Montag, 20. Mai 2019

Warum wir Kitsch brauchen

Ausgabe 07-08/2009
Souvenirs, Souvenirs – röhrende Hirsche, Gondeln aus Venedig, ein kleiner Eiffelturm aus Bronze oder Sand aus der Wüste. Was bedeuten die Mitbringsel aus dem Urlaub, was sagen sie über uns aus und warum brauchen wir sie für Herz und Seele?

Foto: photos.com
Miniatur-Komponistenbüsten, Geigen, Spieluhren mit dem Wiener Walzer, Porzellanpferdchen, Trachtenpärchen, und Sissi in allen Variationen – das kaufen Touristen am liebsten in Österreich. „Italiener kaufen am liebsten alles, was mit Monarchie zu tun hat, Japaner Musikdevotionalien, Franzosen Trachtenpärchen, Amerikaner und Spanier Bierkrüge“, so der Souvenirgroßhändler Günther Schlögl. Die ersten Österreich-Souvenirs gab es bereits kurz nach der touristischen Erschließung der Alpen: urige Älpler auf Postkarten oder in Form von Wurzelgesichtern. Heutzutage werden sie in Massenkonfektion auf Großfräsen hergestellt und zu Tausenden verkauft.

Vom Merkbüchlein zum Andenken
Erste Hochkonjunktur hatte das „kleine Ding mit Erinnerungsfunktion“ im ausgehenden 18. Jahrhundert. Zunächst stand das Wort Souvenir für ein „Merkbüchlein“ – einen kleinen Schreibblock oder auch ein Elfenbeintäfelchen in einer Schatulle im Taschenformat. Zur gleichen Zeit wurde auch der Begriff des Andenkens für Erinnerungsstücke eingeführt. Zunächst ging es dabei nur um das Andenken an Gott, wenig später um das Andenken an abwesende Personen und kurze Zeit darauf um Erinnerungen an vergangene Erlebnisse. Und damit sind wir bei den heiß geliebten Staubfängern angelangt, die auch heute noch nach jedem Urlaub die Regale füllen.

Symbol für Erlebtes
Doch was macht den Kult mit den Souvenirs heute so anziehend und warum können wir den kleinen Erinnerungsstücken einfach nicht widerstehen? Sie stehen als Warum wir Kitsch brauchen Souvenirs, Souvenirs – röhrende Hirsche, Gondeln aus Venedig, ein kleiner Eiffelturm aus Bronze oder Sand aus der Wüste. Was bedeuten die Mitbringsel aus dem Urlaub, was sagen sie über uns aus und warum brauchen wir sie für Herz und Seele? Die Könige der Souvenirs: In Japan ist das Verteilen von Mitbringseln an sämtliche Verwandte und Arbeitskollegen ein absolutes Muss. Symbol für das touristische Erleben, weiß die moderne Psychologie. Material oder gar gestalterischer Wert sind dabei sekundär. Das gute Stück soll möglichst plakativ sein und das Stereotyp der jeweiligen Kultur repräsentieren, und dazu noch billig, denn heutige reisende besuchen meist viele Orte und wollen von überall eine Erinnerung in Form eines Souvenirs mitnehmen. Von daher erklärt sich wohl auch, warum Reisesouvenirs jeglichen vertrauten Kunst-, Schönheits- oder Geschmacksbegriff ad absurdum führen dürfen.

Fetische, Trophäen & Konsum
Die Könige der Souvenirs sind vermutlich die Japaner. Das Verteilen von Mitbringseln aus fernen Landen an sämtliche Verwandte, Bekannte und Arbeitskollegen ist im Lande Nippon ein absolutes Muss, und auch dortzulande wird für fleißigen und reibungslosen Souvenirkonsum gesorgt.

Denn reisen haben immer etwas mit Flucht aus dem Alltag zu tun, mit dem Aufbau von Gegenwelten und mit idealem Leben, und da ist ein Souvenir gerade das richtige, um den wahr gewordenen Traum greifbar zu machen. Tatsächlich haben Souvenirs Doppelcharakter. Einerseits sind sie Erinnerungsobjekte, andererseits so etwas wie Trophäen oder Fetische, Zeichen, dass man sich etwas angeeignet hat. Oft sind sie verbunden mit der Erinnerung an einen ganz bestimmten Ort, eine bestimmte Situation oder das Zusammensein mit ganz bestimmten Menschen.

