Dienstag, 17. September 2019

Vom Glück, mehr als zwei Eltern zu haben

24. Januar 2012
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Um ein Kind zu lieben, muss man es nicht auf die Welt gebracht haben.

Illustration: Carola Holland
Dani und Patrick, 38 und 42 Jahre alt, haben beim Hausbau an alles gedacht: Ein helles Kinderzimmer, Platz für den Kinderwagen, eine Gartenecke für die Sandkiste. Doch leider wird Dani nicht schwanger. Die beiden probieren es mit künstlicher Befruchtung, aber auch das klappt nicht. Schließlich erkundigen sie sich beim Jugendamt über die Möglichkeiten, ein Kind zu adoptieren. Sie durchlaufen das vorgesehene Verfahren. Obwohl sie mit einer Wartezeit von zwei bis drei Jahren rechnen, kommt bereits nach mehreren Monaten der ersehnte Anruf: Sie dürfen ein Neugeborenes abholen, das von seiner Mutter zur Adoption freigegeben wurde.

Die Adoption ist die rechtliche Nachbildung des Eltern-Kind-Verhältnisses. Sie kommt durch einen Vertrag zwischen Adoptiveltern und Adoptivkind bzw. dessen gesetzlichem Vertreter zustande und muss vom Gericht bewilligt werden. Von der Übernahme des Kindes in Pflege bis zur gerichtlichen Bewilligung dauert es meist sechs Monate. In dieser Zeit wird beobachtet, wie es dem Kind bei seinen neuen Eltern geht. Leibliche und annehmende Eltern können jetzt noch von der Adoption zurücktreten.

Als Adoptiveltern übernehmen Sie die soziale Rolle der Eltern. Sie begleiten ein Kind ins Leben. Zwischen Ihnen entwickelt sich eine echte Eltern-Kind-Beziehung. Dennoch ist es für Ihr Kind wichtig, auch seine leibliche Herkunft und Geschichte zu kennen. Es soll von Anfang an wissen, dass es adoptiert wurde und wie es in Ihre Familie gekommen ist. Beantworten Sie alle Fragen offen und ehrlich.

Ein im Ausland adoptiertes Kind braucht noch zusätzlich die Bestätigung, dass Sie seinen kulturellen Hintergrund schätzen und dass es gerade wegen seiner Herkunft einzigartig ist.

„Sehr wichtig war für uns das Vorbereitungsseminar. Dort konnten wir gut Abschied nehmen vom Wunsch nach einem leiblichen Kind“, erzählt Felizitas, die gemeinsam mit ihrem Mann einen Buben aus Afrika adoptiert hat. Felizitas hatte zum Zeitpunkt der Adoption bereits einen 15-jährigen Sohn aus einer früheren Beziehung. „Ich wollte auch mit meinem Mann ein leibliches Kind. Ein Jahr lang haben wir es vergeblich probiert. Künstliche Befruchtung kam für uns nicht in Frage.“ Heute ist Felizitas glücklich über ihre beiden unterschiedlichen Kinder. Sie geht regelmäßig zu Treffen mit anderen Adoptiveltern, um sich über schöne und schwierige Erlebnisse auszutauschen. In der Kinderspielecke gibt es Kinder jeder Hautfarbe. Anders als in Kindergarten und Schule finden sie hier Gleichaltrige mit ähnlichen Lebensgeschichten. „Wie heißen deine Mamas?“, fragt Felizitas’ Sohn ein Mädchen. „Monika-Mama sitzt dort drüben. Und meine Bauchmama ist in Indien“, antwortet es.

Bei internationalen Adoptionen kommen die wenigsten Kinder gleich nach der Geburt zu ihren neuen Eltern. Sie haben oft mehrere Trennungen hinter sich, und eine neue Bindung einzugehen kann dauern. Je älter das Adoptivkind ist, desto wichtiger ist es, dass seine neuen Eltern Sitten und Sprache seiner Heimat zumindest ein wenig kennen. Eine internationale Adoption ist eine große Herausforderung an die Selbstsicherheit und Sozialkompetenz der Adoptiveltern. „Obwohl vor allem das erste Jahr nicht einfach war, würde ich die Entscheidung mit dem Wissen von heute wieder genauso treffen“, gibt Felizitas allen Eltern Vertrauen.

Tipps
  • Für Ihr Adoptivkind stehen Ihnen Elternkarenz und Kinderbetreuungsgeld zu.
  • Seien sie sich darüber im Klaren, dass Sie aufgrund des großen Interesses an Adoptionen mit einer Wartezeit von mindestens zwei bis drei Jahren rechnen müssen. Einzelpersonen und Ehepaare mit leiblichen Kindern haben generell eine geringere Chance auf ein Adoptivkind. Bei Kindern, deren leibliche Eltern gestorben sind, werden Verwandte als Adoptiveltern bevorzugt.
  • Informieren Sie sich bei einer Auslandsadoption schon vor der Adoption über das Land, aus dem Ihr Kind stammt. Lassen Sie das Kind mit dem Wissen um seine Herkunft aufwachsen.
  • Nehmen Sie insbesondere bei Auslandsadoptionen psychologische oder pädagogische Beratung in Anspruch, bevor Ihnen eine Situation mit dem Kind über den Kopf wächst.
  • Schwierige Erlebnisse, die Ihr Kind vor der Adoption hatte, können Sie nicht ungeschehen machen. Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, das Erlebte auf altersgemäße Art zu bewältigen. Dazu sind möglicherweise viele Etappen nötig.
  • Adoptiveltern von dunkelhäutigen Kindern müssen sich oft auch mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen. Seien Sie auf Vorurteile und Unverständnis vorbereitet. Mit angemessenen Reaktionen bieten Sie Ihrem Kind ein gutes Vorbild.
  • Verschweigen Sie Ihrem Adoptivkind nicht die Tatsache, dass es noch ein zweites Elternpaar hat. Klären Sie Ihr Kind möglichst früh und in altersgerechter Form über seine Herkunftsfamilie auf.
  • Geben Sie den leiblichen Eltern – auch wenn es schwierig ist – einen Platz im Erziehungsprozess.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Vom Glück, mehr als zwei Eltern zu haben
Seite 2 Wer kann adoptieren?


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