Mittwoch, 22. Mai 2019

Ana Forrest – wie sie dem Leben die Stirn bietet

02. August 2011
Wenn du Yoga dazu verwenden möchtest, emotionalen Schmerz zu heilen, musst du den Ort im Körper finden, an dem er sitzt, und lernen, den Atem dorthin zu lenken.

Foto: Peter Garmusch
yoga.ZEIT: Du hast sehr früh, mit 14 Jahren, mit Yoga begonnen. Wie bist du auf diesen Weg gekommen?

Ana Forrest: Mit 13 oder 14 Jahren – ich habe damals viel Alkohol getrunken und Drogen genommen. Die genaue Erinnerung, wann ich begann, ist deshalb etwas verschwommen. Es gab ein Mädchen in meiner Schule, keine Freundin, nur eine Bekannte von mir. Sie sagte eines Tages: Ich weiß etwas, das du nicht kannst! Ich trainierte mit Pferden und war ein ziemlich toughes Kind, zornig auf die ganze Welt. Ich schaute dieses Mädchen an: sie war klein, ein bisschen rundlich, etwas blass und sehr weich. Ich war eher hart. Ich holte meine Zigaretten heraus und sagte: WAS? Dabei dachte ich mir: es ist unmöglich, dass dieses Mädchen mir sagt, es gäbe etwas, das ICH nicht kann. Vielleicht nähen oder so etwas, das hätte sein können. Und sie nahm mich mit zu meiner ersten Yogastunde. Ich hatte keine Vorstellung, was da auf mich zukam. Yoga war damals nicht so bekannt. Im Kurs waren einige Frauen um die 20 bis 30. Aber die konnten alle zu ihren Füßen greifen. Für mich war die Distanz zu den Füßen unglaublich weit. Ich hab meine Hände grade mal übers Knie gebracht, mein Rücken tat weh und ich war total verkürzt vom Reiten. Oder Bogen: ich konnte nicht zu den Fußgelenken nach hinten greifen. Ich fühlte mich furchtbar. Aber aus irgendeinem Grund bin ich zurückgekommen. Ich kann mich sogar an den Namen des Mädchens erinnern: Robin, denn es gab zu dieser Zeit einen weiblichen Jockey der mich sehr beeindruckte: Robin Smith

yoga.ZEIT: Viele Yoginis bewundern die Geschmeidigkeit und Anmut deiner Asanas. Wie ist dein Verhältnis zu Disziplin und Ehrgeiz? Gehört das zum Yoga dazu?

Ana Forrest: Ich glaube, es ist viel mehr Freude und Leichtigkeit als Disziplin. Disziplin entsteht von selbst. Ehrgeiz ist ein komisches Wort, weil Menschen es in verschiedenen komischen Auslegungen verstehen. Viele sagen: ich möchte Yoga machen wie Ana.

Meine Schüler werden viel schneller lernen als ich das tat. Ich unterrichte mit dem Wissen aus allen Fehlern, die ich gemacht habe. Wenn jemand ehrgeizig ist: super! Ich kann ihm helfen, fortgeschrittene Posen zu machen. Aber es gibt Dinge, die wichtiger sind als in fortgeschrittene Asanas zu kommen, obwohl diese riesen Spaß machen! Man entdeckt sich selbst. Durch meinen Unterricht soll jeder zu seinem authentischen Selbst und seinem Spirit finden. Das ist wirklich wichtig für mich. Wenn jemand Handstand oder Skorpion am Weg dorthin lernt: super! Das nutzen wir als Tools zur Selbstfindung. Wir haben durch viele Schwierigkeiten zu gehen, um uns zu entdecken. Wie kann ich Yoga nutzen, um den Geist zu schärfen und zu klären? Wie legen wir den ganze Schmutz, den jeder Einzelne mit sich schleppt, ab? Das ist das Geheimnis, das wir alle lüften sollten.

yoga.ZEIT: Als Yogalehrerin bist du natürlich immer Vorbild. Wie siehst du dich in dieser Rolle? Würdest du sagen, du bist streng zu deinen SchülerInnen?

Ana Forrest: Meinst du den Yoga Rock- Star? Ich finde das persönlich recht amüsant. Wenn das der Grund ist, warum Leute zu mir kommen, lernen wollen und inspiriert sind: ok! Aber ich möchte, dass sie von mir lernen. Mein Leben war sehr herausfordernd. Ich habe eine Lebensmission, ein spirituelles Gelöbnis – das ist einer der Gründe, warum ich um die ganze Welt reise. Was immer Menschen zu mir bringt: sie sollen etwas mitnehmen, das wirklich wertvoll in ihrem Leben ist. Dann ist es auch für mich ok. Ich bin eine schillernde Persönlichkeit, und ich habe keine Angst mehr vor Kameras wie vielleicht in früheren Jahren. Ich habe erkannt, dass Menschen konditioniert sind auf Stars: Athleten, Schauspieler, Sänger und Yogis. Das ist ein Weg, wie man Menschen anspricht.

