geschieht in unserem Körper, dass wir uns während und nach dem Sport besser fühlen? „Während der Bewegung werden aus der Muskulatur heraus eine Vielzahl von molekularen Substanzen produziert, die als Kettenreaktion verschiedene Empfindungen hervorrufen“, erklärt Haber. Da Sport eine körperliche Belastung ist und für das Gehirn anfangs Stress bedeutet, schüttet der Körper das Protein BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) aus. Dieses Protein hat eine schützende Funktion für unsere Nervenzellen – einer der Gründe, wieso man sich nach dem Sport entspannt fühlt. Gleichzeitig produziert der Körper Endorphine, die sogenannten Glückshormone. Endorphine helfen, Stress abzubauen, Ängste zu lösen und lindern sowohl Hunger als auch Schmerzen. Zudem schüttet der Körper unter Belastung eine ganze Reihe anderer Hormone aus, u. a. Dopamin (regt unser Belohnungssystem an), Serotonin (steigert das Gefühl von Zufriedenheit), Adrenalin (Stresshormon) und Kortison (schmerzstillend). Diese chemischen Effekte bewirken, dass vom Sport nicht nur der Körper, sondern auch die Seele profitiert.

Stolz und selbstbewusst. Apropos Seele: Sport sorgt für einen Ausgleich zwischen Körper und Geist. Dazu Sportpsychologin Mag. Uli Puhr: „Sport als bewusster Schnitt zwischen Berufs- und Privatleben hilft, sich von den Problemen der Arbeit zu distanzieren und den Fokus auf Privates zu lenken.“ Sport lässt Probleme und Stress für kurze Zeit vergessen, da man sich auf die Bewegungsabläufe und seinen Körper konzentriert. Besiegt man den berühmten inneren Schweinehund, wird das schlechte Gewissen erleichtert, da man etwas für seine Gesundheit tut. Werden zudem der Bauch flacher und die Muskeln größer, steigert dies das Selbstbewusstsein. Aber nicht nur der attraktive Körper, sondern auch das Erreichen von gesundheitlichen bzw. sportlichen Zielen lässt den Selbstwert steigen. Haber definiert das Sporttraining als „Absolvieren einer Aufgabe – schafft man diese, ist man stolz auf sich und man fühlt sich wohl“. Puhr warnt aber davor, sich zu hohe bzw. unrealistische Ziele zu setzen, um Frustration – und körperliche Schäden –  zu vermeiden. „Um mit Sport glücklich zu werden, sollten Spaß und die Freude an der Bewegung im Vordergrund stehen und nicht das Erfüllen eines Trainingsplans oder das Erreichen eines Leistungsziels“, betont die Expertin. „Je mehr Sport bzw. Bewegung um seiner selbst willen gemacht wird, desto eher trägt er dazu bei, dass ich mich glücklich fühle.“  

Training als Medikament. Sich glücklich zu fühlen fällt manchen jedoch schwer. Depressive Menschen haben einen zu niedrigen Serotoninspiegel, der mit Antidepressiva wieder gehoben werden soll. Erstaunlich: Studien belegen, dass Sport aufgrund der vermehrten Serotonin-Ausschüttung des Körpers eine ähnliche, wenn nicht sogar dieselbe Wirkung auf Depressionen hat wie Medikamente. „Training wird bei Depressionen zum Medikament“, so Haber. Was nicht bedeutet, dass der Patient sofort die vom Arzt verschriebenen Psychopharmaka absetzen kann oder soll. Allerdings, da ist sich Haber sicher, hilft Sport, die Medikamentendosis schneller zu verringern. Aber Achtung: Eine antidepressive Wirkung setzt nur dann ein, wenn regelmäßig trainiert wird! Psychologin Puhr sieht den Grund, wieso Sport positiv auf Depressionen wirkt, v. a. in der – für diese Krankheit typischen – Antriebslosigkeit. „Wenn ich mich zu regelmäßiger Bewegung, und sei es Gartenarbeit, motivieren kann, habe ich den ersten Schritt auf dem Weg aus der Depression eingeschlagen.“

Launiger Sport. Aber, zugegeben: Zehn Minuten in der Woche auf dem Fahrradergometer tragen nicht sehr viel zum persönlichen Glücksgefühl bei. Haber empfiehlt drei Stunden in der Woche effizientes Work-out, aufgeteilt auf zwei oder drei Wochentage, um das Glücksgefühl dauerhaft aufrechtzuerhalten. Vom täglichen Training rät er jedoch ab, da es wichtig sei, seinem Körper auch Erholung zu gönnen. „Bewegung soll flächendeckend in den Alltag integriert werden“, empfiehlt Haber. Deshalb ist es wichtig, nur jenen Sport auszuüben, der Freude bereitet. Eine bestimmte Sportart für bzw. gegen eine bestimmte Laune gibt es jedoch nicht. Puhr empfiehlt ehrgeizigen Menschen aber jene Sportarten, die keinen Wettkampfcharakter besitzen, sodass sie einen Gegenpol zu ihrem Ehrgeiz haben. Gestressten und ehrgeizigen Menschen rät die Expertin zu Yoga oder Tai-Chi. Ob Ausdauersport glücklicher macht als Kraftsport, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Sowohl Haber als auch Puhr verneinen dies, auch wenn Haber der Meinung ist, „dass Laufen eine gute Methode ist, um innere Konflikte abzuarbeiten“. Kraftsport aber, so der Experte, sei dafür psychisch herausfordernder, da er durch kurze, aber intensive Kraftanstrengung kleiner Muskelgruppen gekennzeichnet ist. Hier setzt das Hochgefühl erst nach dem Training ein, während sich beim Ausdauersport das Wohlbefinden schon währenddessen einstellt. Haber: „Die Idealform von Bewegung ist ein Mix aus Ausdauer- und Krafttraining.“

Bis ins hohe Alter. Ziel ist es, das gesamte Leben hindurch seinen Körper in Bewegung zu halten – bis ins hohe Alter. „Es ist nie zu spät, aktiv an seinem Glück, am Glücklichsein und einem erfüllten Leben zu arbeiten“, ist Puhr überzeugt. Auch Haber betont, dass man weder im Alter noch im Falle einer chronischen Krankheit aufhören soll, Sport zu betreiben. Allerdings solle man sich von einem Arzt beraten lassen, welche Sportart für einen am besten ist bzw. sich von einem Profi die Bewegungsabläufe genau erklären lassen. Aber nicht nur der Körper, auch das Gehirn profitiert von regelmäßigem Training. Denn das BDNF-Protein wird auch mit Lern- und Gedächtnisprozessen in Verbindung gebracht; das Gehirn wird also wie ein Muskel trainiert. Studien belegen, dass sportliche Menschen seltener an Demenz erkranken als Sportmuffel. Dazu Haber: „Sport hat einen nachhaltigen Einfluss auf die kognitiven Leistungen des Gehirns.“

Bewegen Sie sich glücklich. Die Experten sind sich einig: Ja, man kann auch ohne Sport glücklich sein. Aber er trägt maßgeblich zu einem glücklichen Leben bei. Ausreden, sich nicht aufs Fahrrad zu schwingen oder eine Runde joggen zu gehen, gibt es nun keine mehr. Denn jeder wünscht sich, glücklich zu sein. Worauf also noch warten?

 

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