Sonntag, 25. Oktober 2020

Besser wohnen im Alter - Interview

Ausgabe 2015.11
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Interview

„Wir werden mehr adaptierbare Wohnungen bauen müssen.“

GESÜNDER LEBEN im Gespräch mit dem Salzburger Architekten und Ziviltechniker Dipl.-Ing. Franz Seidl über das Wohnen im Alter.

Gesünder Leben: Wie gefragt sind derzeit Gebäude, in denen mehrere Generationen miteinander leben?
Dipl.-Ing. Franz Seidl: Grundsätzlich haben immer Generationen in Häusern gewohnt. Bei Neubesiedelungen von großen Neubauten ist es in den letzten Jahrzehnten allerdings dazu gekommen, dass speziell junge Menschen und Jungfamilien in geförderte Wohnungen eingezogen sind und eingewiesen wurden. Generationenübergreifend zu leben, halte ich für besonders wichtig. Natürlich kann das auch zu Konflikten führen, allerdings werden diese derzeit überbewertet.

GL: Was sind die Vorteile, wenn Menschen unterschiedlichen Alters Wohnraum teilen?
Der Vorteil leitet sich aus der Großfamilie der früheren Zeit ab: Gegenseitige Hilfe und Hilfeleistungen sind sehr komplikationslos und schnell zu organisieren, ob es nun darum geht, dass die Älteren sich bei der Betreuung der Kinder einbringen oder die Jüngeren für die Älteren Arbeiten übernehmen, die diese nicht mehr alleine schaffen.

GL: Welche Schwierigkeiten gibt es zu meistern?
Im Vordergrund steht natürlich die unterschiedliche Sozialisation, aber auch Differenzen, wenn es um die Lebenseinstellung geht. Wobei es unerheblich ist, ob man sich nun der konservativen oder der freien Gesellschaft zugehörig fühlt – rigide Grenzen sind in beiden Gruppen vorhanden. Der zweite große, potenzielle Konfliktherd liegt beim Lärm. Da geht es vor allem um Kindergeschrei, laute Musik und Lärmbelästigung durch das Fernsehgerät.

GL: Über all das lässt sich doch reden?
Natürlich braucht es, damit sich alle mit dieser Wohnform wohlfühlen, eine gute Gesprächskultur, mit Verständnis und Rücksichtnahme.

GL: Wohnungen und Häuser müssen den sich im Alter ändernden Bedürfnissen oft erst angepasst werden. Wie schwierig ist die Adaption?
Da gibt es eine große Bandbreite: von gar nicht möglich bis einfach zu bewerkstelligen. Hier hilft ein guter Architekt.

GL: Welche Umbauten sind besonders aufwendig?
WC-Anlagen und Bäder, die sowohl für ältere als auch beeinträchtigte Menschen verwendbar sind, Aufstiegshilfen bei Treppen und ausreichend Bewegungsraum.

GL: Und welche sind nötig?
Das muss individuell abgeklärt werden. Im Allgemeinen gilt: Ältere Personen, die schon lange in ihrer Wohnung leben, können in ihrer vertrauten Umgebung meistens gut damit umgehen. Sie haben kleine Schwellen oder vorstehende Möbel intus und haben die Stellen, wo sie sich anhalten können, im Kopf. Wenn die Mobilität sehr eingeschränkt ist und Gehhilfen oder Rollstühle notwendig sind, dann sind enge Gänge, Stiegen und Stolperstufen, aber auch Küchen- oder Badeinbauten, hohe Schränke, zu hoch angelegte Klingeln, Postkästen und Schalter das Problem, das es zu lösen gilt.

GL: Wird heute so geplant, dass ein Umbau fürs Alter berücksichtigt wird?
In nahezu jeder Wohnbauförderung ist barrierefreies Bauen, adaptierbare Badezimmer und der Einbau von Liftschächten zum Nachrüsten verankert. Bei frei finanzierten Wohnungen und Häusern gehört es nach wie vor nicht zum Standard, da achten meistens nur ältere Käufer auf Barrierefreiheit.

GL: Wann ist es sinnvoll, einen Aufzug einzubauen?
Ab drei erreichbaren Geschoßen. Wobei auch die bauliche Vorsorge eine gute Lösung darstellt, da die Lifttechnik sich sehr schnell entwickelt und dadurch immer mehr individuelle Lösungen möglich werden.

GL: Und Treppenlifte?
Sie sind bei ausreichend Platz in Privathäusern eine gute Lösung. Und: Der Einbau ist auch temporär möglich. Es gibt auch schon sehr bequeme Stockwerks- bzw. Wohnungslifte.

GL: Mit welchen Investitionen muss man rechnen?
Das kann von wenigen Tausend Euro bis zur Komplettsanierung eines Gebäudes gehen. Barrierefreiheit gilt ja nicht nur für das unmittelbare Wohnumfeld – besonders im öffentlichen Bereich muss Barrierefreiheit gewährleistet werden.

GL: Mit welchen Förderungen darf man rechnen?
Es gibt eine breite Palette an Förderungen von Bund, Ländern und Gemeinden. Da muss man sich individuell erkundigen.

GL: Welche Visionen haben Sie als Architekt?
Der sozial engagierte und zukunftsorientierte Architekt wird die Barrierefreiheit immer mitdenken bei jedweder gestalterischen Idee.  

GL: Wie werden wir in Zukunft – immer in Verbindung mit möglichen Gebrechen oder anderen Alterserscheinungen – wohnen?
Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, ausreichend Wohnraum für die Bedürfnisse älterer Menschen zu schaffen. Die demografische und gesellschaftliche Entwicklung ist nicht vorhersehbar, sicher ist derzeit nur so viel: Wir werden mehr adaptierbare Wohnungen bauen müssen, die derzeitigen fünf bis acht Prozent sind zu wenig.

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