Ich kämpfe nicht darum, ein Star zu sein. Ich kämpfe darum, dass Menschen Barrieren durchbrechen. Da kann ich auch streng sein, aber lieber sehe ich mich als inspirierend.
Ana, Forrest, yoga
Foto: Peter Garmusch

yoga.ZEIT: Was oder wer inspiriert dich im Yoga besonders? Gibt es in deiner Liga der „Yoga-Megastars“ noch Vorbilder?

Ana Forrest: Meine Schüler inspirieren mich. Wenn ich Schüler sehe, die paralysiert sind, Angst haben, kulturell konditioniert sind: solche Menschen inspirieren. Die Natur inspiriert mich. Meine Zeremonien inspirieren mich. Meine Fähigkeit zu lieben, inspiriert mich. Das ist wirklich eine große Sache für mich. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem es keine Liebe gab. Ich wusste nicht, was das ist und es war bedeutungslos für mich. Dass ich lieben kann, dass ich liebe, was ich tue, dass ich meine Schüler liebe und dass ich in meinem privaten Leben liebe, ist ein Wunder für mich.

Ich habe die Energiebahnen studiert, mich mit verschiedenen Heilmethoden auseinandergesetzt, und ich wende diese auch an. Ich bin so neugierig darauf, weil es nichts Spannenderes gibt als Energie zum Fließen zu bringen. Das ist inspirierend! Auch inspiriert mich Arbeit mit speziellen Menschen. Unlängst habe ich begonnen, mit Kampfpiloten in England zu arbeiten. Das war wirklich interessant, weil diese Leute einer unglaublich intensiven Arbeit nachgehen. Sie arbeiten für etwas Größeres, Ganzes. Sie sehen sich selbst als Soldaten und als Beschützer der Menschen. Ich mache das gleiche – aber eben anders. Als ich zu ihnen kam, sagte ich: ich kann euch außergewöhnliches Wissen und verschiedene Techniken geben, die euch helfen durchzuhalten, wenn es wirklich hart ist. Sie ließen mich ihre Kleidung anziehen – sie war so schwer!

Ich habe versucht zu verstehen, welche Bewegungen sie machen und welche Praxis ihnen helfen kann: zum Beispiel wie man in den Lungen mehr Raum für den Atem schaffen kann, oder den Nacken effektiv entspannt.

Und dann gibt es noch einige Dinge, die ich zu erledigen habe, bevor ich sterbe! All das inspiriert mich! Nicht unbedingt die nächste Asana. Ich arbeite in England mit einem Mann, der Programme für abhängige Menschen (Drogen, Alkohol usw.) erarbeitet. Er ist Yogalehrer und wir entwickeln gemeinsam ein Paket, das diesen Leuten Tools gibt, an denen sie sich festhalten können, um von der Sucht wegzukommen. Das ist sehr aufregend. Es sind gut ausgebildete Mitarbeiter in diesen Rehabilitations- Zentren. Aber wenn ich meine Forrest Yoga LehrerInnen in Europa, wie Alexandra in Wien, dazu aufmuntern kann dort hinzugehen und Forrest Yoga zu unterrichten, können wir in diesen Zentren wertvolle Unterstützung bieten.

yoga.ZEIT: Du bist als Yogalehrerin viel auf Ausbildungen und Workshops rund um die Welt unterwegs. Wie sieht deine Yogapraxis aus?