Bei der reise in die weite Welt, kommt’s allerdings oft zu Reizüberflutungen. Werden so viele Stationen absolviert, dass für die Besichtigung der eigentlichen Sehenswürdigkeiten nur kurz Zeit bleibt, dann wächst das Bedürfnis, den Eindruck festzuhalten: in Form von Andenken, Fotos oder Postkarten.

Kitsch als Ansichtssache
So richtig schön kitschig sind viele dieser Ansichtskarten, was vielleicht damit zusammenhängt, dass die Begriffe „Kitsch“ und Postkarten zur selben Zeit aufgekommen sind. Im Jahr 1870 wurde der Begriff „Kitsch“ zum ersten Mal von Münchner Künstlern verwendet, um Billigmalereien von echter Kunst abzugrenzen. Im selben Jahr entstanden in Österreich die ersten illustrierten Postkarten mit Abbildungen von Naturschönheiten, historischen Gebäuden und in Szene gesetzten Einheimischen. Das war lange bevor es Massentourismus gab, aber auch heute noch ist die Ansichtskarte als Urlaubsrequisit extrem wichtig. Oft wichtiger als der tatsächliche Blick, den ein Tourist oft gar nicht erhascht, denn wer sieht schon den Grand Canyon aus der Vogelperspektive oder das Taj Mahal ohne einen einzigen störenden Touristen in der Nähe?

Strand, Postkarte, SandFoto: Friedberg - fotolia.com
In Pixel gebannt

Auch bei Urlaubsfotos geht es um Welteroberung, um Aneignen und Festhalten. Eine bekannte Fotofirma packte dieses zutiefst menschliche Bedürfnis vor einiger Zeit in einen genialen Werbespot, in dem Menschen samt ihrer Urlaubsumgebung in eine Filmpatrone hineingezogen werden. Der Slogan dazu: „Halt‘s fest!“

Kitsch & Kunst
Kunsthistoriker sprechen im Zusammenhang mit Souvenirs von Airport Art: Im Gegensatz zu echten Kunstobjekten muss man über ihre Bedeutung nicht lange nachdenken, und bei der Produktion von Andenken steht die Reduktion auf einfache Formen und Stereotype im Vordergrund. Und fast alle von uns sind anfällig dafür.

Und zu guter Letzt noch eins: Kitsch ist in. Wenn Sie also schon immer einen weinenden Harlekin aus Venedig, eine kleine Windmühle aus Holland oder Qigong-Kugeln aus China haben wollten, gönnen Sie sich‘s. Viel Spaß damit und einen wunderschönen Urlaub!


Souvenirs – worauf Sie beim Kauf unbedingt achten sollten
  • Leder: Machen Sie den Knautschtest: Echtes Leder ist geschmeidig. Fühlt es sich hart an, ist unter einer Lederschicht sicher nur Pappe oder Plastik.
  • Wandteller: Echtes Kupfer gibt einen Nachhall, wenn es dumpf klingt, ist es vermutlich nur Messing.
  • Münzen: Fast alle Münzen, die – z.B. neben Ausgrabungsstätten – als antik angepriesen werden, sind es nicht. Sie haben den antiken Touch im Salzsäurebad erhalten.
  • Schmuck: Verlassen Sie sich nicht auf vermeintliche Stempel. Ausnahme: In der Türkei und in arabischen Ländern besteht Goldschmuck meist aus hochwertigen Legierungen.
  • Teppiche: Teppichkauf ist reine Vertrauenssache. Es gibt nur einen Tipp: Je höher die Anzahl der Knoten pro Quadratzentimeter auf der Rückseite, desto wertvoller ist der Teppich. Achten Sie außerdem auf das Siegel der Kampagne „RugMark“ gegen Kinderarbeit.

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