Donnerstag, 19. September 2019

Was Kinder (nicht) brauchen

24. Januar 2012
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Kinder suchen männliche und weibliche Vorbilder. Diese finden sich in der Familie und in der Umgebung. Alleinerziehende brauchen den anderen Elternteil nicht zu ersetzen.

Illustration: Carola Holland Obwohl er gerade mitten in der Pubertät steckt, ist Markus ein umgänglicher Jugendlicher. Sorgen macht sich seine Mutter nur wegen seiner Leistungen in der Schule. Die haben in letzter Zeit nachgelassen. Markus will nicht darauf angesprochen werden. Fragen oder Kritik beantwortet er mit Vorwürfen an seine Mutter: “Ich habe den Test nicht geschafft. Dafür hast du es nicht geschafft, dass Papa bei uns bleibt!” Oder: "Wenn wir eine richtige Familie wären, wäre ich auch besser in der Schule.”

Markus’ Eltern sind seit fünf Jahren getrennt. Seither gab es immer wieder Phasen, in denen Markus seinen Vater trotz der Besuchskontakte besonders vermisste. Seine Mutter zeigte Verständnis und nahm sich Zeit für lange tröstende Gespräche. Vorwürfe aber sind ihr neu und verletzen sie. Schließlich war sie damals die Verlassene …

In Entwicklungsphasen, die von Loslösung geprägt sind (also vor allem Kindergartenzeit und Pubertät), sind Vorwürfe typisch. Wie sie geäußert werden, ist je nach Geschlecht und Temperament verschieden. Markus braucht jetzt einen männlichen Erwachsenen als Reibebaum und zur Identitätsfindung. Neben seinem Vater kann das aber etwa auch ein Onkel, Lehrer oder Trainer sein. Markus’ Mutter reagiert richtig, wenn sie gelassen bleibt und die Vorwürfe nicht als Undankbarkeit, sondern nur Unsicherheit deutet.

Für jedes Kind ist es das Beste, wenn Mutter und Vater verfügbar sind. Wie in anderen Bereichen des Lebens soll das Bestmögliche zur Orientierung dienen, aber nicht als einzige Lösung. Wenn ein Elternteil im Leben Ihres Kindes aufgrund der Umstände nicht oder nicht ständig verfügbar ist, steht seiner gesunden Entwicklung trotzdem nichts im Wege. Was zählt ist, wie Sie Ihre Rolle als alleinerziehende Mutter oder als alleinerziehender Vater gestalten. Den anderen Elternteil können und sollen Sie nicht ersetzen. Wohl aber können Sie die Grundbedürfnisse Ihres Kindes nach Geborgenheit, Anerkennung und dem Erkunden von Neuem erfüllen – und das ist es, was seine gesunde Entwicklung garantiert.

Mehr zum Thema
„Mama, erzähl mal“ und „Papa, erzähl mal“ von Elma van Vliet, Ilka Heinemann und Mathias Kuhlemann, Droemer/Knaur
Mit diesem Buch können Sie Ihren Erinnerungsschatz teilen. Beantworten Sie die Fragen – z.B. Was wolltest du werden, als du klein warst? Wer war deine erste große Liebe? Was würdest du rückblickend in deinem Leben anders machen? … –, und geben Sie das Buch als persönliches Geschenk an Ihre Kinder weiter.

Tipps
  • Leben Sie Ihre Elternrolle bewusst und auf Ihre persönliche Art.
  • Fragen Sie sich bei Problemen des Kindes zuerst, ob sie mit dem momentanen Entwicklungsstand oder einer aktuellen Situation zu tun haben können und suchen Sie hilfreiche Unterstützung.
  • Bemühen Sie sich um eine Besuchsregelung, die dem Wohl Ihres Kindes dient.
  • Kinder haben immer wieder Phasen, in denen Sie den fehlenden Elternteil besonders vermissen. Versuchen Sie nicht, diesen zu ersetzten, sondern zeigen Sie Verständnis für die Gefühle des Kindes und helfen Sie Ihm beim Verschmerzen des Verlustes.
  • Lassen Sie Ihre Familienform nicht als Ausrede oder Vorwurf gelten.
  • Informieren Sie sich über Entwicklungsschritte Ihres Kindes und freuen Sie sich über seine individuelle Art zu wachsen und zu reifen.
  • Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Kind einmal erwachsen sein und ausziehen wird und pflegen Sie auch eigene Interessen, Hobbys und Kontakte.

Ihr Kind hat seinen Vater, seine Mutter nie kennen gelernt?
Für jedes Kind ist es wichtig, Antworten auf die Frage nach den leiblichen Eltern zu bekommen. Diese Frage taucht meist im Kindergartenalter von selbst auf. Antworten Sie dem Alter entsprechend genau auf die gestellte Frage. Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, sich mit Hilfe von Geschichten und Fotos ein Bild von seinem Vater, seiner Mutter zu machen. So geben Sie ihm Orientierung.

Wichtig ist, dass Sie sich der positiven Dinge erinnern (auch falls Sie noch Groll hegen). Schließlich konnte sich Ihr Kind seine Eltern nicht aussuchen – und muss jetzt damit zurecht kommen, wo es „gelandet“ ist. Denken Sie daran: Gemeinsam haben Sie diesem Kind das Leben ermöglicht. Dies kann eine tragende, Mut machende Gewissheit für die Zukunft sein.

Auf manche Fragen gibt es keine Antworten. Wenn das Kind wütend oder traurig ist, dass seine Familie so ist wie sie eben ist, wenn es unbedingt haben will, dass der andere Elternteil wieder auftaucht, dann begleiten sie es wie bei anderen Gefühlsausbrüchen auch. Es muss eine große Enttäuschung verarbeiten. Versuchen sie nicht, den Kummer zu verkleinern, eine Lösung zu finden oder die Schuld dem anderen Elternteil zuzuschieben. Wenn Sie selbst traurig sind, können Sie das auch sagen: Geteiltes Leid ist oft erträglicher.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Was Kinder (nicht) brauchen
Seite 2 Anregungen für den Elternteil


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