Mittwoch, 20. Februar 2019

Wer die Rose liebt nimmt die Dornen in Kauf!

16. Januar 2012
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Versuchen Sie, sich vom Idealbild Vater-Mutter-Kind zu verabschieden. Lassen Sie sich neugierig und zuversichtlich auf Ihre besondere Familienform ein.

Illustration: Carola Holland
Patchworkfamilie (also „zusammengesetzt“) nennt man üblicherweise eine Familie, die entsteht, wenn zumindest ein Partner ein Kind in eine neue Beziehung mitbringt. Das heißt, es müssen weder beide Partner Kinder haben, noch muss es ein gemeinsames Kind geben. Da auch eine Heirat nicht notwendig ist, leben viele Menschen in Patchworkfamilien, ohne es zu wissen.

Patchworkfamilien gibt es schon sehr lange. In früheren Jahrhunderten war das Risiko, jung zu sterben, viel höher. Ein-Eltern-Familien waren keine Seltenheit. Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit entstanden in der Folge Patchworkfamilien. Heute wird allerdings den Einflüssen dieser Familienform auf die Kinder viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt als früher.

Cemile lebt seit ihrer Scheidung vor drei Jahren mit ihren beiden Kindern Ates (8 Jahre) und Bora (6 Jahre) in Wien. Ursprünglich stammt sie aus Istanbul. Der Vater der Kinder ist nach der Trennung nach Istanbul zurückgekehrt. Die Kinder sehen ihren Vater regelmäßig in den Semester ferien und im Sommer. Cemile lernt in Wien Vincent und seine achtjährige Tochter Carmen kennen. Nach einem halben Jahr zieht Cemile mit ihren beiden Söhnen zu Vincent. Allerdings haben Cemile und Vincent die Kinder nicht darauf vorbereitet. Diese reagieren sehr ablehnend auf die neue Situation.

Carmen, die nun plötzlich alles mit den Stiefbrüdern teilen muss, beschwert sich bei Vincent, dass er nicht mehr genug Zeit mit ihr verbringt. Ates und Bora spielen miteinander, ohne Carmen mit einzubeziehen und sprechen untereinander oft Türkisch. Vincent will daraufhin den Buben verbieten, daheim ihre Muttersprache zu sprechen, was zu einem Streit mit Cemile führt.

Natürlich gibt es in jeder Familie Konflikte, in Patchworkfamilien jedoch ist das Risiko dafür besonders groß - und die Gefahr des Scheiterns hoch.
Für die Entwicklung von Harmonie und Balance in der neuen Familie sind vor allem Geduldund viel Zeit notwendig. Als Faustregel gilt: Bis zu fünf Jahre braucht es, bis alle Bedingungen für ein glückliches Zusammenleben erfüllt sind. Mühe und Ausdauer werden aber sicherlich belohnt. Am Ende erwerben die Kinder gute soziale Fähigkeiten, Kompromissfähigkeit und Toleranz. Und jedes Familienmitglied profitiert vom großen Netzwerk und der gegenseitigen Unterstützung.

Was hilft dabei, den Start in die Patchworkfamilie zu erleichtern?

Beziehen Sie zunächst Ihre Kinder in die Planung der neuen Familiengründung mit ein. Geben Sie sich und den Kindern Zeit, sich an die Veränderungen zu gewöhnen und respektieren Sie alle Gefühle. Stellen Sie die Kinder nicht vor vollendete Tatsachen – sie fühlen sich dann übergangen.

Wenn Mann und Frau Kinder mitbringen, geht es als erstes darum, Balance und Harmonie unter allen Familienmitgliedern herzustellen. Legen Sie Aufgabenteilung und Zuständigkeiten klar fest. Das gibt allen Sicherheit und Orientierung.

Die Kinder müssen die Möglichkeit haben, ihre biologische Mutter oder den biologischen Vater zu treffen und mit ihr oder ihm Zeit zu verbringen. Sprechen Sie nie schlecht über den abwesenden leiblichen Elternteil.

Wenn Sie auch eigene Kinder haben, stehen Ihnen diese gefühlsmäßig näher. Sie dürfen Unterschiede machen! Solange diese niemanden kränken oder beschämen.

In Cemiles Familie ist zusätzlich die Zweisprachigkeit ein Thema. Natürlich muss es eine gemeinsame Sprache geben, die alle Familienmitglieder verstehen. Es ist aber ebenso wichtig und notwendig, dass die mitgebrachten Erstsprachen weiter gesprochen werden und respektiert werden.

Je besser und genauer sich die Erwachsenen vor der Familiengründung über Wünsche und Pläne austauschen, desto besser werden sie mit Problemen umgehen können. Denn jedes einzelne Familienmitglied ist einzigartig und hat seine eigene Geschichte.

Gegenseitiger Respekt und Anerkennung der Unterschiedlichkeit entscheiden darüber, wie die Puzzlesteine zu einem gelungenen Ganzen zusammengesetzt werden.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Wer die Rose liebt nimmt die Dornen in Kauf!
Seite 2 Tipps für Eltern


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