Ana Forrest: Ich praktiziere 2–3 Stunden am Tag. Manchmal, wenn ich fliege, bin ich froh wenn ich mich einmal in die Vorwärtsbeuge begeben kann. Wenn ich um fünf Uhr aufstehe und dann den ganzen Tag unterwegs bin, brauche ich am Abend was zu essen und ein Bett. Es gibt Tage ohne Asanas. Aber ich mag es nicht, wenn ich nicht praktizieren kann. Ich fühle mich innerlich nicht gut. Der Schmerz war für mich ein intensiver Lehrer. Wenn ich nicht praktiziere, könnte ich zurückfallen in den Schmerz. Meine Yogapraxis hält Schmerz fern und den Geist intakt. Das ist meine Disziplin. Aber ich praktiziere auch, weil es mir Vergnügen bereitet. Ich habe gelernt, in meiner Praxis Genuss, Zufriedenheit, Freude und Ekstase zu finden. Ich mache das, weil es Nahrung für meinen Geist ist. Ich brauche eine regelmäßige Dosis davon. Ich muss auch in den Geheimnissen des Lebens weiterbohren, das ist auch etwas, das mein Geist braucht. Ich will die großen Mysterien entdecken – und das mache ich mit meiner Praxis. Das mache ich auch in den Gebeten, wenn ich meine Medizinpfeife rauche, das mache ich, wenn ich meine Hände auf eine Person lege. Ich heile unter anderem mit meinen Händen. Wenn ich deine Handfläche bearbeite, dann halte ich einen Teil eines großen Geheimnisses in Händen. Wie großartig ist es, die Energie darin zu spüren!
Ana Forrest, yogaFoto: Peter Garmuschyoga.ZEIT: Viele Yoginis sind etwas erschrocken, wenn sie deine Videos z.B. von der Yoga Journal Conference sehen, weil sie meinen, den Unterricht nicht mitmachen zu können.
Was sollte eine Yogini mitbringen, um in deine Workshops zu kommen?

Ana Forrest: Sie brauchen nur ihren Körper – das ist alles. Meine Assistenten sind wirklich super ausgebildet und werden gut unterstützen! Wir werden herausfinden, wie die Asana perfekt zum Körper passt und nicht den Körper in eine Yoga-Position zwingen! Handstände machen unglaublich Spaß und helfen, die Grenzen ein bisschen zu erweitern. Ich unterrichte aber auch Atmung und Nackenentspannung, das ist genau so wichtig. Die Menschen sollen lernen! Disziplin ist wichtig, aber es ist auch wichtig, mir und meiner 30-jährigen Erfahrung zu vertrauen. Ich arbeite mit Leuten, die wirklich schwer verletzt sind, aus dem Koma kommen oder sogar noch immer im Koma sind. Wenn ich mit diesen Menschen arbeite, und sie merken, dass das Leben leichter und freudvoller wird, wenn der Körper nicht so „vergiftet“ ist, ist das unglaublich aufregend für uns alle! Warum ich diese wilden Demos mache: ich bin 54! Und es soll vermitteln, dass nicht nur ich mit 54 Jahren das kann, sondern jeder. Ich bin nicht so geboren, ich bin verkrüppelt geboren und war ein Pferdetrainer und keine Gymnastik-Lehrerin. Ich war Alkoholikerin! Ich möchte zeigen: schau, was möglich ist! Und es ist auch ein Tanz meines Geistes!

Wenn jemand sagt: ok – ich will das auch können, sage ich: Großartig! Geh auf deine Matte! Das ist Arbeit, aber es ist möglich.

yoga.ZEIT: Gibt es noch etwas Persönliches, das du den LeserInnen mitgeben möchtest?

Ana Forrest: Ich glaube, wenn Menschen etwas aus ihrem Leben machen wollen, ist Forrest Yoga eine gute Praxis für sie. Eine Praxis, die kräftigt, den Schmerz aus dem Körper verbannt, aber auch in einem sicheren Umfeld herausfordert. Meine Lehrer und Lehrerinnen sind sehr gut darin, ein geschütztes Umfeld zu schaffen. Jeder wird die Yogapraxis genießen, auch wenn manches neu oder ungewohnt ist. Forrest Yoga tut nicht nur dem Körper gut, sondern öffnet auch den Geist! Wenn du an einem Wendepunkt des Lebens stehst, hilft dir Forrest Yoga durchzugehen und Entscheidungen zu treffen. Im Yoga reißt du dir den Arsch auf, aber es gibt dir auch enorme Kraft! Nur weil du Yoga praktizierst, verschwinden die Herausforderungen deines Lebens nicht. Überhaupt nicht – du nimmst sie noch bewusster wahr! Aber du lernst Tools, um das Leben anzunehmen, interessanter und wertvoller zu gestalten!


NAME: Ana Forrest
BEKANNT ALS: Yoga Rockstar
ALTER: 54 Jahre
WAR: missbraucht, drogenabhängig und litt an Bulimie
STARTETE YOGA: mit 14 Jahren
WILL: inspirieren und die Menschen von den Dingen befreien, die sie hart und krank machen
RAUCHT: Medizinpfeife während ihrer Gebete
DEMNÄCHST: erscheint ihr Buch „Fierce Medicine“
FORREST YOGA ENTHÄLT: Atem – Kraft – Integrität – Geist


Autor: Birgit Pöltl

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