Montag, 16. September 2019

Aus Liebe zu mir

Ausgabe 2016.12-2017.01
Seite 1 von 2

Kaum jemanden behandeln wir so schlecht wie uns selbst. Doch ständige Selbstkritik macht krank. Selbstmitgefühl hingegen zeigt einen Ausweg aus der Misere. Das Rezept ist simpel: Behandeln Sie sich so, wie Sie einen geliebten Menschen behandeln würden. Und beginnen Sie damit heute!


Foto: Can Stock Photo - AntonioGuillem

Typisch, dass du die Prüfung wieder nicht geschafft hast“, „Du bist wirklich viel zu dick“, „Kein Wunder, dass auch diese Beziehung gescheitert ist, es liegt an dir.“ Stellen Sie sich vor, es gäbe einen Menschen in Ihrem Leben, der Sie immer wieder auf diese Art und Weise kritisieren würde, wenn etwas schiefgeht, etwas Schmerzhaftes passiert, wenn Sie einen Fehler machen oder wenn Sie geknickt sind. Diese Person würden Sie wohl ehestmöglich aus Ihrem Freundeskreis streichen, richtig? Und dennoch hat ein Großteil von uns genau so jemanden ständig im Ohr. Unser unnachgiebiger Kritiker sitzt uns jedoch nicht gegenüber, er wohnt in unserem Inneren. Während wir Partner, Freunde und Familienmitglieder selbst dann trösten und in den Arm nehmen, wenn sie richtig Mist gebaut haben, sind wir im Umgang mit uns selbst oft unser größter Richter. „Es gibt kaum jemanden, den wir so schlecht behandeln und so ungnädig beurteilen wie uns selbst“, schreibt Kristin Neff. Die Psychologin hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Umstand zu ändern. Im Zentrum ihrer Wissenschaft steht das Selbstmitgefühl, ein Begriff, den die US-Amerikanerin geprägt hat. Es bedeutet, sich selbst so zu behandeln, wie wir es mit einem geliebten Menschen tun würden. Die These klingt simpel: Jene, die nachsichtig und liebevoll mit sich selbst umgehen und Verständnis für ihre Fehler und vermeintlichen Mängel zeigen, erleben mehr Wohlbefinden als jene, die hart mit sich ins Gericht gehen.

Buchtipp

buch1Dr. Patrizia Collard,
„Das kleine Buch vom achtsamen Leben“
Heyne Verlag, 96 Seiten, € 7,99
Die einfachen Achtsamkeitsübungen führen in Minutenschnelle zu innerer Klarheit, Gelassenheit und Ruhe.

 

buch2

Kristin Neff,
Selbstmitgefühl
Kailash Verlag, 384 Seiten, € 19,99
Selbstmitgefühl schützt vor Burn-out /Depressionen und stärkt die Gesundheit.

Das Vermächtnis der Evolution. Die vermeintlich einfache Formel zu Glück müssen wir Menschen jedoch erst trainieren, denn unser Gehirn ist seit Beginn der Menschheitsgeschichte darauf gepolt, das Negative zu erkennen und zu bewerten. „Der Mensch wurde nicht mit Krallen, Panzer oder Reißzähnen ausgestattet. Im Überlebenskampf konnte er sich von Beginn an nur auf sein Gehirn verlassen. Dieses war deshalb von Anfang an darauf programmiert, Gefahren zu erkennen,“ erklärt Autorin, Trainerin und Psychotherapeutin Dr. Patrizia Collard. Da es wichtiger war, den Säbelzahntiger im Gebüsch zu bemerken als den schönen Sonnenaufgang, fokussierte unser Gehirn von Anfang an auf das Negative. „Sobald unser inneres Alarmsystem bei einer gefühlten Bedrohung anschlägt, löst die Amygdala, ein Teil unseres Gehirns, eine Kampf- oder Fluchtreaktion aus – und zwar damals wie heute“, so die gebürtige Wienerin, die als Lehrbeauftragte für Psychologie an der University of East London lehrt. „In unserer Zeit müssen wir uns in Europa nicht mehr vor wilden Tieren fürchten, an ihre Stelle sind Ängste getreten, die durch die westlich geprägte Leistungsgesellschaft entstanden sind.“ Die Angst etwa, den eigenen oder den Ansprüchen anderer nicht zu genügen, die Befürchtung, in einer immer schneller werdenden Welt nicht mehr mitzukommen oder durch negative Lebensereignisse wie eine Scheidung oder den Verlust des Arbeitsplatzes gesellschaftlich nicht mehr dazuzugehören. „Da unser Gehirn nicht unterscheiden kann, ob die Gefahr von außen kommt oder die Bedrohung sich in unserem Inneren abspielt, richtet sich dasselbe Reaktionsmuster gegen uns selbst. Anstelle von ‚kämpfen‘ tritt dann die Selbstkritik, an die von ‚Flucht‘ die Selbstisolation.“

Eine Frage der Hormone. Doch nicht nur die Evolution ist schuld daran, dass wir uns mit wenig Verständnis und viel Selbstkritik begegnen. Auch Kindheitserfahrungen, wie etwa besonders kritische Eltern oder Lehrer, tragen zu der Entwicklung bei. Mit Selbstkritik beginnt ein Teufelskreis, denn je mehr wir uns verurteilen, desto schlechter fühlen wir uns. Zudem schüttet das Gehirn in solchen Situationen das Stresshormon Cortisol aus. Ein dauerhaft erhöhter Cortisol-Level macht uns jedoch krank. Die gesundheitlichen Folgen reichen von Schlafstörungen über Angstzustände, Unruhegefühl und Kopf- und Rückenschmerzen bis hin zu Depressionen und Immunsystemstörungen. Die gute Nachricht ist: Unser Körper hält auch ein Hormon parat, das den gegenteiligen Effekt aufweist. Das Bindungshormon Oxytosin sorgt für Gefühle wie Sicherheit, inneres Gleichgewicht, Ruhe und Zufriedenheit und wird in vielen verschiedenen Situationen ausgeschüttet – auch, wenn wir uns selbst liebevoll und achtsam behandeln. Selbstmitgefühl bietet also einen Ausweg aus der Misere, und auch wenn Mutter Natur uns ursprünglich anders programmiert hat – Selbstmitgefühl kann jeder Mensch üben und lernen. Es gibt sogar Kurse dafür. Kristin Neff und der Psychologe Christoper Germer haben ein achtwöchiges Programm namens „Achtsames Selbstmitgefühl“ entwickelt, das weltweit angeboten wird. Wer sich in Selbstmitgefühl üben will, muss aber nicht gleich einen Kurs besuchen. „Starten kann jeder ganz mit sich alleine“, erklärt Patriza Collard, die in Wien und London Selbstmitgefühl- und Achtsamkeitstrainings anbietet.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Aus Liebe zu mir
Seite 2 Mitgefühls-Pause

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