Montag, 16. September 2019

Und wer ist das in meinem Zimmer?

23. Januar 2012
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Geben Sie den Kindern Zeit, in ihrem eigenen Tempo aufeinander zuzugehen. Mit Fairness und einem offenen Ohr für Sorgen stärken Sie die Geschwisterbeziehungen.

Illustration: Carola Holland Laurenz und Valentin sind dicke Freunde. Dabei ist es noch nicht so lange her, dass sie einander nur skeptisch beäugt haben. „Mami hat sich verliebt“, hat Valentins kleine Schwester Emily vor einem Jahr zu Valentin gesagt. „Und der Marius hat einen Sohn, der genauso alt ist wie du. Morgen besucht er uns!“ Das erste Treffen der zukünftigen Stiefgeschwister war kein Erfolg. Valentin zog sich in sein Baumhaus im Garten zurück, und Emily stellte konzentriert die Möbel im Puppenhaus um. Laurenz saß neben seinem Vater und fand, dass diese Freundin weniger nett war als seine Mama.

Nun, ein Jahr später, wohnt Marius mit seiner Freundin Edda zusammen. Jeden Sonntag kommt Laurenz dazu und bleibt bis Dienstag. Die sechsjährigen Stiefbrüder spielen am liebsten im Baumhaus. Auch mit Edda hat sich Laurenz inzwischen angefreundet. „Sie macht am Sonntagabend immer Pizzateig, den wir Kinder dann belegen, das macht wirklich Spaß.“

Wie Stiefgeschwister miteinander auskommen, ist sehr unterschiedlich. Eine Rolle spielen die miteinander verbrachte Zeit, der Umgang der Eltern mit den Kindern, Geschwisterreihenfolge, Alter, Geschlecht und spontane Sympathie. Bis das neue Geschwistergefüge stabil ist, können Monate oder sogar Jahre vergehen.

Für die fünfjährige Emily ist Laurenz vorläufig nur ein Störenfried, der ihr regelmäßig den Bruder wegnimmt. Während die beiden im Baumhaus spielen, schleicht sie ins Bubenzimmer und versteckt Spielsachen oder zerstört Bauwerke. „Emily, lass das und geh wieder in dein Zimmer“, sagt Mami dann. Als abends beim Pizzabacken ein Streit zwischen Emily und Laurenz entsteht, verordnet Edda beiden Kindern eine Auszeit in ihren Zimmern. Emily schreit trotzig: „Du bist MEINE Mami und nicht SEINE!“

Unter Stiefgeschwistern geht es häufig um etwas ganz anderes, als es den Anschein hat. Hinter einem Konflikt kann der Versuch stehen, seinen Platz in der Familie zu behaupten. Oder einen Liebesbeweis von den Eltern zu erhaschen. Oder herauszufinden, zu wem Mami hält.

Edda hat Emilys Botschaft verstanden. Was diese mit ihren Streichen sagen will, ist: „Seit Laurenz oft bei uns wohnt, ist nichts mehr wie früher. Mein Bruder hat weniger Zeit für mich. Ob wenigstens Mami noch auf meiner Seite ist?“ Emily braucht viele kleine Beweise, dass sich an der Liebe ihrer leiblichen Eltern durch die neue Familiensituation nichts ändert. Außerdem muss sie wissen, dass es okay ist, wenn sie Laurenz nicht sofort mag.

Wichtig ist für Stiefgeschwister weiters die Erfahrung: Alle Kinder der neuen Familie sind gleich wichtig, sie werden gleichermaßen ernst genommen und weder bevorzugt noch benachteiligt.

Nach der Pizza schlägt Edda vor: „Wollen wir Kinder-Activity spielen? Jetzt haben wir endlich genug Mitspieler!“ Gut, dass Laurenz da ist, denkt Emily.

Tipps
  • Machen Sie sich bewusst, welche Veränderung Ihr Kind durch die neue Familienform erlebt und beobachten Sie sorgsam, wie es ihm damit geht.
  • Planen Sie neben Zeiten, wo die ganze Familie zusammen ist, auch genügend Zeit für jeden Elternteil mit den Kindern einzeln und mit den Kindern gemeinsam ein.
  • Beziehen Sie die Kinder bei der Gestaltung der Wohnung und beim Entwurf der Familienregeln von Anfang an mit ein.
  • Nehmen Sie sich bewusst Zeit für jedes leibliche Kind. Es ist wichtig, dass es auch alleine viel Zuwendung bekommt und nicht „in der Masse untergeht“.
  • Achten Sie bei der Verteilung der Aufgaben im Haushalt auf Ausgewogenheit und Gerechtigkeit.
  • Wenn Streitereien zum Dauerthema werden, suchen Sie mit den Kindern die eigentliche Ursache und erarbeiten Sie gemeinsam Lösungsmöglichkeiten.

Chef, Künstler, Charmeur – Die Geschwisterreihenfolge
Erstgeborene und Einzelkinder gelten als gewissenhaft und ehrgeizig. Letztgeborene sind leichtlebig und charmant. „Mittlere“ Kinder sollen kompromissbereit und kreativ sein.

Wenn auch nicht alles davon stimmt, so ist doch die Position, in die ein Kind hineingeboren wird, prägend. Durch die Geburt eines jüngeren Kindes ändert sich Vieles, die Position in der Geschwisterreihenfolge bleibt jedoch gleich. Und auf die Ankunft eines Babys kann sich die ganze Familie Monate lang vorbereiten.

In Stieffamilien ist das anders. Wenn beide Partner bereits Kinder haben, werden vielleicht Älteste zu Jüngsten, Einzelkinder entthront, Mädchen- oder Bubenmehrheiten getauscht. Ohne lange Vorbereitungszeit. Und die „Neuen“ sind meist nicht süße Babys, sondern kleine Persönlichkeiten, die man plötzlich Bruder oder Schwester nennen soll.

Ziel ist nicht, dass Geschwister dicke Freunde werden. Wichtig ist, dass sie Achtung voreinander haben und Konflikte lösen können. Gelingt das, ist es zugleich ein großer Beitrag zu ihrer sozialen Entwicklung.

Übersicht zu diesem Artikel:
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